Dortmund

Stadtführer im Ohr

Smart-Phone an und dann geht es los: Jeder kann jetzt individuell gezielt auf jüdischen Spuren in Dortmund wandeln. Foto: (M) Frank Albinus

Die Steinwache in Dortmund ist heute ein unscheinbares Gebäude. Eingeklemmt zwischen einem Multiplexkino und der Auslandsgesellschaft, nah dem Hauptbahnhof, übersieht man sie fast. Es ist Sonntagnachmittag, kalt und grau. Ein paar Reisende hetzen zu ihren Zügen, ein paar Junkies schnorren Geld für den nächsten Schuss.

Hier beginnt die Nordstadt, Dortmunds spannendster Stadtteil. Aber auch der rebellischste, der mit den meisten Konflikten und Spannungen. Von der Steinwache aus sollte nach ihrem Bau 1906 die Nordstadt kontrolliert werden. Und wer Ärger machte, wurde ab den 20er‐Jahren ins neugebaute Gefängnis gesteckt. Ein Unterdrückungsapparat war die Steinwache also vom ersten Tag an – aber zum »Ort des Grauens« wurde sie endgültig nach 1933, als die Ruhrgebietsmetropole, als Deutschland von den Nazis regiert wurde.

Start Hier, an der Steinwache, beginnt die Tour »Komm, ich zeig Dir, was in Dortmund Jüdisch ist …«, eine Audio‐Führung durch die Dortmunder Innenstadt. Das durch das »Leo‐Baeck‐Programm. Jüdisches Leben in Deutschland – Schule und Fortbildung« unterstützte Projekt wurde vom Jugendring Dortmund und der Religionsschule der Jüdischen Gemeinde Dortmund erstellt.

Die Steinwache wurde unter den Nazis als Gestapo‐Gefängnis genutzt. Erst wurden hier Sozialdemokraten und Kommunisten gefoltert oder bis zu ihrem Weitertransport in ein Konzentrationslager eingesperrt, später dann wurde sie zum Sammellager für den größten Teil der Dortmunder Juden auf ihrem Weg in die Vernichtungslager.

Nächste Station beim Rundgang ist das Stadt‐Theater. Wo sich heute das einzige Fünf‐Sparten‐Haus des Ruhrgebiets befindet, stand bis 1938 die Alte Synagoge. Sie wurde schon vor der Reichspogromnacht von den Nazis gesprengt. Der Hörer erfährt von ihrer Geschichte, ihrer Pracht und Größe – und kann sie sich an dem nach ihr benannten Ort beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Der Platz vor der Oper ist öde und leer, ein mexikanisches Restaurant verbreitet Frittenbuden‐Charme.

Leerstelle Dass hier einmal eine Synagoge mit 1.300 Plätzen stand, die vom Dortmunder Oberbürgermeister Karl Wilhelm Schmieding bei ihrer Eröffnung 1900 als »Zierde für die Stadt, für Jahrhunderte erbaut« bezeichnet wurde – nichts außer dem Namen des Platzes erinnert mehr daran. Erbaut hatte sie 1895 bis 1900 der in Berlin tätige Architekt Eduard Fürstenau im neugotischen Stil.

Die Dortmunder Innenstadt ist eine der größten und lebendigsten des Ruhrgebiets, sie ist längst die wichtigste Einkaufsstadt der Region und doch ist sie so gesichtslos wie die meisten Innenstädte des Ruhrgebiets, eine Folge der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg und des schnellen Neuaufbaus.

Während man also an den immer gleichen Geschäften vorbeigeht, die immer gleichen Imbissketten und die immer gleichen Kastenbauten sieht, erfährt man über den Kopfhörer Geschichten über das jüdische Leben, das in Dortmund kurz nach dem Jahr 1000 begann. Hier war die größte jüdische Gemeinde Westfalens und später, nach Beginn der Industrialisierung, als sich Stadt und Region neu erfanden, eine der größten Gemeinden des damals noch jungen Reviers.

Persönlichkeiten Die Gemeinde brachte auch Persönlichkeiten hervor wie Rabbiner Benno Jacob, der in Dortmund von 1906 bis 1929 wirkte, ein wichtiger Kenner der Tora war, später nach Hamburg zog und sich 1939 nach London retten konnte, wo er kurz vor Kriegsende starb.

Der Zuhörer, der sich auf die Tour einlässt, lernt aber auch die Grundbegriffe des jüdischen Lebens, erfährt, was der Schabbat ist, was an Jom Kippur gefeiert wird oder wie viele und warum an Chanukka Kerzen brennen. Das alles ist in kurze Kapitel gefasst, die die Zuhörer neugierig machen und beim Spaziergang durch die Stadt nicht überfordern.

Wenn man der Innenstadt den Rücken kehrt und sich in das Kaiserstraßenquartier begibt, verlässt man die heute kaum noch sichtbare jüdische Vergangenheit Dortmunds und nähert sich der jüdischen Ge‐ genwart der Stadt, die höchst lebendig ist. Da gibt es einen Kindergarten, ein Jugendzentrum, eine Synagoge, eine Mikwe.

Die Jüdische Gemeinde Dortmund hat heute wieder über 3.200 Mitglieder – noch vor 20 Jahren waren es gerade einmal 400. Seit vielen Jahren hat sie mit Avichai Apel auch mit Avichai Apel wieder einen jungen und engagierten Rabbiner.

Gegenwart Alle neuen jüdische Einrichtungen liegen nah beieinander. Von der Synagoge zum Kindergarten sind es nur ein paar Meter. Hier erfährt man nun über die Kopfhörer die Geschichte der Wiederbelebung der Gemeinde. Auch einen koscheren Lebensmittelladen soll es geben – zu finden ist er allerdings sehr schlecht.

Den Abschluss des Audio‐Rundgangs durch Dortmund bildet ein Besuch des jüdischen Teils des Ostfriedhofs. Hierhin sollte man das Auto nehmen – zu Fuß ist der Weg von der Synagoge zu weit. Der jüdische Teil des Friedhofs wird heute nicht mehr genutzt – aber von der Stadt Dortmund immer noch gepflegt. Er ist zumindest ein stimmiger und besinnlicher Abschluss des Rundgangs.

Der Selbsttest hat es bewiesen: Die Audio‐Führung »Komm, ich zeig Dir, was in Dortmund jüdisch ist …« bietet einen guten Einstieg in die Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens. Man sollte sich allerdings gute zwei Stunden Zeit nehmen für die Tour. Zudem braucht man eine gute Vorstellungskraft: Denn die jüdische Geschichte Dortmunds ist fast vollkommen vernichtet.

Die 19 MP3‐Dateien, eine Karte im PDF‐Format und die GPX‐Datei, um sich via GPS zu orientieren, gibt es seit dem 15. März kostenlos zum Herunterladen unter: http://www.erportdo.de/wiki/index.php/Komm_ich_zeig_Dir_was_in_Dortmund_Jüdisch_ist.

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