Rosch Haschana

Sicherheit und Frieden

Positiv in die Zukunft blicken: Honig und Apfel als Symbol für unsere Hoffnung, dass das neue Jahr süß werden möge Foto: Marina Maisel

Für die meisten von uns kannte das vergangene Jahr nur ein einziges Thema: Corona. Die Pandemie hat unseren Alltag vollkommen verändert, Worte wie Social Distancing oder Alltagsmaske, vor einem Jahr noch völlig unbekannt, sind heute Allgemeingut.

Dass wir dem weiteren Verlauf dieser Krise heute verhältnismäßig gelassen und mit vorsichtigem Optimismus entgegensehen können, ist auch die Folge einer nie da gewesenen kollektiven Kraftanstrengung unserer Gesellschaft, die bislang für meine Begriffe noch viel zu wenig gewürdigt wurde. Die Schließung von Geschäften, von Schulen und Kindergärten war beispiellos und, hoffentlich, einmalig. Jeder Einzelne hat in diesem Jahr große Opfer gebracht, um Schlimmeres zu verhüten und Leben zu retten.

Der Kampf um das Vertrauen in die Demokratie geht alle an. Und er hat erst begonnen.

Bei allen schlechten Nachrichten, die es gab und weiter geben wird, sollten wir das niemals vergessen. Schließlich hat die Pandemie auch gezeigt, wie eng das soziale Band in unserem Land geknüpft ist, wie belastbar unser Gemeinwesen und wie verantwortungsbewusst unsere Politik – die Regierung ebenso wie die demokratische Opposition. Wir haben gesehen, dass nicht alles so schlecht ist, wie wir es selbst in den vergangenen Jahren gelegentlich glauben wollten.

grenzen Leider stößt diese positive Analyse jedoch auch an ihre Grenzen. Denn parallel zur großen humanitären und sozialen Gemeinschaftsleistung hat sich auch ein anderer, dezidiert feindseliger Blick verbreitet, dessen Gefahren uns bei den »Anti-Corona-Demos« vor allem, aber beileibe nicht nur, in Berlin vorgeführt wurden.

Ein wildes Potpourri aus Esoterikern, Impfgegnern, Reichsbürgern, sonstigen Verschwörungstheoretikern und in der Wolle gefärbten Rechtsextremisten unter anderem aus den Reihen der AfD bringt seit dem Frühjahr immer wieder ein Sentiment auf die Straße, das wie unter einem Brennglas alle bedrohlichen sozialen Trends der jüngsten Zeit gebündelt sichtbar werden lässt. Es bilden sich Gruppierungen von Menschen, die sämtliche Brücken zur Realität abgebrochen haben und sich in einer Notwehrsituation sehen – und somit zu allem bereit sind.

Was das konkret bedeuten kann, ist uns allen noch in schrecklicher Erinnerung. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle und das Attentat von Hanau liegen noch kein Jahr zurück. Insgesamt 13 Menschen kamen ums Leben, weil ihre Mörder sich über Jahre in einem undurchdringlichen Geflecht von Lügen, Halbwahrheiten und als politische Meinung getarnten Wahnvorstellungen verfangen hatten, aus dem sie sich weder befreien konnten noch wollten. Gemeinsam war ihnen ebenso wie den Demonstranten von Berlin nur Hass als Triebfeder ihres Denkens und Handelns.

Bereits Anfang Juni hat deshalb die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Vera Jourová, vor einer »Infodemie« gewarnt, die zur Pandemie hinzukomme und die nicht minder lebensgefährlich sei. Wer an Halle und Hanau denkt und die Bilder des Reichsflaggen schwenkenden Mobs auf den Stufen des Bundestages noch vor Augen hat, wird ihr darin nicht widersprechen können.

parallelwelten Im Hinblick auf die Corona-Krise zähle ich zum Lager der Optimisten und glaube, dass die Pandemie, so G’tt will, schon in einigen Monaten hinter uns liegen kann. Die Kurve der Infodemie hingegen zeigt unverändert steil nach oben.

Nach den Bildern dieses Jahres hat zwar hoffentlich auch der Letzte verstanden, dass in den Parallelwelten des Internets eine veritable Bedrohung für die parlamentarische Demokratie heranwächst, und verschiedene Gesetzesverschärfungen auf Bundes- und Länderebene dürften die Verbreitung von Hass im Internet zukünftig wenigstens etwas erschweren.

