Porträt der Woche

Tee, Gebäck und Russisch

»Zu den Leuten in den Nachbarwohnungen habe ich wenig Kontakt. Deutsche sind verschlossen«: Minna Roytman (75) Foto: Christian Rudnik

Seit ich in Deutschland lebe, lerne ich ohne Unterlass. Das gefällt mir. Es tut mir so gut, endlich etwas über meine Wurzeln zu erfahren. Dass ich jüdische Vorfahren habe, war mir schon in der Ukraine klar, wo ich 1938 in Kiew geboren wurde. Mein Vater und meine Mutter waren Juden, meine Großeltern auch und deren Eltern ebenso. So könnte ich über sechs Generationen weitererzählen. Ich wusste das zwar, aber mehr auch nicht.

Meine Eltern waren überzeugte Kommunisten. Es gibt eine Urkunde von meiner Mutter, auf der steht: »50 Jahre in der Partei«. Mein Vater kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Front. 1946 kam er nach Hause zurück. Judentum hat bei uns in der Familie nicht stattgefunden.

Aber an zwei Dinge erinnere ich mich: Zu Pessach musste ich versuchen, für meine Großmutter und meinen Onkel Mazzot zu besorgen. Vor der Perestroika war das nicht einfach. Wir fuhren nachts zur Synagoge, und dann standen wir lange an. Und an Jom Kippur brachte mein Mann meinen Onkel immer zur Synagoge. Ja, so war das.

deutschkurs Hier in München, wo mein Mann, meine Tante und ich seit 2003 leben, begehen wir alle jüdischen Feiertage. Am Freitagabend zünde ich die Kerzen, und jeden Samstagmorgen bin ich in der Synagoge. Ich habe dort zwei Plätze gekauft, für mich und meine alte Tante. Ich genieße das alles sehr. Das Judentum, mein Judentum interessiert mich, ich will alles darüber wissen. Sonntags gehe ich regelmäßig zum Frauen‐Schiur. Ich höre sehr aufmerksam zu. Natürlich wird da Deutsch gesprochen, das ist eine gute Übung für mich. Seit sieben Jahren besuche ich einen Deutschkurs. Dreimal die Woche gehe ich da hin. Ich möchte die Sprache des Landes beherrschen, in dem ich lebe.

Unser neues Zuhause hätte auch Amerika werden können, dort lebt der Bruder meines Mannes. Aber es gibt eben noch meine alte Tante. Sie ist 95 und dement. Man kann sie nicht allein lassen. Mein Mann und ich hatten damals zwar die Erlaubnis, in die USA einzureisen, die alte Tante aber nicht. Mein Herz wehrte sich dagegen, sie zurückzulassen. Auch Israel wäre als Ziel infrage gekommen, dort habe ich Bekannte und Verwandte. Aber Israel habe ich erst kennengelernt, als wir schon in Deutschland lebten und ich nicht mehr weg wollte.

Warum wir überhaupt gegangen sind, hatte gesundheitliche Gründe – obwohl mich auch der ständige Antisemitismus belastet hat. In Kiew habe ich als junges Mädchen stets gut gelernt. Am Ende jedes Schuljahres hatte ich eigentlich immer eine Silber‐ oder Goldmedaille verdient, habe sie aber nie bekommen.

Physik Nach der Schule wollte ich an die Uni, doch auch das war als Jüdin in der Ukraine nicht möglich. Also zog ich nach Leningrad, wo es nicht ganz so antisemitisch zuging. Ich machte sechs Prüfungen, bekam gute Noten – und wurde abgelehnt. Dabei wollte ich so gern Mathe‐ und Physiklehrerin werden.

Weil ich mich aber mit diesem Misserfolg nicht mehr zurück nach Kiew traute, habe ich die Beziehungen eines Cousins meiner Mutter genutzt und angefangen, an einem kleinen Technikum zu lernen. Ich wurde zur Elektronikerin ausgebildet, bekam damit aber in Kiew keine Arbeit. Also wurde ich Lagerarbeiterin in einem großen Betrieb. Egal. 36 Jahre habe ich dort gearbeitet und bekam Auszeichnungen.

Nach der Perestroika wechselte ich in die Organisation. Ich stieg auf der Karriereleiter weiter und weiter, bis ich fast Abteilungsleiter geworden wäre. Das war ein Mann – doch ich tat seine Arbeit. Jeder hat das gewusst, auch der Direktor. »Sie sind Jüdin«, hat er zu mir gesagt. Na ja, aber wir hatten kein schlechtes Leben, mein Mann, unsere beiden Söhne und ich. Wir hatten eine gute Wohnung und konnten uns ein Auto leisten.

