Zossen

Steinernes Familienalbum

Mit einer Feststunde ist heute der zu einem Gedenkort umgestaltete jüdische Friedhof im brandenburgischen Mittenwalde südlich von Berlin eingeweiht worden. Schon die Feierlichkeit erfüllte einige der Wünsche, die die rund 80 Gäste der Gedenkstätte für die Zukunft mit auf den Weg gaben: ein Ort des Erinnerns und Lernens zu sein und eine Brücke zu schlagen zum modernen, lebendigen jüdischen Leben.

Arkadi Schwarz von der jüdischen Gemeinde Königs Wusterhausen würdigte das Andenken an die Beigesetzten: »Das ist ein wichtiger Moment für die jüdische Geschichte in Deutschland«, sagte Schwarz. »Menschen, die die eigene Vergangenheit vergessen, haben keine Zukunft. Wir sind da. Heute sehen wir: Am Ende siegt das Gute.«

Anerkennung Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats, übermittelte die »höchste Anerkennung vom Zentralrat der Juden in Deutschland« dafür, dass viele Jahre lang gleich an mehreren Visionen mit dem Projekt gearbeitet wurde: etwa die Erforschung des jüdischen Lebens in der Region im Landkreis Dahme-Spreewald und dieses dem Vergessen zu entreißen.

Botmann bezeichnete den Gedenkort als steinernes Familienalbum und Archiv. An diesem Ort kämen Leid, Trauer, Hass, Vernichtung, aber auch Liebe, Zuversicht, Respekt und Toleranz zusammen. »Jüdische Friedhöfe sind Orte der Ewigkeit und kulturhistorische Quellen«, sagte er. Die Gedenkstätte solle als Lernort auch sensibel machen, wann immer nötig gegen Ausgrenzung und Hass aufzustehen.

An dieser Stelle sprach der Geschäftsführer des Zentralrats die aktuelle Problemlage an: »In den vergangenen Wochen hat die jüdische Gemeinde eine ungeahnte Welle an Hass über sich ergehen lassen müssen. Ein großer Aufschrei aber über die antisemitische Hetze blieb weitgehend aus«, sagte Botmann und lud für kommenden Sonntag zu einer zentralen Veranstaltung gegen Judenhass vor dem Brandenburger Tor in Berlin ein.

Historische Struktur Bei der Einweihung der Gedenkstätte in Mittenwalde wurde ausgehend von der modernen Gestaltung noch einmal die Geschichte des Ortes erzählt. Umrahmt von Mauersteinkörben aus wetterfestem Gitterwerk zeichnen dort heute parzellierte Felder mit Federgras und Rasen sowie zwölf Natursteine aus schlesischem Sandstein nach, wie die historische Ruhestätte einmal strukturiert gewesen ist. Die gleichgroßen Stelen stehen versetzt entlang des begehbaren Mittelweges, sodass Besucher beim Gehen und Sehen die Richtung wechseln. Drei Informationstafeln geben Auskunft über das jüdische Leben in der Stadt und das Gedenkstättenkonzept.

Nachdem die um 1830 angelegte Friedhofsanlage mit Grabstätten und Taharahaus 1938 von den Nazis verwüstet wurde, fanden keine Beisetzungen mehr statt, wie Ortschronistin Vera Schmidt berichtete. »Die Pogrome waren feige und verwerflich. Sie sind nicht wieder gutzumachen. Ich bitte im Namen Mittenwaldes um Verzeihung«, sagte Bürgermeister Uwe Pfeiffer (parteilos). Sein Dank und der vieler Vertreter der jüdischen Gemeinde galt allen Mitwirkenden, die in die Gestaltung der Gedenkstätte in den vergangenen Jahren eingebunden waren. Dazu gehören der Verein Kulturlandschaft Dahme-Spreewald, die städtische Arbeitsgruppe, der Heimatverein und Landschaftsarchitekt Torsten Wolff.

46 Grabsteine Trotz intensiver Recherchen gibt es noch viel zu erforschen. Nach dem Krieg hatten sich auf dem Friedhof noch 46 Grabsteine befunden. Luftaufnahmen der Alliierten bezeugen das. Ihr Verbleib ist bisher nicht bekannt. Ansonsten sind so gut wie keine Akten oder Dokumente zum Friedhof vorhanden. Nach dem Krieg, so Chronistin Vera Schmidt, »wurde das Gelände verpachtet«.

Bei den Bauarbeiten in diesem Jahr wurden 22 Grabsteinfragmente gefunden, die wiederum neue Rätsel aufgaben. Die Fragmente lagern derzeit bei der städtischen Verwaltung. An der Erstellung der Belegungsliste arbeiten derzeit verschiedene Vereine. Der Landrat des Kreises Dahme-Spreewald, Stephan Loge (SPD), ermutigte dazu, weiter an der Aufarbeitung und einem Konzept zur Gedenkstättenpädagogik zu arbeiten.

Finanziert wurde das knapp 100.000 Euro teure Projekt vom Land Brandenburg, der Stadt Mittenwalde, den jüdischen Gemeinden, aus Mitteln der Sparkassen-Stiftung und Spenden. Die Gedenkstätte in Mittenwalde zählt zu den landesweit 60 jüdischen Friedhöfen, auf denen heute keine Bestattungen mehr stattfinden. Bund und Land sind für deren Erhalt und Pflege zuständig. Bestattungen nach jüdischer Tradition finden auf den jüdischen Friedhöfen in Potsdam, Cottbus, Frankfurt/Oder und Oranienburg statt.

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