Porträt der Woche

Tänzerin aus Leidenschaft

Viktoria Slavina entdeckte ihre Liebe zum Ballett bei jüdischer Musik

von Katrin Diehl  12.10.2015 18:22 Uhr

»Wenn man etwas will, kann man viel erreichen, auch wenn es anstrengend ist«: Viktoria Slavina (30) Foto: Christian Rudnik

Viktoria Slavina entdeckte ihre Liebe zum Ballett bei jüdischer Musik

von Katrin Diehl  12.10.2015 18:22 Uhr

An mein erstes Mal kann ich mich nicht mehr erinnern, meine Mutter aber sehr wohl, und dann erzählt sie: Wir waren auf irgendeinem Fest. Es erklang Musik, jüdische Musik, da bin ich aufgestanden und habe angefangen zu tanzen, so richtig zu tanzen, vor allen, und wollte gar nicht wieder damit aufhören. Mein Vater und meine Mutter sahen erst einander und dann ihr wie verzaubertes dreijähriges Mädchen an und wussten: »Die Kleine müssen wir irgendwohin stecken, wo sie tanzen darf und wo sie es auch richtig lernt.«

Seitdem habe ich eigentlich nicht mehr aufgehört zu tanzen. Weder in der Ukraine noch in München, wo ich heute zu Hause bin. Geboren wurde ich 1984 in Dnepropetrowsk. Mit 15 kam ich nach Deutschland. Meine Eltern und meine zwei Geschwister sind nach Dortmund gegangen. Und ich? Ich habe mich auf den Weg nach München gemacht. Den Grund dafür kann man sich schon denken: Tanz!

kindheit Wenn man mich nach meinen Erinnerungen an meine alte Heimat fragt, dann sage ich meistens: »Ach, meine Kindheit, die war ja eigentlich nichts Besonderes – ich habe halt immer getanzt.« Doch dann fällt mir ein, dass meine Kindheit sehr wohl etwas Besonderes war – gerade weil ich immer getanzt habe.

Angefangen hat es in einer Tanztruppe mit Training dreimal in der Woche: Wir haben klassische und moderne Tänze einstudiert. Man hätte, um dort anzufangen, eigentlich schon sechs Jahre alt sein müssen, aber meine Mutter hat etwas geflunkert und redete mindestens zwei Stunden auf die Lehrerin ein, bis ich nach einer Probezeit aufgenommen wurde. Darüber war ich sehr glücklich.

Wir tanzten auf einer großen Bühne, hatten mindestens sieben Aufführungen im Jahr. Mit etwa elf Jahren bin ich zum klassischen Ballett an unser Theater gewechselt. Wieder war das alles andere als leicht. Alle machten mir deutlich, dass ich schon zu alt und außerdem nicht gut genug sei. Die Kinder dort hatten ja schon ganz früh mit dem Ballettunterricht angefangen. Wieder war die Überredungskunst meiner Mutter gefragt. Was dann letztendlich überzeugt hat, war mein Wille. Sie haben mich angenommen.

nussknacker Rückblickend kann ich sagen: zum Glück für sie und auch für mich. Ganz schnell gehörte ich nämlich zu den Besten. Es folgte eine gute Zeit, eine sehr gute Zeit sogar. Schließlich wurde mir eine Solorolle angeboten. Im Nussknacker! Der Direktor, der so stolz auf seine Schule war, hatte mich mittlerweile sehr schätzen gelernt.

Er bestellte meine Mutter und mich in sein Büro – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als für meine Familie feststand, dass wir die Ukraine verlassen würden. Mit Tränen in den Augen sagten wir das dem Direktor, erklärten ihm unsere Familiensituation. Ich wünschte mir, dass er nicht sauer auf mich sein würde, beteuerte ihm, dass ich seiner Schule immer verbunden bleiben würde, was bis heute auch wirklich so ist. Und er hat es akzeptiert. Das war sehr wichtig für mich.

Längst wusste ich, dass ich Tänzerin werden wollte. Ein Leben ohne Tanz konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Als kleines Mädchen ärgerte ich mich, wenn Ferien waren: keine Hausaufgaben, kein Lernen für die Schule, endlich viel Zeit zum Tanzen, und dann machte diese Tanzschule auch Ferien! Ich war beleidigt.

unterricht Heute sehe ich das ein bisschen anders. Ich kenne die andere Seite, auf die ich gewechselt bin. Mittlerweile lehre ich Tanz und spüre sehr genau, dass man ab und zu Ferien wirklich nötig hat. Neben drei anderen Schulen unterrichte ich auch in der Münchner Gemeinde, bin dort seit vergangenem November vollständig für die Tanzgruppe Genesis zuständig, die es jetzt bereits seit acht Jahren gibt und die ein gutes Niveau hat.

