Görlitz

Tief im Osten

Erstrahlt in neuem Glanz: die kleine Synagoge in Görlitz Foto: Brigirtte Jähnigen

Als Kulturforum Görlitzer Synagoge ist vor einigen Wochen nach mehr als 30 Jahre währender Sanierung die frühere Neue Synagoge in der östlichsten Stadt Deutschlands wiedereröffnet worden. Bisher weniger Beachtung fand, dass der frühere Bau neben einem mehr als 300 Plätze fassenden Kuppel- und einem kleineren Sitzungssaal auch über eine kleine Wochentagssynagoge verfügte. In ihr wurden kürzlich die ersten Gottesdienste nach 80 Jahren gefeiert.

Die Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, Nora Goldenbogen, freut sich über die Eröffnung. »Wir haben uns als Jüdische Gemeinde zu Dresden und vom Landesverband dafür eingesetzt, dass im Zuge der Gesamtrestaurierung die Wochentagssynagoge erhalten bleibt.« Sowohl Besucher von außerhalb wie auch mögliche Mitglieder einer örtlichen Gemeinde sollten in Görlitz einen Ort finden, wo jüdisches Leben möglich ist. »Wir unterstützen die Entwicklung jüdischen Lebens«, betont Goldenbogen.

Hatte doch auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) anlässlich der Eröffnung des Kulturforums Görlitzer Synagoge aufgerufen, »gegen Judenhass zu stehen«.

Das Görlitzer Kulturforum könne einen Beitrag zur Wissensvermittlung leisten, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Alex Jakobowitz, Erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Görlitz und Umgebung, erweitert den Blickwinkel. »Es reicht nicht, zu Kulturveranstaltungen und Antisemitismusreferaten einzuladen, es muss in diesem Haus auch jüdisches Leben stattfinden«, sagt Jakobowitz.

Knapp 30 Mitglieder hat die Jüdische Gemeinde Görlitz und Umgebung bisher. Sie kommen aus Deutschland, Polen, der Ukraine, aus Israel und den USA. Darunter sind Nachkommen von ausgewanderten Görlitzer Juden und solche, die sich zur Konversion entschlossen haben. Eine Zuwanderung aus den Ländern der GUS wie aus anderen deutschen Städten fand auch wegen eines fehlenden Bethauses hier im tiefen Osten nicht statt.

Schoa Der letzte Gottesdienst in der Synagoge an der Neißestadt wurde im September 1940 gefeiert. Lebten 1933 noch 376 Juden in Görlitz, waren es 1938 nur noch 207, bei Kriegsende zwei.

2008 lernte der gebürtige Amerikaner Alex Jakobowitz, der seit 20 Jahren in Berlin lebt, Juden aus Görlitz kennen. »Wir haben uns bekannt gemacht, ich kam nach Görlitz und sah die Synagoge in der Otto-Müller-Straße«, erinnert sich Jakobowitz an die Anfänge seiner Görlitzer Zeit. Bald wurde er Mitglied im »Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V.« und später dessen zweiter Vorsitzender. Der Kreis hatte sich eine »Nutzung des Gebäudes, die dessen ursprüngliche Bestimmung respektiert«, sowie die »Errichtung eines Kulturforums« auf die Fahnen geschrieben.

Sachbuch Jakobowitz hat die Geschichte des Görlitzer Judentums, ihrer Synagogen, der Mikwe und des Friedhofs in der Biesnitzer Straße aus deutschen und israelischen Quellen recherchiert. In einem Sachbuch mit dem Titel Die Neue Görlitzer Synagoge (Verlag Hentrich & Hentrich) ist das zusammengetragene Wissen nachzulesen.

»Erste Juden siedelten sich in Görlitz im 14. Jahrhundert an«, heißt es in dem Buch von Alex Jakobowitz.

»Erste Juden siedelten sich in Görlitz im 14. Jahrhundert an. Sie lebten mit ihren nichtjüdischen Nachbarn in der Judengasse«, berichtet Jakobowitz. 1853 sei die sogenannte Alte Synagoge zwischen Obermarkt und Langenstraße für die damals mehr als 600 Görlitzer Gemeindemitglieder erbaut worden. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden war nicht ungetrübt: Obwohl sich ab 1847 Juden in allen Gebieten Preußens ansiedeln durften, wehrte sich die Stadtverwaltung dagegen.

