Berlin

Silbers Licht

Juli und Lali Silber: »Unsere oberste Regel lautet, dass der Kunde zufrieden sein muss.« Foto: Marco Limberg

Vor dem Laden türmen sich Kartons und Pakete. »Als wir passende Räume für unser Geschäft suchten, war uns der breite Gehweg ganz wichtig«, sagt Lali Silber, die Geschäftsführerin von »Lampari«. Denn irgendwo muss die Ware vorübergehend gestapelt werden, bis sie von den Speditionen abgeholt und zu den Kunden gebracht wird – der »Showroom« und die 300 Quadratmeter Lager in der Damaschkestraße 31 seien nun einmal zu klein.

Eigentlich ein gutes Zeichen, das Geschäft scheint zu laufen. Dennoch, so meint die Chefin, sei er schwer, mit koscheren Lebensmitteln auf dem deutschen Markt »Fuß zu fassen«. Ständig müssten sie am Ball bleiben, Kontakte herstellen und pflegen und mit viel Überzeugungskraft ihre Ware vorstellen, so dass neben jüdischen auch nichtjüdische Kunden ihr Angebot attraktiv finden.

Import »Für den hiesigen Markt sind das oft neue Produkte«, meint Lali Silber. Beispielsweise Salzgurken oder Paprika nach israelischer Art – mit viel Sonne gewachsen und anderen Gewürzen als in Deutschland versehen.

Da sie große Mengen überwiegend direkt aus Israel importieren, können sie ihre Produkte preiswert weiterverkaufen. Meis-
tens wird die Ware in Containern geliefert. Immer achten die Silbers darauf, dass die Kaschrut eingehalten wird. »Wir arbeiten mit den Rabbinern von Chabad, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Lauder-Foundation sehr gut zusammen.« Aber auch außerhalb Berlins hätten sie gute Beziehungen zu den Rabbinern.

Kunden Zu ihren Kunden zählen neben Gemeinden und synagogalen Betergemeinschaften mittlerweile auch Kaufhäuser – darunter sogar das KaDeWe.

Ob Großabnehmer oder Einzelbesteller, alle werden gleich gut bedient, versichert Lali Silber. »Unsere oberste Regel heißt, dass der Kunde zufrieden sein muss.« Wenn es mal vor den Feiertagen zu knapp wird, geht die Bestellung per Express raus, die Gebühr zahlen sie selbst. Oder wenn eine Gemeinde eine große Bestellung aufgibt und ein kleines Glas oder Päckchen mit spezieller Ware haben möchte, die sie nicht anbieten, dann komme es vor, dass sie bei einem koscheren Laden in Berlin das Gewünschte einkaufen und ohne Aufpreis weitergeben. »Dann haben wir unsere Arbeitszeit investiert und keinen Cent daran verdient«, sagt sie.

Viel Wert legen sie auch auf eine gute Beratung. Welcher Wein passt zu dem Gericht und welcher Brandy kommt gut an – sie können weiterhelfen. »Wir laden unsere Kunden auch gerne ein und präsentieren ihnen unser Sortiment«, sagt Lali Silber. Das Vertrauen müsse wachsen. Die Informationen müssten 100-prozentig stimmen. Damit sie für die Kunden interessant bleiben, schauen sie immer nach neuen Produkten und seien häufig auf Messen unterwegs.

Seit vier Jahren sind Lali Silber und ihr Mann Juli nun schon im Geschäft mit den koscheren Waren: Ihre Idee war von Anfang an, einen koscheren Discounter zu etablieren und Kunden in Deutschland und den Nachbarländern mit ihren Produkten zu beliefern. Die entsprechende Angebote in Berlin fanden sie damals zu »übersichtlich«.

Idee Bevor sie auf Lebensmittel umstiegen, hatten sie mehr als 20 Jahre lang ein Computer-Geschäft und importierten und exportierten in die damaligen Ostblockländer. Damals habe ihnen sehr geholfen, dass sie Deutsch, Hebräisch, Englisch, Georgisch, Lettisch und Polnisch sprechen.

Julis Mutter stammte aus dem ehemaligen Königsberg. Später floh sie nach Riga und kam anschließend über Israel nach Berlin. Den 67-jährigen Ingenieur zog es wegen seiner Eltern vor mehr als 30 Jahren nach Berlin. Lali Silber kommt aus Georgien. In Israel arbeitete sie als Rundfunkredakteurin und war Gesandte von Keren Hayesod, durfte viel reisen, um Vorträge zu halten. Als das Paar nach Berlin kam, fanden beide keine Anstellung. »Wir wollten aber arbeiten«, sagen sie unisono. So bauten sie schließlich ihr Geschäft auf.

Potenzial Seit Kurzem haben sie Unterstützung von Mishel Menasherov, ihrem Enkelsohn, der Wirtschaft studiert hat. »Es war immer mein Traum, selbständig zu arbeiten«, sagt der 25-Jährige. Er war gleich für diese Tätigkeit zu begeistern. »Ich habe hier viel Potenzial gesehen.«

Vor ein paar Monaten stieg er ein und fing an, das Geschäft etwas umzustrukturieren. Sein Ziel: weg vom »Tante-Emma- Laden«. Andere Produkte, mehr Konzentration auf den deutschen Markt und mehr Internetpräsenz. Vorher sei viel mit Stift und Papier gearbeitet worden, nun gibt es drei Computer. Noch drei weitere Angestellte sind mit von der Partie.

Neu ist auch, dass sie nun tiefgefrorenes Fleisch anbieten und noch mehr Lagerräume haben. Eine Weintheke will er nun neben dem Showroom bauen lassen, um Proben anbieten zu können, von edlen Tropfen aus Israel, Italien und Frankreich.

Lampari ist übrigens georgisch und heißt übersetzt »Lichtsäule« oder »Laterne«. Und wie eine Laterne soll ihr Laden auch für ihre Kundschaft leuchten, erläutert die 64-jährige Lali Silber den Firmennamen.

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026