Aktivitäten

Torastudien und Tanzstunden

Immer ein großer Anziehungspunkt für Zuwanderer: Bibliothek in einem Gemeindezentrum Foto: Paul Esser

Deutschkurse, Computer-Workshops, Tanzstunden – was wie das Programm einer Volkshochschule klingt, ist in Wirklichkeit das, was in vielen jüdischen Gemeinden zum festen monatlichen Angebot gehört.

Kurse und Kulturveranstaltungen dienen jedoch nicht nur der Unterhaltung, sondern vor allem auch der Integration – und sind besonders für die vielen älteren Mitglieder wichtig, um Anregungen zu bieten und Einsamkeit vorzubeugen.

Was aber wird konkret angeboten? Die Jüdische Gemeinde Potsdam besteht »zu 100 Prozent aus Kontingentflüchtlingen«, erzählt Evgeni Kutnikov, ihr stellvertretendes Vorstandsmitglied. Für die älteren Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die vor rund 15 Jahren in die Bundesrepublik immigirierten, habe es damals keine Deutschkurse gegeben. »Sie wurden für Leute im Rentenalter einfach nicht angeboten«, bedauert Kutnikov. Heute kommen keine Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR mehr, aber »wir bieten bis zu drei parallel laufende Kurse an, die auf sehr viel Resonanz stoßen«.

Informationsblatt Die monatlich auf Russisch und Deutsch erscheinende Gemeindezeitung Alef informiert über anstehende Termine in der Gemeinde. »Wir legen sehr viel Wert auf die religiöse Arbeit. Aber auch kulturelle Angebote sowie Integrationskurse sollen nicht zu kurz kommen«, beschreibt Kutnikov die Aktivitäten.

Das sei nicht immer einfach, denn die finanziellen Mittel seien knapp, und deswegen könne man längst nicht alles realisieren. »Aber wir nutzen auch die kleinste Möglichkeit, Projekte zu realisieren, indem wir beispielsweise mit der Stadt, dem Land, dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralwohlfahrtsstelle zusammenarbeiten und deren Angebote ausschöpfen. Wann immer wir das Gefühl haben, wir könnten etwas irgendwie schaffen, dann machen wir es auch.«

»Wir haben einen Kinderklub mit eigenständigen Angeboten, der wie eine kleine Schule aufgebaut ist und von jüdischer Kultur und Religion bis hin zu PC-Unterricht und Tanz jede Menge bietet«, erzählt Annette Altschaffel von der Jüdischen Gemeinde Essen. Während die Eltern auf ihre Sprösslinge warten, haben sie die Möglichkeit, an Deutschkursen oder Gymnastikstunden teilzunehmen.

Jugendliche können im Jugendzentrum die regelmäßige Hausaufgabenbetreuung nutzen. Außerdem veranstaltet die Gemeinde, wann immer es finanziell möglich ist, ein eigenes Mini-Machane. Senioren freuen sich besonders auf die wöchentlichen Treffen, bei denen sie gemeinsam spielen, Lesungen lauschen, Ausflüge machen oder einfach nur gemütlich beisammen sitzen. »Unser Schwarzes Brett listet alle Angebote der verschiedenen Abteilungen auf.« Für jeden sei etwas dabei, berichtet Altschaffel.

junge Erwachsene Eine Gruppe habe allerdings erfahrungsgemäß nur wenig Zeit, zu Kulturveranstaltungen in die Gemeinde zu kommen: Junge Erwachsene sind mit Beruf und Familie meistens voll ausgelastet. »Aber auch für Alltagsprobleme sind unsere Beratungsangebote offen – und Beratung wird reichlich gesucht.« Die Hauptaufgaben »liegen im Sozial- und Integrationsbereich«, betont Altschaffel. Am wichtigsten seien jedoch die religiösen Angebote. »Auch die konnten wir in den vergangenen Jahren sehr erweitern, denn wir haben viele Mitglieder aus Georgien, die sehr religiös sind, sodass wir inzwischen auch mehr Gottesdiensttermine anbieten konnten.«

Die orthodoxe jüdische Gemeinde in Wolfsburg besteht erst seit rund fünf Jahren. »Für mich ist es immer noch ein Wunder, dass es in dieser Stadt Hitlers nun eine Synagoge gibt«, sagt der Gemeindevorsitzende, Rabbiner Jakov Josef Harety. Wolfsburg, 1938 von den Nazis als Stadt für die Arbeiter des Volkswagen-Werks gegründet, sollte eine Stadt ohne Religion werden, ohne Juden sowieso, aber auch christliche Kirchen waren in den Plänen nicht vorgesehen. Nun betreut die jüdische Gemeinde nicht nur ihre Mitglieder in Wolfsburg und Braunschweig, sondern auch Juden aus anderen Ländern, die bei VW arbeiten, wie Harety erklärt. »Aber wir wollen das Judentum auch den Nichtjuden näherbringen, deswegen haben wir uns zum Beispiel sehr engagiert, um die Woche der Brüderlichkeit in die Stadt zu holen.«

