Prenzlauer Berg

Torafreude am Wasserturm

Sonntagnachmittag, Kollwitzstraße: Während draußen die Sonne den Prenzlauer Berg in helles Licht taucht, sitzt der Sofer im Wohnzimmer von Fiona und Ilja Gorelik und schreibt die letzten Buchstaben der Tora. Um ihn herum stehen Mitglieder von der Gemeinde Kahal Adass Jisroel sowie Freunde der Familie und schauen dem Schreiber über die Schulter.

Die Sefer Tora ist eine Gabe der Goreliks, gespendet im Gedenken an Ruben Bollag sel. A. Vor einem Jahr verstarb der Vater von Fiona Gorelik in seiner Heimatstadt Zürich. Nachdem er jahrelang ein koscheres Hotel in seinem Geburtsort Lugano führte, übernahm er später in Zürich eine Bäckerei. Er hinterließ seine Ehefrau Mona und drei Kinder: Sohn David und die Töchter Joelle und Fiona. Joelle ist mit Rabbiner Joshua Spinner, dem Vizepräsidenten der Ronald S. Lauder Foundation, verheiratet und hat mit ihm drei Kinder.

Luftballons Es ist also nicht nur ein großer Tag für die Gemeinde, es ist auch ein ganz besonderer Anlass für die Familie. In der Wohnung von Fiona und Ilja Gorelik herrscht freudige Stimmung. Kinder spielen Fangen, haben Luftballons in der Hand, ein Buffet mit Kuchen ist aufgebaut. Es wird Deutsch, Englisch, Hebräisch, Jiddisch, Russisch und Italienisch gesprochen. »Was, Sie kommen aus Stockholm? Kennen Sie die Familie Finkler?«– »Finkler? Das sind meine besten Freunde!«

Währenddessen sitzt der Sofer, buschiger Bart, Brille mit Kette und Federkiel in der rechten Hand, am Wohnzimmertisch. Nacheinander bittet er Verwandte und Freunde der Familie, einen Buchstaben zu schreiben. Manche haben kaum die Wohnung betreten, da werden sie schon an den Tisch geordert: mazel tov, shkoyach!

Zum Schluss ist Hausherr Ilja an der Reihe: Er schreibt auch den letzten Buchstaben – Lamed, den zwölften Buchstaben im hebräischen Alphabet. Während die Tinte trocknet, werden »kleine L’Chaims« in Gläsern verteilt. Dann wird die Sefer Tora zusammengerollt, und die Gäste gehen auf die Straße. Unter dem Baldachin wird die neue Rolle am Wasserturm vorbeigetragen. Es wird gesungen und getanzt, ein Gegenspieler musiziert, Passanten bleiben stehen und nehmen mit ihren Handys Videos auf. Begleitet wird der Umzug von einigen Polizisten – sicher ist sicher.

Aron Kodesch Nach rund 500 Metern sind die Frauen und Männer in den Räumen von Kahal Adass Jisroel, in einem Nebengebäude der Synagoge Rykestraße, angelangt. Dort muss die Tora einige Treppen nach oben getragen werden, bis sie an ihrem Bestimmungsort angekommen ist. Es werden Gebete gesprochen, danach wird sie im Toraschrein des Yeshurun-Minjans verstaut.

Torastifter Ilja erinnert sich zu diesem Anlass an seinen verstorbenen Schwiegervater. »Ruben legte Wert auf Großzügigkeit und Familie. Es ging nicht um Kavod, sondern ums Helfen. Er hat gerne gegeben, und zwar dort, wo es wirklich gebraucht wurde. Hier dawnen meine Frau, seine Tochter und ich, hier hat er gebetet, wenn er uns besucht hat.« Ähnlich beschreibt auch Sohn David seinen Vater: »Er wurde von jedem gemocht, er hat Machloikes immer vermieden, sogar Streitigkeiten von anderen geschlichtet.«

Am Ende der Toraeinbringung erläutert Rabbiner Joshua Spinner die Bedeutung der religiösen Pflicht. »Warum ist es eine Mizwa, Tora zu schreiben? Weil wir dadurch erst Tora lernen können!« Und auch er erinnert sich – mit brüchiger Stimme – an seinen Schwiegervater: »Sein Sohn David hat für ihn ein Jahr Kaddisch gesagt. Beide seiner Töchter haben geheiratet – der eine Mann hat einen Minjan aufgebaut, der andere eine Sefer Tora geschrieben. Dieser Teil seines Vermächtnisses bleibt bestehen.«

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