Kiddusch

Tscholent und Wodka

Kiddusch-Becher: Bis an den Rand gefüllt, so dass er fast überläuft, soll er sein. Foto: Thinkstock

Bier und Wodka zum Kiddusch: Damit sich ihre Mitglieder beim gemeinsamen Imbiss nach dem Gottesdienst wohlfühlen, lässt die Jüdische Gemeinde Wiesbaden fast keine Wünsche offen. »Wir haben zwei bis drei Mitglieder, die nach dem Essen gerne eine Flasche Bier trinken«, sagt Steve Landau, Geschäftsführer der Gemeinde in der hessischen Landeshauptstadt.

Um gleich danach klarzustellen: »Der Bierkasten, den wir für den Kiddusch bestellen, reicht für mehrere Wochen!« Während den Erwachsenen in Wiesbaden zum Kiddusch am Schabbat meistens Hering, Lachs und Salate serviert werden, lockte das Jugendzentrum »Oz« der Gemeinde unlängst mit einem koscheren Menü aus Burgern, Pommes und Softdrinks zu einem »Schabbatvergnügen« am Freitagnachmittag.

Ob in Hessen, Baden‐Württemberg, Sachsen, Bremen oder Mecklenburg‐Vorpommern: Für die jüdischen Gemeinden gehört der Kiddusch – ein warmer oder kalter Imbiss am Freitagabend oder am Schabbatmittag für die Synagogenbesucher nach dem Gebet – fest zum Programm. Nicht überall fällt er üppig aus; nicht jede Gemeinde ist in der Lage, ihn allwöchentlich zu veranstalten.

Mancherorts, in finanziell klammen Gemeinden, werden Mitglieder um Spenden gebeten, um das gemeinsame Essen in der Synagoge oder im Gemeindezentrum mitzufinanzieren, wobei aber niemand für seine eigene Teilnahme am Kiddusch bezahlen muss. Und überall gilt, was Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), so formuliert: »Es ist wichtig, dass man zusammenkommt. Der Kiddusch hat eine wichtige soziale Funktion.«

GEMEINSCHAFT In der Landeshauptstadt Stuttgart wirkt das gemeinsame Essen nach dem Gebet am Schabbat sogar als Bindeglied zwischen den verschiedenen Strömungen des Judentums. Alle paar Wochen wird im kleinen Betsaal der Synagoge in der Hospitalstraße ein liberaler Gottesdienst abgehalten, während der orthodoxe Gottesdienst im großen Saal jede Woche stattfindet.

»Wenn die Liberalen schneller fertig sind mit dem Beten, dann warten sie mit dem Essen auf die Orthodoxen – und umgekehrt«, sagt Lars Neuberger, Sprecher der IRGW. Meistens wird den etwa 80 Essern Tscholent aus der Gemeindeküche serviert, dazu Salate, Kuchen und Obst. Für die Kosten kommt die Gemeinde auf, um Spenden für den Kiddusch wird nicht explizit gebeten. »Wir sind froh, wenn die Leute für spezielle Projekte spenden, für unseren Israel‐Wald oder die neue Synagoge in Ulm«, erläutert Neuberger.

Auch in dem Gotteshaus der IRGW in Ulm, das im Dezember eröffnet wurde, ist der Kiddusch ausgesprochen populär. »Am Freitagabend kommen etwa 70 bis 80 Leute, Gemeindemitglieder und ihre Familien. Wir kontrollieren aber keine Ausweise«, stellt der Ulmer Rabbiner Schneor Trebnik klar.

Spenden Die Gemeindeküche liefert Gefilte Fisch, Salate und manchmal Suppe oder andere warme Speisen. Auch nach dem Gebet am Schabbatvormittag können sich die Synagogenbesucher mit einem Kuchenimbiss und warmen Getränken stärken. Spenden für die gemeinsame Mahlzeit werden in Ulm nicht gesammelt, für die Finanzen ist die IRGW zuständig.

