Köln

Stärken, schützen, beraten

Die Psychologin Stella Shcherbatova und der Historiker Daniel Vymyslicky arbeiten in der neuen Fachstelle »[m²]: miteinander mittendrin« zusammen. Foto: Jörn Neumann

Am liebsten wäre es Stella Shcherbatova, »wenn es eine solche Stelle überhaupt nicht geben müsste«, und sie fügt nachdenklich hinzu: »Doch die Realität sieht anders aus, leider.« Daher übernahm die Psychologin vor einem halben Jahr mit einer halben Stelle den Kompetenzbereich Beratung und Begleitung in der Fachstelle »[m²]: miteinander mittendrin. Für Demokratie – Gegen Antisemitismus und Rassismus« im Kölner NS-Dokumentationszentrum.

Konkret geht es bei ihrer Arbeit darum, in geschützten Räumen individuelle Gespräche und Beratungen für einzelne Personen oder auch für Gruppen zu ermöglichen, die von Antisemitismus betroffen sind. »Solche Menschen werden mit Unsicherheit, Ängsten, Sorgen um sich selbst oder ihr persönliches, familiäres Lebensumfeld belastet.«

zusammenarbeit Dabei wird Shcherbatova eng mit ihrem Kollegen Daniel Vymyslicky zusammenarbeiten. Der Historiker ist ebenfalls seit September 2020 mit einer halben Stelle ausgestattet und für den Kompetenzbereich Recherche und Dokumentation antisemitischer Vorfälle der Fachstelle [m²] verantwortlich.

Ziel ist es, anhand der Sammlung und Auswertung empirischer Daten die Dunkelziffer im Bereich Antisemitismus auszuleuchten. Zu diesem Zweck betreibt Vymyslicky eine Meldestelle, bei der antisemitische Vorfälle in Köln über verschiedene Wege gemeldet werden können.

Erfasst werden dabei neben antisemitisch motivierten Straftaten auch strafrechtlich nicht relevante Vorfälle. Zudem recherchiert Vymyslicky eigenständig nach antisemitischen Vorfällen, etwa im Rahmen von Präsenzveranstaltungen oder im Internet, sofern ein Bezug zur Stadt Köln besteht. »Dass Antisemitismus nach wie vor eine konkrete Gefahr für Jüdinnen und Juden in Deutschland darstellt, wird auf gesamtgesellschaftlicher Ebene leider oft nicht ausreichend anerkannt: Hier besteht eine offensichtliche Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen jüdischen Communitys und großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft.«

motto »Informieren – Sensibilisieren – Stark machen. Kontinuierlich« lautet das Motto der Fachstelle [m²]. Im November 2019 wurde sie auf Betreiben des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln eingerichtet. Seit Jahren setzt sich die Stadt in vielfacher Weise gegen Antisemitismus ein.

Dies soll durch die Fachstelle [m²] noch deutlicher werden. Sie begann ihre Arbeit mit dem Bereich Bildung. Seitdem konzipieren der Politikwissenschaftler Patrick Fels und der Erziehungswissenschaftler Stefan Hößl interaktive Methoden und Angebote und setzen diese in Workshops, Fortbildungen und Trainings ein. In der zweiten Jahreshälfte 2020 wurden die Kompetenzbereiche Beratung und Begleitung sowie Recherche und Dokumentation personell besetzt und inhaltlich aufgebaut.

Von antisemitischen Vorfällen Betroffene fühlen sich oftmals alleingelassen.

Stella Shcherbatova, die viele Jahre in der Synagogen-Gemeinde Köln gearbeitet hat, weiß aus Erfahrung, dass sich Betroffene von antisemitischen Vorfällen häufig alleingelassen fühlen. »Sie stehen oftmals gesellschaftlicher und politischer Untätigkeit gegenüber.« Doch Antisemitismus nimmt nicht nur zu, sondern bricht sich mittlerweile in vielen verschiedenen Ausdrucksformen Bahn – wie auch wissenschaftliche Studien zeigen.

