Jugendkongress 2018

Sieben Tage Israel

Es war vor allem ein Programmpunkt, der Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, seinen Respekt abrang. Denn am vergangenen Montag, als er in Jerusalem vor 200 Teilnehmern des Jugendkongresses der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sprach, war er überrascht, zu sehen, »wie viel Freizeit am Strand eingeplant ist. Ganze zwei Stunden in einer Woche – ›Kol haKawod‹!«

Dieser Kommentar löste spontanes Gelächter unter den sichtlich erschöpften jungen Leuten aus. Waren sie doch erst am Tag zuvor angereist und an jenem Morgen bereits um sechs Uhr aufgestanden.

Anlässlich des 70‐jährigen Bestehens des jüdischen Staates hält die ZWST ihren alljährlichen Jugendkongress in Israel ab. Eine Woche lang dauert die Reise, und Gemeindemitglieder im Alter von 18 bis 35 Jahren nehmen daran teil. Aron Schuster, der stellvertretende ZWST‐Direktor, und sein Team haben ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.

Die jungen Erwachsenen treffen Vertreter aus Politik, Armee, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, unternehmen Ausflüge in den Negev, auf den Golan, besuchen militärische Trainingszentren und Tel Aviver Hightech‐Firmen. Dahinter steht der Gedanke, nicht nur das Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Gemeinde zu fördern, sondern zugleich das emotionale Band zum jüdischen Staat zu stärken.

Kotel Gleich am ersten Tag fuhren die Teilnehmer von ihrem Hotel in Ramat Gan bei Tel Aviv nach Jerusalem. Auf dem Programm standen unter anderem ein Besuch der Kotel, eine Besichtigung der Residenz des Staatspräsidenten, eine Führung durch die Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem und ein Empfang in der Knesset.

In Gruppen aufgeteilt, trafen die Teilnehmer dort zwei Abgeordnete: Eli Alaluf von der Kulanu‐Partei und Anat Berko vom Likud. Während Alaluf, der dem Komitee zur Armutsbekämpfung vorsitzt, über das israelische Rentensystem referierte und seine Maßnahmen gegen Altersarmut beschrieb, warnte Anat Berko vor antijüdischem Terror, der Juden in Israel ebenso wie in Europa bedrohe. »Typische Likud‐Positionen eben«, fasste eine Zuhörerin den Vortrag schulterzuckend zusammen.

Die jungen Erwachsenen repräsentieren das heutige jüdische Deutschland: manche orthodox, andere säkular, einige geboren in Deutschland, andere in der ehemaligen Sowjetunion. Gesprochen wurde Deutsch, Russisch oder eine Mischung aus beidem. Vielfältig ist auch das Spektrum politischer Haltungen. Immer spürbar vor allem dann, wenn die Gespräche Themen wie Flüchtlinge und Migranten streiften. Manche Teilnehmer teilten die oftmals diskutierte Sorge, Juden könnten sich in vielen Städten Deutschlands aus Furcht vor Übergriffen durch antisemitisch sozialisierte Migranten nicht öffentlich mit Kippa zeigen.

Bernau Andere wiederum berichteten von ermutigenden Begegnungen. Wie etwa der 23‐jährige Michael Sandler aus dem brandenburgischen Bernau. Sandler, der in Berlin Geografie studiert, engagiert sich in der Initiative »Jumu« – kurz für »Juden und Muslime«.

Ziel sei es, junge Menschen beider Religionen zusammenzubringen und Workshops insbesondere für arabisch‐muslimische Flüchtlinge anzubieten, um über das Judentum aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Die muslimischen Teilnehmer seien oft über die Ähnlichkeiten beider Religionen überrascht, berichtet Sandler. »Am Ende sagen viele von ihnen: Auf jemanden, mit dem wir so viel gemeinsam haben, können wir doch nicht böse sein.«

Gedenkstätten Bei der abendlichen Podiumsdiskussion nach einem Tag im Bible Lands Museum in Jerusalem regte Zentralratspräsident Josef Schuster an, Führungen durch Holocaust‐Gedenkstätten auf Arabisch anzubieten, warnte aber zugleich davor, alle Muslime »über einen Kamm zu scheren«. Denn: »Den Applaus der AfD brauche ich weiß Gott nicht.« Außerdem ermutigte er die Teilnehmer dazu, in Diskussionen mit Freunden, Kollegen und Kommilitonen für Israel einzutreten.

Auch der viel beachtete New‐York‐Times‐Kommentar von Ronald Lauder, dem Präsidenten des World Jewish Congress, in dem er scharfe Kritik an Israels Siedlungspolitik sowie der Monopolstellung der ultraorthodoxen Minderheit in religiösen Fragen äußerte, war ein Thema der Diskussion.

Diaspora Unter Verweis auf Lauders Artikel, in dem der 74‐Jährige davor warnte, dass Israel den Rückhalt der jüdischen Diaspora verliere, betonte Schuster, natürlich könne man die israelische Regierungspolitik kritisieren, »aber das ändert nichts an der Solidarität von Juden weltweit mit Israel. Wenn ihr davon etwas mitnehmt, dann hat sich diese Reise gelohnt.«

Auf dem Podium saßen außerdem Felix Klein, Sonderbeauftragter des Auswärtigen Amtes für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen, sowie junge Vertreter jüdischer Organisationen.

Naomi Ellenbogen, Vizepräsidentin des Bundes jüdischer Studenten Baden, berichtete, ihre Familie sei wiederholt sowohl von Neonazis bedroht als auch von muslimischen Jugendlichen beschimpft worden. Die Frage, ob es für jüdische Gemeinden in Deutschland und Europa eine Zukunft gebe, bejahte sie dennoch entschieden: »Sonst gäbe es ein judenfreies Europa, und das hieße, die Nazis hätten am Ende gesiegt!«

Liebe Am Ende eines langen Tages gab ZWST‐Präsident Abraham Lehrer den jungen Erwachsenen einen Ratschlag für die verbleibende Zeit mit auf den Weg: Sie sollten doch die langen Busfahrten in den Negev und auf den Golan dazu nutzen, sich die »Mitreisenden des anderen Geschlechts genauer anzuschauen«. Es wäre nicht das erste Mal, sagte er unter dem Gelächter der Zuhörer, dass sich aus einem Jugendkongress längerfristige Verbindungen ergäben. Auch eine Möglichkeit, die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland zu sichern.

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