Köln

Solidarität im Alltag

Anja Olejnik, Projektleiterin »Gemeindecoaching«, und Kölns Geschäftsführer David Klapheck Foto: Ulrike Gräfin Hoensbroech

»Wie können wir das Gemeinschaftsgefühl gezielt gemeinsam fördern?« Mit diesen Worten beendete Anja Olejnik ihre Präsentation und machte deutlich: »Diese Frage betrifft jeden Einzelnen, jeder muss dazu beitragen.«

Denn das sei entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Kölner Gemeinde und ihre Relevanz, lautet die abschließende Empfehlung der Projektleiterin des Gemeindecoachings, das sie vor einem Jahr in der Kölner Synagogen-Gemeinde (SGK) aufgenommen hatte. Nun stellte sie die Ergebnisse und Empfehlungen vor.

INTERVIEWS In Köln hatte Geschäftsführer David Klapheck vor mehr als einem Jahr dem Gemeindevorstand vorgeschlagen, »abzufragen, wie unsere Arbeit ankommt, was wir besser machen und wie wir attraktiver werden können«. Nach der Beauftragung wurden daraufhin ausführliche Interviews mit 66 Mitgliedern der Synagogen-Gemeinde Köln – samt den Begegnungszentren in Chorweiler und Porz – geführt.

Zu den Befragten gehörten Vertreter der Gemeindevertretung und des Rabbinats ebenso wie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter. Die deutliche Mehrheit der Befragten waren aber Gemeindemitglieder ohne Funktion, wie Anja Olejnik betont: »Das Ergebnis kann daher als repräsentativ qualifiziert werden.« Die ausführlichen Gespräche bezogen sich dabei auf sechs sogenannte Kapazitäten.

»Das Ergebnis kann als repräsentativ qualifiziert werden.«

Anja Olejnik

Demnach wurden beim Themenkreis »Führung und Repräsentation« der SGK die Öffentlichkeitsarbeit, politische Arbeit und der Kampf gegen Antisemitismus besonders positiv hervorgehoben. Als herausfordernd wurde formuliert, dass der Vorstand stark im operativen Arbeitsalltag eingebunden sei und es daher an Kapazitäten für die Strategiearbeit fehle.

Die »Organisation« zeichne sich, so Olejnik, durch gutes Betriebsklima, professionelle Infrastruktur und eine stabile finanzielle Lage aus. Eine Herausforderung sei die Aufgabe, strategische und operative Arbeit klarer voneinander zu trennen.

kapazität Bei der Kapazität »Narrativ und Kommunikation« würdigten die Verantwortlichen die gute Repräsentation nach außen sowie die robuste Krisenkommunikation während der Corona-Pandemie. Eine große Herausforderung sei es, die vielfältigen Narrative der höchst heterogenen rund 4000 Gemeindemitglieder im Verhältnis zur Gemeinde zusammenzubringen.

Viel Raum nahm der sensible Aspekt »Gemeinschaft und Zugehörigkeit« ein. Zwar bestehe vielfach eine tiefe Verbundenheit zur Gemeinde, insbesondere in Krisenzeiten werde die Wertschätzung und Solidarität spürbar. Gleichwohl seien viele »emotional ausgestiegen«, so Olejnik. Es komme daher darauf an, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Chancen dazu habe die SGK gerade durch ihre Vielfalt. Die werde aber im Bereich »Werte und Tradition« nicht optimal dargestellt.

Viele der Befragten vermissen einen niederschwelligeren Anschluss an das religiöse Leben und eine »bessere Willkommensstruktur«, wie es Olejnik nannte. »Es geht hier um das Verhältnis von eher religiösen und eher säkular lebenden Personen.« Schließlich die Kapazität »Soziales Kapital«. Hier hoben die Befragten zwar einerseits das Bekenntnis zum Judentum in Köln hervor, forderten aber zugleich zielgruppenspezifischere Angebote – insbesondere für Angehörige mittleren Alters und für Familien.

VISION Neben den bereits angedeuteten Empfehlungen benannte Anja Olejnik abschließend als zentralen Impuls die Formulierung eines sinnstiftenden Leitbildes und einer Vision, eine strategische Planung sowie die attraktivere und familienfreundlichere Gestaltung von Gottesdiensten, Feiertagen und Veranstaltungen. Auf 44 Seiten haben Olejnik und ihr vierköpfiges Team das Gemeindecoaching zusammengefasst.

Das Coaching ist ein Angebot des Zentralrats der Juden. Es richtet sich an Landesverbände und einzelne jüdische Gemeinden sowie an Institutionen oder Projekte innerhalb dieser Organisationen. Es bietet professionelle Unterstützung, Beratung und Begleitung bei der Gemeindeentwicklung sowie den strategischen Entwicklungsprozessen. Der Ansatz ist mit den Attributen systemisch, stärkebasiert, wirkungsorientiert sowie partizipativ definiert.

»Erste Anregungen wurden schon in die Praxis übernommen.«

Michael Rado

In den vergangenen knapp drei Jahren haben 20 Gemeinden und ein Jugendzentrum dieses Angebot aufgegriffen. Insgesamt wurden dabei rund 700 Befragungen durchgeführt und zahlreiche Erkenntnisse sowie Empfehlungen formuliert. »Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden, ihrer Arbeit und ihrer Zukunftsentwicklung ist mir eine Herzensangelegenheit«, sagt Olejnik.

verantwortliche Michael Rado vom Gemeindevorstand stellt fest: »Das Ergebnis wirft ein gutes Licht auf die Synagogen-Gemeinde Köln, auf die Führung und ihre Mitarbeiter.« Der Gemeindevorstand betont aber zugleich, dass dies nun nicht bedeute, dass sich die Verantwortlichen nun zurücklehnen könnten, denn: »Das Bessere ist der Feind des Guten, daher sollte es besser werden. Erste Anregungen wurden schon in die Praxis übernommen.« Weitere würden geprüft und gegebenenfalls zeitnah umgesetzt.

Gemeindevorstand Felix Schotland ergänzt: »Wir alle sind interessiert an der Zukunft unserer Gemeinde!« Abraham Lehrer, ebenfalls Gemeindevorstand, gab zudem zu bedenken, dass das Ehrenamt heute nicht mehr selbstverständlich sei. »Es ist wichtig, dass jeder etwas für die Gemeinde tut und man somit wieder zum Ehrenamt zurückfindet.«

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