Thüringen

Synagoge und Konzertsaal

Erforscht die Werke bisher unbekannter jüdischer Komponisten: Jascha Nemtsov Foto: Esther Goldberg

Ich habe keinen Zweifel daran, dass meine Kinder Antisemitismus erleben könnten, ich bin mir dessen leider sicher», sagt Jascha Nemtsov. Just in diesem Moment stürmen der fünfjährige David und die vierjährige Leah jubelnd auf ihn zu: Die beiden haben ihren Vater zwei Tage lang nicht gesehen.

Jascha Nemtsov küsst sie und drückt seine Frau Sarah an sich. Die Komponistin und Musikerin wird an diesem Abend im Erfurter Opernhaus ein Konzert geben. Es ist ein Freitag. Der Schabbat fällt diesmal aus. Leider. «Zumeist halten wir Schabbat, auch wenn ich nicht sonderlich religiös bin», sagt der Musikwissenschaftler und Pianist. Und seinen Kindern erklärt er jetzt schon, «wer wir Juden eigentlich sind».

GULAG Noch erzählt er ihnen nichts davon, dass er im Gulag Magadan geboren wurde, weit weg in Sibirien. Er ist zwei Jahre alt, als seine Eltern endlich von dort weggehen dürfen. Dennoch wird er schon früh vom Vater erfahren, was ein Gulag ist und warum sie dort leben mussten. Der Vater war 1938 Student. Direkt von einer Party weg wird er verhaftet. Angeblich sei er Mitglied einer antisowjetischen Vereinigung. Zehn Jahre Gulag gibt es dafür und noch 17 Jahre Verbannung obendrauf. Später geht die Familie nach Leningrad, das irgendwann wieder Sankt Petersburg heißt.

Dass der heranwachsende Jascha mit kritischem Blick auf sein Heimatland aufwächst, ist nicht nur den Erzählungen des Vaters geschuldet. Er erlebt die Sowjetunion auf ganz eigene unangenehme Weise. Jascha Nemtsov ist Jude, und die Juden sind wieder einmal an allem schuld. Das sagt zwar damals niemand mehr ganz so laut wie unter Stalin. «Aber ich wurde in der Schule regelrecht gemobbt», erinnert sich der heute 51-jährige Professor.

Und beim Vater sitzt die Vorsicht vor diesem Staat sogar so tief, dass er dem Sohn die Synagoge verbietet. Zumindest, bis der einen Platz am Konservatorium bekommt. «Er hatte Angst, ich wäre sonst nicht zum Studium zugelassen worden», erinnert sich Nemtsov. Dann, während der Konservatoriumszeit, geht der Musikstudent aber doch in die Synagoge. Religiös ist er zwar nicht. Aber es gehört für ihn dazu. Die Eltern selbst kamen aus einem orthodoxen Haushalt. Ein bisschen davon hat Nemtsov mitbekommen, zum Beispiel, wenn der Vater sich zurückzog und für sich betete.

AUSWANDERUNG 1986: Jascha Nemtsov bekommt seine Einberufung zum Militärdienst. Er soll die Uniform anziehen. Er, der stundenlang Klavier übt, der sich in der Musik verlieren kann. Aber den Wehrdienst zu verweigern, das gibt es nicht. Details möchte Nemtsov nicht erzählen. Er will sich nicht einmal mit solchen Dingen beschmutzen, indem er sie ausspricht. Aber er redet ganz allgemein von Entwürdigung und Drangsal. Seine Stimme wird dabei immer leiser. «Ich konnte plötzlich ahnen, was mein Vater im Gulag erlitten hat, obwohl die Armee ganz sicher nicht so brutal war wie die Gulags zu Stalins Zeiten.»

Gorbatschow erscheint dem Musiker Ende der 80er-Jahre als Lichtblick. Nicht, dass man daran denken könnte, dass dieser Staat für ihn ein besserer werden würde. Aber sie, die Juden, dürfen auswandern, wenn sie wollen. Am besten in die USA, entscheidet die Familie. Zwölf Tage zu spät. Die Ausreisegenehmigung wird noch erteilt, ist aber an jenem 12. Oktober 1989 nur noch Makulatur. Die USA lassen seit dem 1. Oktober keine russischen Juden mehr ins Land.

Man kann nur erahnen, wie verzweifelt die Familie gewesen sein muss. Zwei Jahre lang. Dann öffnet Deutschland die Grenzen für Menschen wie ihn. Diesmal zögern sie nicht. 1992 kommt Jascha Nemtsov nach Deutschland. Voller Hoffnung und der Sehnsucht nach großen Städten. Dort, so hofft er, hat der Kleingeist weniger Chancen, und seine Kunst sei erwünscht.

KARRIERE Nemtsov gilt inzwischen als großer Pianist. Mehr als 30 CDs hat er veröffentlicht, zwei-, dreimal im Monat gibt er Konzerte. Zudem macht er sich auf die Suche nach vergessenen Komponisten. Er, der Schostakowitsch liebt, geht auf Spurensuche nach weniger bekannten Männern jener Zeit, auf die Suche nach Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er entdeckt Vsevolod Zaderatsky, der 1953 starb. Zunächst will Nemtsov einen Text über ihn und andere Komponisten im Gulag schreiben. Dann aber findet er bei seinen Recherchen die Adresse von Zaderatskys Sohn.

Für Nemtsov und die Musikwelt scheint das bis heute ein riesiges Glück. Von dem Sohn bekommt er Noten beispielsweise für die 24 Präludien und Fugen für Klavier, die der Vater im Gulag geschrieben hat. Im nächsten Jahr wird Nemtsov diese Präludien während eines Festivals in der Nähe von Dresden uraufführen. «Zaderatsky hat es verdient, dass er bekannter wird», ist der Pianist von dem Können des Komponisten überzeugt.