Ausgewandert sind wir schließlich, weil mein Mann zwei Herzinfarkte hatte und unsere hervorragende Kardiologin in Kiew ihm dringend zu einem Bypass riet. Dafür fehlte uns aber das Geld. Also gingen wir. Unsere zwei Söhne sind mit ihren Frauen und den vier Enkelkindern in Kiew geblieben. Und dann, im Jahr 2005, wurde bei mir Brustkrebs entdeckt. Aber das war vor acht Jahren. Jetzt sollte alles wieder gut sein, und ich danke Gott dafür.

landsleute Aus der Ukraine habe ich die Idee des »Warmen Hauses« mitgebracht. Ich kam nach Deutschland und hatte das Bedürfnis, Kontakte mit Landsleuten zu knüpfen. Also organisierte ich das »Warme Haus«. Und weil ich meine alte Tante nicht allein lassen möchte, findet es in meiner Wohnung statt: Ältere jüdische Leute aus der ehemaligen Sowjetunion – und natürlich auch deren nichtjüdische Ehepartner – kommen alle zwei Wochen zu mir. Ich erzähle über die Welt, über München, über das Judentum.

Vorher informiere ich mich in drei russischen Zeitungen und der Jüdischen Allgemeinen, im russischen Fernsehen und im Internet. Dieses Wissen gebe ich weiter. Am Computer zu sitzen, ist sowieso eine Art Hobby von mir. Ich bekomme E‐Mails aus der ganzen Welt, weil ich überall Verwandte habe. Wenn das »Warme Haus« stattfindet, jede zweite Woche am Donnerstag und Freitag, dann wird natürlich Russisch gesprochen. Wir trinken Tee und unterhalten uns. Jeder bringt etwas zu essen mit. Das dauert ungefähr zwei Stunden, aber wenn die vorbei sind, wollen die Herrschaften immer noch ein bisschen sitzen bleiben.

Unter der Woche rufen mich viele Leute an, haben diese oder jene Frage, wo man Mazzot herkriegt und Ähnliches. Ich kümmere mich auch um die alten Menschen, die ins Krankenhaus kommen, klappere die Kliniken ab, egal in welchem Stadtteil. Das ist mir ein Bedürfnis. Außerdem besuche ich auch die, die einsam in ihrer Wohnung sitzen.

Ehe Mein Mann unterstützt mich bei allem, was ich tue. Einer von uns beiden muss immer zu Hause sein, wegen unserer alten Tante. Arnold ist gelernter Automechaniker und kann alles reparieren, was er in die Hände bekommt. Deshalb bringen unsere Gäste auch häufig Dinge mit, die kaputtgegangen sind, zum Beispiel den Einkaufswagen, der nicht mehr gut rollt. Wenn wir Auto fahren, achtet mein Mann immer genau auf die Motorgeräusche, ob er etwas hört, was nach einem Schaden klingt. Aus unserem Balkon macht er im Sommer ein Paradies. Er muss immer etwas tun, sonst wird er nervös. Da sind wir einander sehr ähnlich.

Meine Tage stecken also voller Beschäftigung. Von 8 Uhr in der Früh bis 11 Uhr am Abend. Entweder ich bereite mich fürs »Warme Haus« vor, oder ich lerne Deutsch. Zu den Leuten in den Wohnungen um uns herum habe ich wenig Kontakt. Ich bin zwar diejenige, die für die anderen Mietparteien oft Päckchen entgegennimmt, aber das bedeutet nichts. Man bedankt sich und grüßt auf dem Korridor. Ich finde Deutsche verschlossen. Beim »Warmen Haus« geht es jedenfalls anders zu.

Vor vier Jahren hatten wir ein großes Fest: unsere Goldene Hochzeit. Die haben wir in der Gemeinde gefeiert – unter einer Chuppa! Ja, wir haben unsere Chuppa gefeiert! Der Rabbiner war dabei, aber auch Frau Knobloch und der Oberbürgermeister. Meine Söhne sind eigens dafür aus Kiew angereist. Und Arnold hat ein Glas zertreten. Dieses Fest war etwas ganz Besonderes.

Für die Zukunft habe ich vor allem drei Wünsche: Gesundheit für die Familie, alles Gute für Israel und dass ich noch lange mit meinem Mann zusammenwohnen kann.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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