Schwerpunkt der Arbeit sei die Tora, sagt der gebürtige Israeli, aber auch »das Kulturprogramm kommt bei uns nicht zu kurz«. Eine Senioren- und eine Frauengruppe gibt es in der kleinen Gemeinde schon jetzt. »Was heißt schon kleine Gemeinde?«, fragt Harety. »Wenn es nur zehn Mitglieder wären und alle sind aktiv, ist es doch besser, als wenn es 1000 Mitglieder sind, und keiner will in die Synagoge kommen.«

knappe Kassen Natürlich sei es nicht immer leicht, in Zeiten knapper Kassen Veranstaltungen anzubieten. »Aber wir haben viel Unterstützung, sowohl vom Landesverband, als auch von ganz anderer Seite, wie zum Beispiel der IG Metall und dem Volkswagen-Werk.« Und wichtig sei doch vor allem, »zu zeigen, was Judentum ist, nämlich Freude und Frieden, und dieses entsprechend in der täglichen Arbeit zu repräsentieren«, meint Harety. Nicht ängstlich sein, nicht langweilig, den Leuten Interessantes bieten – er habe gute Erfahrungen damit gemacht, unter anderem als Rabbiner in Indien.

»Wir sind der einzige Landesverband, der keine Angestellten hat, wir bezahlen nur den Rabbiner, ansonsten arbeiten von der Sekretärin bis zum Geschäftsführer alle ehrenamtlich«, erklärt Valeriy Bunimov, Vorsitzender des LV Mecklenburg-Vorpommern die Schwierigkeiten bei der alltäglichen Arbeit. Zu denen auch Standortnachteile gehören, denn die demografische Situation in diesem Landstrich sei »sehr kompliziert«. Der Landesverband habe viele ältere Mitglieder, die Jüngeren gingen zum Studium in andere Städte und kämen später jobbedingt oft nicht wieder zurück.

Hinzu komme, dass sich die Mitglieder hauptsächlich auf zwei Städte verteilten: Schwerin und Wismar, wo das Gemeindezentrum aus einem angemieteten Büro besteht. »Bei uns ist eben alles ganz anders als in den großen Gemeinden Westdeutschlands«, sagt Bunimov. Gleichzeitig verweist er dennoch stolz auf die vielen Angebote, die die Gemeinde den jüdischen Schwerinern macht.

»Wir haben zum Beispiel ein Kulturzentrum, dessen Leiter Monat für Monat ein Programm vorbereitet, zu dem unter anderem Vorträge und regelmäßige Konzerte von Klezmer bis Klassik gehören.« Auch der synagogale Chor sei ein Markenzeichen der Gemeinde, »er begleitet unsere Feste musikalisch und macht das immer sehr gut und sehr feierlich«.

Vor einigen Jahren hatte sich auch ein Frauenklub gegründet, »der leider kein besonders großer Erfolg war«, bedauert Bunimov. »Nun haben wir aber eine neue, sehr engagierte Leiterin mit vielen Ideen, die bisher schon sehr gut ankommen. Da hoffen wir, dass dies auch so bleibt.«

Hilfe Ganz besonders wichtig für die älteren Senioren sind neben den regelmäßigen Deutschkursen die alltäglichen Hilfestellungen. »Einige Männer und Frauen aus der Gemeinde, die fließend Deutsch und Russisch sprechen, kommen bei unseren älteren Mitgliedern zu Terminen mit, vor allem zu Arztterminen. Das ist eine große Hilfe, denn medizinische Fachbegriffe zu verstehen, ist ja schon nicht so einfach, wenn man Muttersprachler ist«, weiß Bunimov. Zu bis zu 120 Terminen begleiten die Ehrenamtlichen Senioren im Monat. »Wenn Leute Hilfe brauchen, dann helfen wir, das ist unsere jüdische Mentalität.«

Der besondere Stolz der Gemeinde ist die eigene Bibliothek, die aus russisch- und deutschsprachigen Büchern besteht. »Vor allem für die Älteren bietet die Möglichkeit, Lektüre auszuleihen, eine gute moralische Unterstützung«, betont Bunimov. »Deswegen bieten wir eine breite Auswahl klassischer Werke, Bücher berühmter Schriftsteller, Judaica, aber eben auch Bestseller an.« Bücher allerdings sind teuer, zumal wenn man sie aus anderen Ländern importieren muss.

Oft bekommt die Gemeinde welche geschenkt. Darüber freut sich Bunimov. »Und ansonsten gilt: Wenn wir nicht so viel Geld haben, müssen wir eben sparen, und wenn wir sparen müssen, müssen wir halt den Markt gut beobachten – und das tun wir, zum Beispiel nutzen wir Sonderangebote und Ausverkäufe.«

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