Dilemma

Spielfrei am Schabbat

Übungseinheit: Makkabi Berlin beim Training – nicht am Samstag Foto: Thomas Rosenthal

Die elfjährige Estee Ackermann zögerte keine Sekunde, als sie den Termin für ihr Finalspiel bei den US-Meisterschaften im Tischtennis sah: An Schabbat würde sie nicht antreten, erklärte das Mädchen aus Long Island kategorisch.

Weil die Organisatoren keine Möglichkeit sahen, das Endspiel zu verschieben, wurde die viertbeste Amerikanerin ihrer Altersklasse disqualifiziert – und war trotzdem nicht traurig. Sie habe Verständnis, dass im dicht gedrängten Terminplan der Meisterschaft, bei der in fünf Tagen 800 Athleten ihre Matches absolvierten, keinerlei Chance auf eine Terminverlegung gewesen sei. Am großen Ziel, später einmal bei den Olympischen Spielen für die USA Gold zu gewinnen, ändere das im Übrigen nichts.

Wie Estee Ackermann geht es Wochenende für Wochenende vielen sportbegeisterten Juden. Die Volleyballspielerinnen von Makkabi Berlin haben jedoch keinerlei Probleme, erzählt Beate Schmidt von der Makkabi-Deutschland-Geschäftsstelle, denn gespielt wird grundsätzlich sonntags. Anders sieht es da schon bei den Makkabi-Fußballern aus. Drei Teams kämpfen regelmäßig um Punkte. Die Erste Mannschaft spielt in der höchsten Berliner Liga.

Spielplan Es sei kein Problem, Begegnungen, die an Hohen Feiertagen angesetzt sind, zu verschieben, sagt Claudio Offenberg, der seit acht Jahren als Fußballtrainer bei Makkabi Berlin tätig ist. Die Spielplanungen stünden in aller Regel monatelang vorher fest, »die Ansetzungen des Sommerkalenders, die bis Januar durchgeplant sind, erhalten wir online meist schon im Juni, Juli, und dann kann man ja bereits nachgucken, welche Spiele auf jüdische Feiertage fallen«, erklärt er. Genauso sei es auch mit dem Winterkalender, der bis zur Sommerpause gilt, auch er sei schon Monate vorher abrufbar.

»Bitten um Verlegungen werden in aller Regel ganz unproblematisch genehmigt.« Allerdings »ist es empfehlenswert, nicht erst auf den letzten Drücker zu reagieren – und eine stichhaltige Begründung vorzulegen, wie zum Beispiel jüdische Feiertage, auf die vom Verband immer Rücksicht genommen wird«.

Auch bei den Heimspiel-Ansetzungen gebe es keinerlei Probleme. Die Vereine werden vor der Erstellung der Rundenpläne beispielsweise gefragt, ob sie lieber sonntags oder samstags spielen wollen. Bei Auswärtsspielen könne es jedoch passieren, dass die Makkabi-Fußballer am Schabbat antreten müssen. Dass ein Spieler sich entschieden habe, aus religiösen Gründen nicht aufzulaufen, sei bisher nicht vorgekommen, betont Offenberg. »Wir sind zwar ein jüdischer Verein und stehen daher zu den jüdischen Traditionen«, erklärt er. »Aber wir sind in dem Sinne kein religiöser Verein – wir wollen sportlich weiterkommen und müssen uns den Wettkämpfen stellen, und die Veranstaltungen finden nun einmal an den Wochenenden statt.«

Den Makkabi-Mannschaften, in denen nicht nur Juden, sondern auch Christen, Muslime und nichtreligiöse Menschen kicken, ist die Verbundenheit mit dem Judentum gleichwohl sehr wichtig. So traten nach dem antisemitisch motivierten Angriff auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter im Sommer vergangenen Jahres alle Spieler des jüdischen Vereins (egal welcher Religion) von den kleinen Makkabinos bis zu den Senioren mit Kippa an.

schach Auch im Schach ist es nicht immer möglich, die Spieltermine so zu legen, dass sie nicht auf Freitagabende oder Samstage fallen. Isaak Lat, Betreuer der Schachspieler bei Makkabi Deutschland, kennt allerdings ein Beispiel, wie einem religiösen jüdischen Jungen bei den deutschen Meisterschaften ermöglicht wurde, am Samstag anzutreten. Spielen ist nämlich am Schabbat erlaubt, und so wurde kurzerhand ein Extra-Schiedsrichter abgestellt, der die – nicht spielentscheidenden – Aufgaben übernahm, die am Ruhetag verboten sind.

So betätigte der Referee für das junge Schachtalent etwa die Stoppuhr, die die verbleibende Zeit zeigt, und notierte die Züge. »Wille kann Berge versetzen, wenn er denn vorhanden ist«, sagt Lat und freut sich noch heute über die unbürokratische Entscheidung der Organisatoren. Natürlich »kann man so etwas nicht bei jedem Turnier verlangen, aber Hut ab – es beflügelt und unterstützt, wenn mit solchen simplen Schritten Zeichen gesetzt werden«.

Ausnahmen Problematisch sei im Übrigen oft nicht das – erlaubte – Spiel, sondern der Weg zur Wettkampfstätte. »Wenn man ganz in der Nähe des Austragungsorts untergebracht ist, darf man zu Fuß dorthin gehen, aber längere Strecken dürfen eben nicht zurückgelegt werden.« Und da müsse dann eben jeder für sich entscheiden. Lat erzählt, dass das oberste israelische Gericht 2005 ein Champions League-Spiel sogar an Rosch Haschana genehmigt habe.

»Wir müssen uns eben entscheiden, entweder wollen wir oben mitspielen, oder wir betreiben Freizeitsport und haben am leistungsorientierten sportlichen Leben keine Teilhabe«, sagt Lat. Und fügt hinzu: »Wir stehen als jüdischer Verein allwöchentlich durch den Sport, ob bezirksweit, stadtweit, landesweit, für das Judentum ein. Und wir zeigen, dass wir da sind, und das auch in Zeiten, in denen die Politik nicht immer an unserer Seite steht. Manchmal sogar an vorderster Front, wenn unsere Sportler rassistisch und antisemitisch beleidigt werden – wir zeigen Präsenz.«

Wie man allerdings an der Basis, in den Familien, mit der Frage Sport am Schabbat umgeht, steht auf einem anderen Blatt. »Im privaten Bereich ist die Ausgrenzung viel größer«, sagt die Religionslehrerin Tamara Guggenheim und nennt Beispiele aus anderen gesellschaftlichen Anlässen. Geburtstage von nichtjüdischen Kindern würden oft samstags gefeiert. »Kinder aus religiösen Familien können dann nicht teilnehmen – oder haben Glück, und die Party wird auf Sonntag verlegt, wenn ihre Freunde nicht auf den jüdischen Gast verzichten wollen.«

Auch in anderen Bereichen entstünden Probleme. »Mancherorts kann eine Orchesterprobe zum Beispiel nur am Samstag stattfinden.« Und was den Sport betreffe, so wohnten Guggenheims Erfahrung nach in Deutschland nur sehr selten religiöse jüdische Familien auf dem Land. »Fromme Menschen brauchen jüdische Infrastuktur, also zum Beispiel eine Synagoge ganz in der Nähe. In den großen Städten gibt es aber in aller Regel auch Makkabi-Vereine, sodass die Kinder nicht aufs Sporttreiben verzichten müssen.«

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