Die Jüdische Gemeinde zu Dresden dagegen ruft ihre Mitglieder offen dazu auf, für das leibliche Wohl der Beter die Geldbeutel zu öffnen. »Wir bemühen uns um gezielte Spenden für den Kiddusch, damit die Kosten nicht ganz auf den Gemeindehaushalt zurückfallen«, betont Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Gemeinde.

In manchen Jahren hätten Spender den Kiddusch komplett finanziert, in anderen Jahren etwa zu 50 Prozent. Am Freitagabend genießen die Beter meist Challot und Wein, am Schabbat Eier mit Fisch, Suppe und manchmal auch eine vollständige warme Mahlzeit. Demnächst, zur Einführung des neuen Gemeinderabbiners Alexander Nachama, plant die Gemeinde einen besonders festlichen Kiddusch.

Ehrenamtliche Um durch die Mahlzeiten für die Beter nicht über Gebühr beansprucht zu werden, setzen einige Gemeinden ehrenamtliche Mitarbeiterinnen ein und zahlen ihnen dafür eine Aufwandsentschädigung. Elvira Noa, Vorsitzende der Bremer Gemeinde, sieht gute Gründe für diese Lösung: »Bis vor einem Jahr gab es bei uns nur einmal im Monat einen Kiddusch. Dann haben wir angefangen, ihn jede Woche zu veranstalten.«

Die wöchentliche Tscholent‐Mahlzeit, die die Küche der Gemeinde‐Kita vorbereitete, sei die Gemeinde allerdings anfangs so teuer gekommen, dass man auf die Ehrenamtlichen umschwenkte: »So haben die Kosten einen erträglichen Level erreicht«, resümiert Noa. Die Bremer Gemeindevorsitzende findet die Anspruchshaltung mancher Juden in Bezug auf den Kiddusch kritikwürdig: »Es ist nicht die Sache der Regierung oder des Senats, die Leute zu verköstigen.«

Selbstverständlich gehöre gemeinsames Essen zur jüdischen Tradition. Genauso wichtig sei es aber im Judentum, für heilige Dinge zu spenden, betont Elvira Noa: »Wir zwingen niemanden, aber zum Glück finden sich immer genug Leute, die das auch tun.«

Kleine Aufwandsentschädigungen für die Frauen, die den Kiddusch vorbereiten, haben sich auch in der Jüdischen Gemeinde Schwerin eingebürgert. »Wir würden gerne mehr bezahlen, aber leider geht das nicht«, sagt der Gemeindevorsitzende Valeriy Bunimov.

vorschmack Freitagabends gibt es Fischbrötchen und Salate, am Schabbatmittag manchmal auch Vorschmack – ein Gericht, das in Finnland viel gegessen wird, sich aber auch im osteuropäischen Judentum eingebürgert hat, eine warme Mischung aus Fleisch mit Zwiebeln und Fisch, manchmal auch nur aus Fisch, Zwiebeln und Anchovis. Um Spenden für den Kiddusch für die 35 bis 50 Beter wird in Schwerin nicht ausdrücklich gebeten – wenn jemand etwas beitragen möchte, ist die Gabe aber willkommen.

Allerdings ist der Kiddusch nicht der teuerste Posten im Haushalt, kann aber kleine Gemeinden sehr belasten. Doch die Erfahrungen in Mecklenburg‐Vorpommern zeigen, dass die gemeinsame Mahlzeit als »niedrigschwelliges Angebot« geeignet ist, Menschen zum Besuch der Gottesdienste zu motivieren.

»Unsere Gemeinde besteht zu 99,9 Prozent aus Zuwanderern«, sagt Valeriy Bunimov. Die meisten von ihnen seien ältere Menschen und hätten in der früheren Sowjetunion kaum Verbindungen zur jüdischen Tradition pflegen können: »Vor zwölf Jahren, als wir mit dem Kiddusch begannen, erschienen viele nur zum Essen. Aber das hat sich geändert, heute kommen sie auch zum Gottesdienst.«

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