Aber das Problem ist längst viel größer. Hass, der sich einmal gesellschaftlich Raum gegriffen hat, kann nur mit größter Mühe wieder zurückgedrängt werden. Wer einmal abrutscht, der findet so schnell keinen Halt mehr.

rechtsstaat Unsere Gemeinde hat das in diesem Jahr mehrfach erfahren müssen. Der Angriff auf unseren Rabbiner mitten in der Münchner Innenstadt Mitte Juli war ein solcher Moment, ebenso die unzähligen Provokationen des Rechtsextremisten Heinz Meyer, der auf dem St.-Jakobs-Platz wiederholt gegen die jüdische Religion gehetzt und Mitglieder unserer Gemeinde eingeschüchtert hat.

Es dauerte lange, ehe die städtische Verwaltung und die Justiz Mittel und Wege fanden, ihm einen Riegel vorzuschieben, und so oder so ist der Schaden bereits eingetreten. Wer am Schabbat aus der Synagoge kommt und vor einem Neonazi steht, der kann das Vertrauen in den Schutz verlieren, den ein Rechtsstaat eigentlich bieten sollte.

Die Frage, wie eine Demokratie mit denjenigen umzugehen hat, die ihre Freiheiten zwar ablehnen, aber gerne für sich ausnutzen, wird uns auch im kommenden Jahr weiter beschäftigen.

Die Frage, wie eine Demokratie mit denjenigen umzugehen hat, die ihre Freiheiten zwar ablehnen, aber gerne für sich ausnutzen, wird uns daher auch im kommenden Jahr weiter beschäftigen. Damit meine ich ausdrücklich nicht nur die jüdische Gemeinschaft: Der Kampf um das Vertrauen in die Demokratie geht alle an, und er hat erst begonnen.

erfolge Trotz alledem bleibe ich bei meiner Haltung, dass das neue Jahr mit einem positiven Ausblick begonnen werden muss, und glücklicherweise gibt es auch die dafür nötigen guten Nachrichten. Neben den schon erwähnten Erfolgen im Kampf gegen das Coronavirus zähle ich dazu auch internationale Entwicklungen wie die unerwarteten Friedensschlüsse Israels mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und mit Bahrain. Das Attribut »historisch« ist mehr als angemessen.

Die Bilder der EL-AL-Maschine auf dem Flughafen von Abu Dhabi und der israelischen Delegation bei ihren Gesprächen, während derer die Flagge mit dem Davidstern stets selbstverständlich neben der der Emirate hing, wären noch vor wenigen Monaten unvorstellbar gewesen – und sind doch bereits Realität. Das macht Hoffnung auf weitere Friedensschlüsse und auf die Normalisierung, die der Staat Israel und seine Bewohner seit über 70 Jahren ersehnen.

In diesem Sinne wünsche ich zum neuen Jahr Sicherheit und Erfolg, Stabilität, Frieden und natürlich insbesondere Gesundheit. Möge G’ttes Segen uns alle stets begleiten! Schana towa – gmar chatima towa!

Halle

»Wir lassen uns nicht unterkriegen«

Knapp ein Jahr nach dem antisemitischen Terroranschlag hat sich heute die Jüdische Gemeinde zum Jom-Kippur-Gottesdienst getroffen

 28.09.2020

Geschichte

Forscher untersuchen jüdisches Leben im 17. und 18. Jahrhundert

Im Fokus steht der wechselseitige Einfluss jüdischen Lebens auf die andersgläubige Mehrheit

 28.09.2020

Berlin

Toleranz-Preis für Hermann Simon

Der Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge - Centrum Judaicum wird für sein Lebenswerk geehrt

 28.09.2020

Porträt der Woche

»Wissen ist Verantwortung«

Dodi Reifenberg ist Künstler und erforscht seine weitverzweigte Familiengeschichte

von Alice Lanzke  26.09.2020

Sachsen-Anhalt

Unterstützung für Gröbziger Synagoge

Das Land fördert den Museumsverein in den kommenden zwei Jahren mit insgesamt 170.300 Euro

 25.09.2020

Erfurt

Thüringen feiert 900 Jahre jüdisches Leben

Rund 100 Veranstaltungen im ganzen Land sind anlässlich des Jubiläums geplant

 24.09.2020

Thüringen

»Wir Juden haben Jahrhunderte hier gelebt«

Reinhard Schramm über jüdisches Leben, den Schock nach dem Anschlag von Halle und eine große Hoffnung

von Dirk Löhr  24.09.2020

Worms

Ausstellung zu jüdischem Leben am Rhein

Eine neue Dauerausstellung über jüdisches Leben in den SchUM-Städten ist künftig im Jüdischen Museum Worms zu sehen

 24.09.2020

Frankfurt

Jüdische Akademie: Kaufvertrag für Grundstück unterzeichnet

Der Weg für die Jüdische Akademie ist frei – schon zum Jahreswechsel sollen die Bauarbeiten beginnen

 24.09.2020