Seit dem vergangenen Jahr ist Jascha Nemtsov Professor an der Musikhochschule «Franz Liszt» in Weimar. Diese Professur für Geschichte der jüdischen Musik ist einmalig in Europa. Einen Tag in der Woche unterrichtet er seine Studenten. Im Oktober hat er seine Einführungsvorlesung für das neue Semester gehalten: «Judentum und jüdische Musik in Werken jüdischer Komponisten». Er will seinen Studenten zeigen, welche Spuren das Judentum in der europäischen Kultur hinterlassen hat. Das ist in Weimar, der Stadt unweit des KZ Buchenwald, irgendwie von ganz besonderer Bedeutung.

Vielleicht auch deshalb hat Nemtsov in diesem Jahr erstmals die «Thüringer Tage der Synagogenmusik» angeregt und organisiert. «Wenn ich schon in Thüringen unterwegs bin, dann möchte ich nicht untätig, sondern stattdessen im Kulturleben präsent sein», sagt er. Aus ebendiesem Grund hat er sich für das kommende Jahr auch schon den 16. April im Kalender dick angestrichen. Während der Thüringer Bachtage wird er in Erfurt das Thema Gulag beleuchten. Gemeinsam mit einem Russlanddeutschen, dessen Vater ebenfalls im Gulag saß.

ZUVERSICHT Dass er in Weimar auch außerhalb der Hochschule aktiv geworden ist, hat wohl auch damit zu tun, dass er die Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam leitet. Seine Schüler sangen während der Tage der Synagogenmusik im Juli in den drei Thüringer Synagogen und einigen anderen Orten. Und in der alten Synagoge in Erfurt gab es sogar einen Gottesdienst. Nemtsov will solche Tage jüdischer Musik in Thüringen wiederholen. Ob es dann wieder synagogale Musik sein wird, ist nicht sicher.

Aber sehr wahrscheinlich wird es keine jiddische Musik sein, dafür sorgt in Weimar bereits Alan Berns «Yiddish Summer». «Jiddische Musik ist ein Teil jüdischer Musik.» Nemtsov weiß das. Aber sie ist nicht sein Teil. Muss es ja auch nicht. Er, der Musikwissenschaftler, will eher anderswo auf Spurensuche gehen. Zum Beispiel die «Musik des geistigen Widerstandes in Osteuropa» erforschen. Das findet er spannend. Er ist zuversichtlich, dass seine Studenten das ähnlich sehen werden.

LIEBE «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben», sagt Jascha Nemtsov und strahlt diese Zufriedenheit auch aus. Seine markanten Augenbrauen fallen in diesem Moment besonders auf. Vielleicht, weil er gerade aus tiefster Seele lacht, das Lachen vom Hals über den Mund bis hinauf auf die Stirn zieht. Er erzählt gerade die Geschichte, wie er seine Frau kennengelernt hat. «Über das Internet.» Prosaischer geht es kaum. Er gibt dort, auf einer jüdischen Website für Partnerschaften, eine Anzeige auf.

Sarah aus Hannover meldet sich. Drei Tage lang gehen E-Mails hin und her, dann kommt die erste Begegnung. Was danach folgt, ist pure Poesie – wohl tatsächlich die Liebe auf den ersten Blick. Vier Wochen später sind sie verlobt und nun seit zehn Jahren schon verheiratet. Glücklich, sagt er. Gelassen und auch ein bisschen versunken lehnt er sich zurück. Ja, die beiden Kinder, sie werden wohl Antisemitismus erleben. «Der ist nicht stärker als vor einigen Jahren. Aber die Menschen trauen sich, ihn zu zeigen.» Jascha Nemtsov wird die beiden dagegen stark machen. «Wir sind Juden. Wir. Sind. Juden.» Mit Betonung auf jedem einzelnen Wort.

Brief

Wie erinnert ihr euch heute?

Unsere Autorin schreibt über ihren Großvater – er hat Auschwitz und einen »Todesmarsch« überlebt

von Eva Lezzi  26.01.2020

Porträt der Woche

Die Umweltrebellin

Maayan Bennett absolvierte ein Freiwilligenjahr und engagiert sich für Klimaschutz

von Matilda Jordanova-Duda  26.01.2020

Gedenken

»Sie werden Zeugen der Zeitzeugen«

Aron Schuster über Besuche von Jugendlichen in Auschwitz und den »Marsch der Lebenden«

von Ayala Goldmann  26.01.2020

Berlin

»Die Bühne muss mobil sein«

Kulturmanager Peter Sauerbaum über Pläne für ein jüdisches Theaterschiff und Bildungsarbeit mit Schülern

von Christine Schmitt  25.01.2020

München

Judenfeindliche Demo abgesagt

Rechtspopulistische »Pegida« wollte direkt vor Synagoge und zu Schabbatbeginn gegen Beschneidung demonstrieren

 24.01.2020

München

Gefährdung, Präsenz, Porträt

Meldungen aus der IKG

 23.01.2020

Dokumentation

Eine rote Linie überschritten

Die Jüdischen Filmtage am Jakobsplatz eröffneten mit »The Invisible Line« von Emanuel Rotstein

von Helmut Reister  23.01.2020

Auschwitz

Retter und Gerettete

Ruth Melcer erlebte die Befreiung des KZs vor 75 Jahren. David Dushman steuerte einen der Panzer der Roten Armee – beide sind heute Mitglied der IKG

von Helmut Reister  23.01.2020

Landsberg

Leben in der Betonröhre

Ein Schoa-Überlebender besucht den Ort, an dem er einst Zwangsarbeit leistete

von Thomas Muggenthaler  23.01.2020