Berlin

Tel Aviv im Schillerkiez

Wer durch die Tür des Mitte September eröffneten Café »Gordon« tritt, dem steigt ein ganz eigener Geruch in die Nase: eine Mischung aus frisch gesägtem Holz, starkem Kaffee und undefinierbaren Gewürzen, während im Hintergrund sanft elektronische Musik spielt.

In dieser Mixtur aus Düften und Klängen steckt die Grundidee des »Gordon«: Die beiden Inhaber Nir Ivenizki und Doron Eisenberg aus Tel Aviv wollten einen Ort schaffen, an dem man nicht nur Kaffeespezialitäten und israelische Snacks genießen, sondern auch elektronische Musik kaufen kann. Auf die Idee für dieses Konzept kamen die beiden aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen als DJs. »Wenn ich im Plattenladen zwei Stunden nach Musik stöbere, dann brauche ich auch einen Kaffee und etwas zu essen – das gab es bislang aber nicht«, erklärt Nir. »Insofern sind wir mit dem Gordon Pioniere.«

Energie Mut zu Innovationen haben die beiden Israelis, die sich 1998 in der Musikschule kennenlernten, bereits in der Vergangenheit bewiesen. 2006 wollten sie in der Kulturszene ihrer Heimat etwas verändern. »Wir wollten Menschen zusammenbringen und gleichzeitig die einzigartige Energie wiederbeleben, die die Partyszene der 90er-Jahre hatte«, sagt Doron.

Das Ergebnis war die Gründung von Legotek Records, eine Kombination aus Label, Booking-Agentur und Event-Unternehmen. Schnell machte sich Legotek einen Namen als origineller Veranstalter von »Rooftop«-Partys, die auf ganz normalen Wohnhäusern in Tel Aviv stattfanden –und das zu Beginn noch oft illegal. »Unsere Events waren Underground, obwohl Upground gefeiert wurde«, erinnert sich Nir und lacht.

Damals seien diese Partys etwas vollkommen Neues gewesen, ergänzt Doron. Das lag nicht zuletzt am ausgeklügelten Designkonzept der beiden, das sich bis zur Gestaltung der Flyer erstreckte: Diese ließen sie etwa auf kleine Betonklötzchen stempeln oder auf Fächer, welche das feierwillige Publikum bei der eigentlichen Party dann gleich zur Abkühlung nutzen konnte.

Techno-Hauptstadt Der Erfolg gab ihnen recht: Zu ihren Veranstaltungen kamen mehr und mehr Gäste aus dem Ausland. Ihr Team wuchs um Grafikdesigner und Musiker, viele davon aus Deutschland, wo Nir und Doron zudem mehr und mehr selbst als DJs gebucht wurden. Über die Jahre hatten die zwei so ausreichend Gelegenheit, das Land kennenzulernen – gleichzeitig wurde der Ruf Berlins immer lauter. »Die Stadt ist einfach weltweite Techno-Hauptstadt«, sagt Nir. In Israel hätten sie zudem nichts mehr erreichen können.

2011 entschieden sich die beiden für den Umzug nach Deutschland. Anfangs versuchten sie noch, parallel auch das Geschäft in Israel aufrechtzuerhalten, mussten aber rasch feststellen, dass die Doppelbelastung zu viel ist. Nun konzentrieren sie sich auf die hiesige Szene. »Hier haben wir einfach mehr Entwicklungsmöglichkeiten, auch wenn wir in Israel immer noch vereinzelt Partys veranstalten«, erklärt Nir.

Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist das Gordon. Zwei Jahre mussten Nir und Doron suchen, bis sie den Laden in Neukölln fanden. »Wir hatten genaue Vorstellungen und wollten einen Ort mit großen Fenstern, Sonne und einer bestimmten Atmosphäre«, sagt Nir. Nachdem sie das Ladenlokal gefunden hatten, ging alles sehr schnell – in gerade einmal sechs Wochen zimmerten sie die Einrichtung in Eigenregie zusammen. »Die Nachbarschaft war überrascht, wie schnell alles ging. Aber das ist eben unsere jüdische Power«, scherzt der 32-Jährige. »Wenn es um die Erfüllung eines Traums geht, dann fallen auch anstrengende Arbeiten leicht.«

Atmosphäre Zu diesen anstrengenden Arbeiten gehörte etwa das Tischlern der Sitzwürfel und Bänke, die nun einen warmen Kontrast zu den unregelmäßig verputzten weißen Wänden bilden. Von der Decke hängen nackte Glühbirnen, deren gedimmtes Licht dafür sorgt, dass die Installation dennoch nicht steril wirkt. Im hinteren Teil des Gordon befinden sich Küche und Plattenladen – auch hier haben die beiden alles selbst gebaut.

Die Regale für die Vinyl-Scheiben mit elektronischer Musik haben Rollen, sodass sie bei Partyabenden schnell beiseitegeschoben werden können. Im Angebot sind dabei nicht nur »Legotek«-Scheiben, sondern auch Platten anderer Künstler. Auf die Auswahl legen Nir und Doron großen Wert. »Wir verkaufen nur, was wir selbst auch auflegen würden«, betont Nir. Ähnlich ist auch das Angebot der Küche. In ihr produzieren Nir und Doron israelische Spezialitäten, darunter Schakschuka, Burekas und Sabich.

»Es ist sehr schön, wenn ich unseren Gästen etwas von unserer kulinarischen Geschichte vermitteln kann«, sagt Nir. Insofern freue er sich vor allem über nicht-israelische Kunden, da diese das Essen oft noch nicht kennen würden. Zugleich beweist Nir auch in der Küche Ehrgeiz: Er habe erst vor Kurzem begonnen, Schokokuchen zu backen, und wolle nun die beste Variante kreieren. Daher rührt er nun jeden Tag einen Kuchen zusammen – bis das Ergebnis stimmt.

Grenzen Dieser Wille, sich immer weiterzuentwickeln, ist prägend für Doron und Nir. »Man muss immer vorwärtsgehen, Grenzen überwinden und nicht in der Vergangenheit leben«, bekräftigt Letzterer. Teilweise klingen solche Sätze nach einem Selbsthilfebuch, doch die beiden meinen es ernst. So passt es denn auch, wenn Nir erklärt: »Wir sind unsere eigenen Kreateure.« Das Gordon sehen sie dabei nur als eine Station ihres Lebens – man müsse sehen, was daraus wird. Sie könnten sich jedenfalls vorstellen, das Konzept auch in andere Städte zu exportieren.

Erst einmal aber wollen sie das Gordon etablieren. Das scheint ihnen schon ganz gut gelungen, denn alle paar Minuten grüßen Passanten von draußen durch die großen Fensterscheiben. Künftig sollen spezielle kulinarische Abende, Partys und Angebote wie Massage-Workshops das Programm erweitern.

Den Schillerkiez empfinden beide dabei als sehr speziell, er sei derzeit unglaublich im Kommen. »Für uns ist es gerade der perfekte Ort«, sagt Doron. Doch obwohl die beiden so viel Wert darauf legen, immer wieder etwas Neues zu schaffen, ist der Name ihres aktuellen Projekts eine Reminiszenz an ihre Anfänge: Denn Gordon bezieht sich nicht nur auf den Schriftsteller und Zionisten Aharon David Gordon, sondern auch auf die Gordon Street in Tel Aviv, die zum gleichnamigen Strand führt. Hier veranstalteten die beiden eine ihrer ersten Partys.

Der Strand sei es auch, der das Lebensgefühl in Tel Aviv von Berlin unterscheide, sagt Nir und fügt hinzu: »Berlin ist derzeit der beste Ort für die Kombination aus Kunst und elektronischer Musik – aber der Strand fehlt mir.«

www.facebook.com/gordon.cafe.records

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