Porträt der Woche

»Sicherheit gibt es nicht«

Icek Ostrowicz hat die Schoa in Polen überlebt und unterstützt heute jüdische Studenten

von Naomi Bader  22.01.2018 18:09 Uhr

»Ich möchte jungen Juden ermöglichen, was mir verwehrt blieb«: Icek Ostrowicz (90) aus Mönchengladbach Foto: Jochen Linz

Icek Ostrowicz hat die Schoa in Polen überlebt und unterstützt heute jüdische Studenten

von Naomi Bader  22.01.2018 18:09 Uhr

Nach dem Krieg habe ich sie durch Zufall kennengelernt – und Zufall bedeutet für mich immer auch Schicksal. Sie, das ist Renate Starck‐Oberkoxholt. Eines Tages sagte sie zu mir: »Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie hätten studieren können!« Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich studiert hätte. Aber ich glaube daran, dass Bildung für junge Menschen – besonders heute in Deutschland – Grundvoraussetzung für ein gutes Leben ist.

So kam die Idee für die Gerhard C. Starck Stiftung auf, die Stipendien an begabte jüdische Studenten vergibt. Dort arbeite ich ehrenamtlich und bringe mich als Finanzvorsitzender ein.
Ich konnte nicht studieren, weil ich als Jude in der polnischen Stadt Kielce, wo ich aufwuchs, mit zwölf Jahren nicht mehr die Schule besuchen durfte. Wie ich mich damals gefreut habe! Wer geht denn schon gerne zur Schule?

Nach ein paar Wochen wurde mir jedoch langweilig, also nahm mein frommer Großvater mich unter seine Fittiche und gab mir Religionsunterricht. Er bereitete mich auch auf meine Barmizwa vor, die wir noch gemeinsam mit meinen Eltern und meinen drei jüngeren Geschwistern gefeiert haben.

Polen Doch dann wurden die Zeiten schwieriger: Im Juli 1942 begannen in Polen die sogenannten Aussiedlungen. Ich wurde von meiner Familie getrennt und zur Arbeit in ein Lager aussortiert. Weil ich zurück zu meiner Familie wollte, flüchtete ich, in der Hoffnung, bei einer nächsten Aussiedlung dahin zu kommen, wo sie waren. Aber ich wurde erneut zur Arbeit aussortiert – und die Hoffnung wurde zerschlagen.

In meiner Familie hat niemand außer mir überlebt.
Noch zweimal flüchtete ich danach aus Arbeitslagern: das erste Mal mit einer Gruppe, doch wir gerieten in ein Gewehrfeuer, das ich als Einziger überlebte. Weil ich nicht wusste, wohin, kehrte ich zurück ins Arbeitslager. Dort dachte man, ich sei umgekommen.

Im Lager mit dem Namen eines Toten unerkannt bleiben zu müssen, war sehr riskant, und deshalb flüchtete ich ein zweites Mal, zurück in das Arbeitslager in Kielce. Unterzutauchen war für mich nie eine Frage, denn wer kein Geld hat, schläft im Dunkeln. Natürlich bedeuteten auch die Arbeitslager ein großes Risiko, aber von den Lagerältesten wurde ich auch ohne Namen geduldet. Letztendlich erwischte die Gestapo mich aber, sperrte mich für einige Tage ins Gefängnis und deportierte mich ins KZ Groß‐Rosen.

Kapos Groß‐Rosen war die Hölle. In einem Steinbruch musste ich mit anderen Häftlingen Steine klopfen. Wer nicht konnte, den schlugen die Kapos und die SS auf den Rücken oder Kopf. Ich roch jeden Tag den Geruch der Leichen vom Krematorium. 1944 kam ich ins KZ Mittelbau‐Dora, wo die V2‐Raketen gebaut wurden. Dort steckte ich bei Kälte und Schnee tief im Schlamm und schleppte Bretter und Balken – das war zum Erschöpfen.

Seit 1942 hatte ich nichts von meiner Familie gehört. Sie wiederzusehen, war das Einzige, was mir Hoffnung gab.
Als sich die Alliierten näherten, schickte man uns auf einen Todesmarsch, der zwölf Tage dauern sollte. Uns wurde damals klar: Auch die Bewacher sind nicht unsterblich. Viele von uns fielen unterwegs aus Erschöpfung in den Graben und bekamen den Gnadenschuss.

Noch ein paar Tage, und es wäre auch für mich vorbei gewesen. Aber es gab so ein Gefühl, dass der Krieg bald zu Ende gehen würde: Wir hörten eine andere Sirene, nicht mehr die für Luftangriffe. Es hieß, das sei die Sirene der Panzerspitzen. Und wirklich: Am 12. April befreiten uns die Amerikaner.

suche Nach dem Krieg hatte ich keine Ahnung, was geschehen war, ich dachte, es muss so sein. An die Unmenschlichkeit habe ich nicht gedacht, gar nicht verstanden, wie schrecklich es war, was man mit uns gemacht hatte. Begriffen habe ich das erst, als ich nach Kielce zurückgekehrt bin, um meine Familie zu suchen, von der ich bis dahin noch immer nichts gehört hatte. In Kielce sagte man mir, dass alle in Treblinka ermordet worden waren. Niemand außer mir hatte überlebt. Ich wusste nicht, was ich machen sollte.

Ich hatte das Glück, einen Freund meiner Eltern zu finden, bei dem ich übernachten durfte. Ich konnte einfach nicht in dem Lager der Gemeinde schlafen – bis heute hasse ich Menschenmassen. Ich kann mich auch nicht in einer Schlange anstellen, deshalb schummele ich mich immer vor. Meine Frau schimpft dann mit mir.