Am 3. Juli 1869 garantierte König Wilhelm I. im preußischen Gesetz die Gleichberechtigung aller »Konfessionen«. 1909 wurde am heutigen Standort mit dem Bau der Neuen Synagoge nach Plänen der Dresdener Architekten William Lossow und Max Hans Kühne begonnen. 1911 wurde das Gotteshaus mit Frauenempore und Orgel eröffnet. Emanuel Alexander-Katz war Gemeindevorsteher. Die Festrede hielt Rabbiner Siegfried Freund (1829–1915).

Anders als in Berlin oder Breslau (Wrocław) mit mehreren Synagogen verschiedener jüdisch-religiöser Ausrichtungen fand die kleinere Görlitzer Gemeinde einen Kompromiss zwischen moderner Orthodoxie und liberalem Judentum.

Auswanderung 1913 wurde Hilde Mirjam Rosenthal – als Mira Lobe Autorin vieler Kinder- und Jugendbücher – in Görlitz geboren. Schon in der Schule litt sie unter Antisemitismus und wanderte mit ihrer Familie nach Palästina aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie nach Europa zurück – aber nicht in ihre Heimatstadt, die infolge der Potsdamer Konferenz politisch und geografisch neugeordnet in Görlitz und Zgorzelec durch die Neiße geteilt war. Sie ging nach Wien.

Ähnliche Schicksale erlitten weitere Familien aus der Görlitzer Gemeinde. Andere wurden in Konzentrationslagern ermordet. So wie Amanda Hannes (1861–1942), deren Leichnam aus dem Konzentrationslager Tormersdorf hinausgeschmuggelt und auf dem Görlitzer jüdischen Friedhof an der Biesnitzer Straße beerdigt wurde.

Die Grenzstadt ist reich an Zeugnissen jüdischen Lebens, auch wenn dies in der Bevölkerung wenig bekannt ist. So erlitt die Neue Synagoge in der Pogromnacht 1938 erhebliche Schäden, wurde aber nicht völlig zerstört.

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland erklärte zum Tag ihrer Eröffnung die Synagoge zum Ort des Gebetes und des Innehaltens. Die Synagoge sei »ein eindrucksvoller Beweis, dass jüdisches Leben hierzulande blüht und trotz dunkler Epochen untrennbar zu Deutschland und Europa gehört«.

Als ausgebildeter Profimusiker und Chasan wird Jakobowitz die ersten Gottesdienste leiten.

»Wir wollen die Synagoge nutzen und nicht besetzen«, sagt Jakobowitz, nachdem es Irritationen unter den Görlitzern zur Nutzung der Synagoge gab. Pionierarbeit in einer kleinen Gemeinde leisten zu können, sei für ihn eine Mizwa, betont Jakobobwitz. Erfahren in Koordinationsarbeit, zudem ein ausgebildeter Profimusiker und Chasan, wird er die ersten Gottesdienste leiten. Er sieht die Jüdische Gemeinde Görlitz und Umgebung auch nicht »als Konkurrenz« zu den größeren Gemeinden. »Wir finanzieren uns selbst«, so Jakobowitz.

DDR Vertraut gemacht hat sich Jakobowitz auch mit der Historie des Hauses in der ehemaligen DDR. Als Ruine, umrankt von grünem Wildwuchs, stand die Synagoge für alle sichtbar, aber unbenutzbar am Rande des Stadtparks. Erst 1979 machte eine Gruppe politisch engagierter Jugendlicher auf die Synagoge aufmerksam: Sie stellten am 9. November Kerzen auf. Es war der Anfang einer späteren Bürgerbewegung.

Anlässlich der Wiedereröffnung der Synagoge freute sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), »den schönsten Raum zwischen Dresden und Breslau« zu haben. Doch er appellierte auch an ein friedliches Miteinander. »Wir alle sind aufgefordert, das jüdische Erbe zu bewahren und jüdisches Leben zu ermöglichen«, so Kretschmer.

Letzteres wird keine einfache Aufgabe sein. »Die Synagoge gehört der Stadt, von 38 Abgeordneten im Stadtrat gehören 13 der AfD an«, gibt Jakobowitz zu bedenken. Er aber will sich nicht entmutigen lassen. »Es geht mir mit allem, was ich tue, um Authentizität«, sagt er. So ist neben Gottesdiensten auch ein Konzert mit Werken von Louis Lewandowski geplant, das in seiner Programmfolge einst in der Neuen Synagoge erklungen war.

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