Buchvorstellung

Spätes Sprechen

Konferenzband versammelt Beiträge zu den Traumata der zweiten Generation

von Roland Kaufhold  25.04.2016 17:18 Uhr

Sammelband zur Konferenz von 2015

Konferenzband versammelt Beiträge zu den Traumata der zweiten Generation

von Roland Kaufhold  25.04.2016 17:18 Uhr

Ich bin gerührt über dieses Foto meines Vaters. Und dass es auf dem Cover unseres Buches zu sehen ist.» Anita Haviv-Horiner, in Netanja lebende Bildungsexpertin, die sich seit 30 Jahren im israelisch-österreichisch-deutschen Kulturaustausch engagiert, war extra zur Buchvorstellung in die Kölner Stadtbibliothek gekommen.

Nachkommen von Verfolgten des Nationalsozialismus heißt der vorgestellte Sammelband mit den Ergebnissen einer Konferenz zum Thema, die im Juni 2015 in Berlin stattfand, und in dem die Mitfünfzigerin mit einem autobiografischen Beitrag vertreten ist. «Israel ist meine Heimat, aber doch nicht ganz», betont sie. Das Leben in Israel bleibe eine Achterbahn, sei nicht einfach, aber sie werde gewiss immer in Israel bleiben, sagt Haviv-Horiner.

Ihre Eltern – Überlebende der Schoa – lebten aus praktischen Gründen in Österreich, obwohl ihr Vater dort nur in dem kleinen Kreis von Schoa-Überlebenden verkehrte und sich dem Land nicht zugehörig fühlte. «Er hasste die meisten Österreicher seiner Generation», erzählt die Tochter. Die Mutter hingegen habe sich als Österreicherin gefühlt. Sie gelangte 1956 auf abenteuerlichen Wegen aus Ungarn nach Österreich und blieb der österreichischen Demokratie für den erlebten Schutz dankbar.

Israel Anita Haviv-Horiner erinnert sich, wie ihr Vater sie immer wieder mit ins Kaffeehaus genommen hat, zu den Gesprächen mit seinen Freunden, den Überlebenden. «Häufig sogar während der Schulzeit. Meine Mutter war ziemlich aufgebracht, als sie das mitbekam.» Als Haviv-Horiner 19 Jahre alt war, stand für sie fest: «Ich gehe nach Israel. Israel wird meine neue Heimat.» Dennoch empfinde sie auch heute noch eine gewisse Heimatlosigkeit. Ihre Kinder hingegen seien überzeugte Israelis, für sie sei nur ein Leben dort vorstellbar. Über sich selbst sagt Anita Haviv-Horiner, sie sei nun zur Brückenbauerin zu ihrer früheren Heimat geworden.

Die Folgen der Schoa – auch für die zweite Generation der Überlebenden – sind Themen des von der Organisation Information & Beratung für NS-Verfolgte herausgegebenen Bandes. Die Publikation greift erstmals das Thema aus den unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Opfergruppen auf. Kooperationspartner ist die Germania Judaica – Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums. An diesem Abend standen die komplexen, durch die Schoa ausgelösten Traumata und insbesondere die Möglichkeiten ihrer konstruktiven Lösung im Mittelpunkt. Haviv-Horiners Vater war seinerzeit an den Folgen der Traumatisierung zerbrochen.

Homosexualität Der Kölner Schauspieler Claus Vinçon, bekannt geworden als Georg Eschweiler in der ARD-Serie Lindenstraße, las aus dem Beitrag von Petra Hörig vor. Ihr Vater war wegen seiner Homosexualität in ein Konzentrationslager verbracht worden. Er gründete zwar noch eine Familie, nahm sich aber dennoch Jahre später das Leben. Der Eichmann-Prozess hatte die erlittenen Traumatisierungen in ihm wieder wachgerufen. Ein Sprechen über seine Verletzungen war ihm nie möglich.

Der Arzt und Psychologe Alexander Bakalejnik, 1961 in der Sowjetunion geboren und selbst Angehöriger der zweiten Generation, vermittelte einen Überblick von der in seiner früheren Heimat vorherrschende Tabuisierung der Schoa-Erfahrungen.

Im Austausch mit den knapp 60 interessierten Zuhörern, darunter mehreren Psychotherapeuten, beschrieb er die Möglichkeiten, konkrete Hilfsangebote für die schweren Belastungen zu bieten, die heute viele in Deutschland lebende Kinder und Enkel der Überlebenden verspüren. Wichtig sei es, die seelischen Ressourcen wahrzunehmen, über die die meisten Menschen verfügen. Aber auch das Schweigen über das Erlittene, über das innerfamiliär Weitergegebene, sei in vielen Fällen eine gesunde Form des Weiterlebens, betonte Bakalejnik.

Hamburg

Stadt will Synagoge wieder aufbauen

Bürgerschaftsfraktionen stellten Antrag zur Neuerrichtung des von den Nazis zerstörten Gotteshauses vor

 28.01.2020

Israel-Jacobson-Preis

Armin Laschet erhält Auszeichnung

NRW-Ministerpräsident wird von der Union progressiver Juden für Verdienste um Stärkung jüdischen Lebens geehrt

 28.01.2020

Berlin

Wagnis Erinnerungskultur

Was passiert, wenn keine Zeitzeugen mehr da sind? Eine Tagung der Initiative Kulturelle Integration ging der Frage nach

von Ralf Balke  28.01.2020

Brief

Wie erinnert ihr euch heute?

Unsere Autorin schreibt über ihren Großvater – er hat Auschwitz und einen »Todesmarsch« überlebt

von Eva Lezzi  26.01.2020

Porträt der Woche

Die Umweltrebellin

Maayan Bennett absolvierte ein Freiwilligenjahr und engagiert sich für Klimaschutz

von Matilda Jordanova-Duda  26.01.2020

Gedenken

»Sie werden Zeugen der Zeitzeugen«

Aron Schuster über Besuche von Jugendlichen in Auschwitz und den »Marsch der Lebenden«

von Ayala Goldmann  26.01.2020

Berlin

»Die Bühne muss mobil sein«

Kulturmanager Peter Sauerbaum über Pläne für ein jüdisches Theaterschiff und Bildungsarbeit mit Schülern

von Christine Schmitt  25.01.2020

München

Judenfeindliche Demo abgesagt

Rechtspopulistische »Pegida« wollte direkt vor Synagoge und zu Schabbatbeginn gegen Beschneidung demonstrieren

 24.01.2020

München

Gefährdung, Präsenz, Porträt

Meldungen aus der IKG

 23.01.2020