»Das kannst du doch nicht machen«, sagt sie. Und sie hat recht, es gehört sich wirklich nicht, aber ich kann nicht anders, es ist Ins­tinkt. Und dieser Instinkt hat mir das Leben gerettet: Es heißt heute, 40 Juden seien bei dem Pogrom in jener Nacht in Kielce ermordet worden. Ich weiß, dass es weitaus mehr gewesen sind.

Courage Meine Enttäuschung darüber war unbegreiflich. Menschen, die den Krieg überlebt hatten, wurden doch noch umgebracht. Nur die Enttäuschung, meine Familie verloren zu haben, war größer. Was ich erlebt habe, hat mich so abgehärtet, dass ich Courage fand, obwohl ich stets von Angst begleitet wurde. Also wieder los – alleine. Ich war Einzelgänger.
Zurück in Deutschland, besorgte ich auf dem Schwarzmarkt Zigaretten, die ich gegen Stoffe tauschte. 1950 zog ich schließlich nach Mönchengladbach, wo ich bis heute lebe, und gründete dort meine Firma »Ostita Moden«.

Die Firma habe ich »Learning by Doing« aufgebaut. Ich war ja nicht einmal 20 Jahre alt und habe Fehler gemacht. Aber wer keine Fehler macht, der lernt auch nichts. Es ging aufwärts: Mit Strümpfen habe ich angefangen, und dann ging es immer höher bis hin zu Strickmützen. Auf einmal war ich also erfolgreicher Geschäftsmann, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Was daran? Geld zu verdienen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ambitionen gehabt, ich wollte eigentlich nur einen Schutz, eine Art Halt. Ganz strebsam versuchte ich, Eigenkapital zu gewinnen. Das war ein besonderes Gefühl – aber später hörten die Gefühle auf. Mein Vater hat immer gesagt: »Solange du weißt, wie viel du besitzt, bist du ein armer Mann.«

Ich habe damals alles mitgezählt, sogar die Uhr, die ich trug. Erst als ich nicht mehr wusste, wie viel ich hatte, war ich reich – geistig. Aber ich wusste auch: Du kannst den lieben Gott nicht bei den Füßen packen und sagen: »Ich hab’ dich.« Sicherheit gibt es nicht. Mir ist wichtig, dass junge Menschen sich dessen bewusst sind: Wir wissen nicht, was morgen passiert. Und das ist in Ordnung.

Ich kann mich an viele Details aus der Kriegszeit nicht mehr genau erinnern, zum Beispiel an die Nummer der Jugendbaracke, in der ich untergebracht war. Ich bin mir aber sicher: Ich würde sie heute noch finden. Dorthin zurückkehren möchte ich dennoch nicht. Es fällt mir auch schwer, über das, was ich erlebt habe, zu sprechen. Denn erzählen kann ich viel, doch wie Menschen es aufnehmen, ist eine andere Sache. Natürlich bin ich nicht alleine mit diesem Schicksal, und doch hat jeder eben sein ganz eigenes. Früher habe ich gar nicht über das, was ich erlebt habe, gesprochen, weil ich meine Tochter damit nicht belasten wollte. Sie wurde 1958 geboren, was ein großes Glück für mich war: Es bedeutete, nicht mehr alleine zu sein und jemanden aus Fleisch und Blut zu haben.

Torarolle
Der Verlust meiner Eltern und Geschwister begleitet mich bis heute. 2011 habe ich der Gemeinde in Mönchengladbach eine Torarolle gespendet und im Dezember 2017 noch eine weitere. Ich habe kein Grab, an dem ich meine Familie betrauern könnte – diese Torarolle war für mich wie der Ersatz für ein Grab. In die Synagoge gehe ich nur an den Feiertagen. Religion bedeutet für mich in erster Linie Tradition. Über allem steht bei mir das Herz, Empathie für die Menschen.
Meine jetzige Ehefrau hat dieses Herz – ohne dass sie Jüdin ist.

Die Überlegung, nach dem Krieg auszuwandern – nach Palästina oder Amerika –, stand für mich stets auf der Tagesordnung. Aber direkt nach dem Krieg hatte ich keine Kontakte, keine Verwandten, und so blieb mir nichts anderes übrig, als vorläufig in Deutschland zu bleiben. Immer nur vorläufig. Und wenn ich meine zweite Frau nicht kennengelernt hätte, wäre es auch immer vorläufig geblieben. Erst jetzt wird es langsam endläufig.

Meine zweite Frau ist inzwischen auch allein, so wie ich. Ihre Eltern und die Schwester leben nicht mehr. Ich glaube, das Schicksal hat gewollt, dass wir uns finden. Und das Schicksal wird uns wieder trennen, denn wenn einer von uns stirbt, werden wir wieder allein sein. Ich denke viel darüber nach. Sie hält mich zwar fit, aber ich weiß: Mein Leben nähert sich dem Ende. Daran, mich zur Ruhe zu setzen, denke ich trotzdem nicht.

Dresden

Sachsen erhöht Zuschüsse für jüdische Gemeinden

Am Mittwoch wurde der neu angepasste Vertrag mit dem Landesverband unterschrieben und ratifiziert

 21.08.2019

Kompakt

Wahl, Neuauflage, Sommerfest

Meldungen aus den Gemeinden

 20.08.2019

Restitution

»Ethische Pflicht«

Bayern gibt NS‐Raubkunst an die Erben des Ehepaars Davidsohn zurück

von Helmut Reister  19.08.2019