Ich unterrichte drei Altersgruppen, darunter Kleinkinder, Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren und Erwachsene. Jede Gruppe trainiert zweimal in der Woche. Genesis hat immer wieder Auftritte, zum Beispiel zum Israeltag, auf dem Makkabifest und beim Bürgerfest.

Wir waren auch einmal in Israel – die Gemeinde hat uns das ermöglicht. Dort haben wir an einem Tanzfestival teilgenommen. Für mich war es das erste Mal in Israel – hoffentlich nicht das letzte Mal!

büroarbeit Was die Büroarbeit anbelangt, bin ich ein Typ, der effizient arbeitet: zack zack, E-Mails verschicken, E-Mails beantworten, Wichtiges weitergeben. Ich mag es nicht, wenn etwas unnötig kompliziert gemacht wird. Dieses zielstrebige Arbeiten ist, denke ich, recht typisch für Sportler.

Das dachte ich auch bei einem Vortrag des ehemaligen Torhüters Jens Lehmann, der in einem der Business-Klubs in der Gemeinde zum Thema »Wirtschaft und Sport« geredet hat. Ich konnte alles, was er sagte, sehr gut nachvollziehen: Wenn man etwas will, kann man viel erreichen, und man ist dann auch bereit, Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Der Dienstag ist mein härtester Tag. Da gebe ich durchgehend von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends Unterricht in der Gemeinde. Wenn ich mir das früher vorgestellt hätte! Als junges Mädchen habe ich mich nicht hierher getraut. Ich war zu schüchtern und außerdem zu beschäftigt.

Akademie Nach einer Aufnahmeprüfung hatte ich es in die Ballettakademie München geschafft. Dazu gehörte ein Wohnheim in Schwabing, da saß ich dann und hatte Heimweh. Beim Tanzen jedoch war es weg.

Gut, dass es in dem Ballettinternat eine Dame gab, die ein wenig nach den Schülern aus aller Welt gesehen hat. Ich war ja damals auch wirklich noch sehr jung. Sie hat einfach immer einmal wieder an meine Zimmertür geklopft und gesagt: »Raus mit dir, Viktoria, setz dich zu den anderen, es gibt einen schönen Film im Fernsehen.«

Für meine Eltern und Geschwister in Dortmund hatte dagegen mit der Ankunft in Deutschland das jüdische Leben begonnen. Sie haben an Seminaren teilgenommen, ihre Religion richtig kennengelernt, Freunde in der Gemeinde gefunden. Das ist bis heute so geblieben. Wenn ich zu einem Besuch nach Dortmund reise, dann ist auch mein Leben ein bisschen jüdischer. Es wird Schabbat gefeiert und koscher gekocht, und die Feiertage werden gehalten.

krise So war es dann auch mein Bruder, der mir aus einer richtigen Krise half: Ich hatte das Bayerische Staatsballett verlassen, wo ich nach der Ballettakademie angefangen hatte. Es hat mir nicht gefallen, wie man dort mit mir umgegangen ist. Ich hatte das Gefühl, mein Talent würde nur dazu benutzt, Tänzerinnen, die kurzfristig ausfielen, zu ersetzen.

Ich lernte sehr schnell, konnte anderen mit so wenig Verzögerung nachtanzen, dass das Publikum es nicht merkte. Ich wollte aber mehr, meinen eigenen Platz. Jedenfalls war ich richtig durcheinander, zweifelte, tanzte fast ein halbes Jahr nicht, und da erzählte mir mein Bruder von einem Artikel über die Tanztruppe der Münchner Jüdischen Gemeinde. Das war die Gelegenheit, beruflich etwas Neues auszuprobieren.

Jetzt habe auch ich jüdische Freunde, und mit dem jüdischen Leben kenne ich mich immer besser aus. Früher oder später musste es, glaube ich, so kommen. Ich musste mich ohnehin beruflich neu orientieren. Bis vor zwei Jahren habe ich noch selbst in verschiedenen Ensembles getanzt. Während einer Vorstellung verletzte ich meine Hüfte. Das hat mein Tanzleben in ein Davor und ein Danach geteilt. Es folgte ein Jahr mit Behandlungen samt Operation.

Und heute? Es ist noch nicht wirklich gut. Aber ich bin zuversichtlich. Ich halte mich fit, tanke Energie, mache im Kopf Choreografien. Denn wenn es einmal so weit sein sollte, möchte ich in den Ballettsaal gehen und sagen: »Hier bin ich. Ich bin bereit.«

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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