Der Einsatz für Demokratie und gegen Antisemitismus sei daher »eine gesellschaftliche Daueraufgabe«, betont sie und ergänzt mit Blick auf Polizeifahrzeuge vor jüdischen Einrichtungen: »Es wird zwar gern über blühendes jüdisches Leben in Deutschland gesprochen, doch wird schnell übersehen, dass sich dieses Leben nur unter strengen Schutzmaßnahmen entfalten kann.«

Erfassung Das gilt auch in Köln. Die Fachstelle [m²] arbeitet dabei eng mit landes- und bundesweiten Einrichtungen zusammen. »Judenfeindschaft lässt sich nicht auf antisemitische Straftaten reduzieren. Vielmehr muss im Rahmen der Erfassung auch der ›alltägliche‹ Antisemitismus sichtbar gemacht werden, der meist verbal geäußert wird, etwa in Form von Vorurteilen oder Verschwörungserzählungen«, erläutert Daniel Vymyslicky.

»Insbesondere, was die Erfassung von diesem mehr oder weniger unterschwelligen Antisemitismus angeht, kann die Kölner Meldestelle auf der langjährigen Erfahrung des Bundesverbands RIAS (Recherche und Informationsstelle Antisemitismus) aufbauen, mit der wir in engem Austausch stehen.«

Neben der reaktiven Arbeit geht es auch darum, selbst aktiv zu werden.

Stella Shcherbatovas Arbeit besteht darin, nach einer niederschwelligen Kontaktaufnahme – telefonisch, im direkten persönlichen Kontakt oder auch per E-Mail – Beratungsgespräche mit Betroffenen zu führen. Auch Fälle, bei denen Betroffene anonym bleiben wollen, werden aufgenommen und beispielsweise über eine andere Person weiterverfolgt. Ein Beispiel: Ein jüdischer Schüler sieht sich antisemitischen Angriffen ausgesetzt, er und seine Eltern wollen aber anonym bleiben.

Dann kann über einen der zuständigen Lehrer eine Beratung aufgebaut und dem Pädagogen eine qualifizierte Unterstützung vermittelt werden, der ihn darin berät, wie er mit diesem Vorfall an der Schule umgehen kann. Die Psychologin tauscht sich in ihrer Arbeit zudem mit der nordrhein-westfälischen Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit – Beratung bei Rassismus und Antisemitismus (SABRA) aus.

Kontakte Neben dieser reaktiven Arbeit geht es aber auch darum, selbst aktiv zu werden. »So bieten wir beispielsweise offene Treffen an, um über Antisemitismus aus direkter persönlicher oder möglicher Betroffenheit zu sprechen.« Aufgrund der Pandemie können alle Angebote derzeit nur digital besucht werden. Beratungsgespräche können auf Deutsch oder Russisch stattfinden. Je nach Fall kann die Beratungsstelle weiterführende Kontakte vermitteln. »Wir haben ein Netzwerk aus Psychologen, Psychotherapeuten und Rechtsanwälten sowie enge Kontakte zu anderen Einrichtungen und Ämtern.«

Sämtliche Schritte im Rahmen einer Beratung, die selbstredend der Schweigepflicht unterliegt, erfolgen in Abstimmung mit der betroffenen Person. Wichtige Voraussetzung ist zudem die absolute Freiwilligkeit der Ratsuchenden. Stella Shcherbatova fasst es folgendermaßen zusammen: »Im Mittelpunkt der psychosozialen Beratung steht das Erkennen von Belastungen und Folgewirkungen, die mit einem antisemitischen Vorfall verbunden sein können, sowie deren Bearbeitung, indem Belastungen minimiert und Personen individuell gestärkt werden.«

Mit der Einrichtung der auf Dauer angelegten Fachstelle [m²] für Demokratie und gegen Antisemitismus unterstreicht die Stadt Köln ihren Anspruch, gegen Antisemitismus einzutreten. Zugleich erweitert sie das Bildungsspektrum und die Vermittlungsarbeit des stadteigenen NS-Dokumentationszentrums.

Antisemitische Vorfälle können ab dem 10. März auf der Webseite www.antisemitismus-melden.koeln gemeldet werden.

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