Modenschau

Seide aus Buchara

Es gibt kaum eine Region, in der Juden nicht in der Diaspora leben. Dennoch staunt man immer wieder über jüdisches Leben, das sich an Orten entfaltet hat, an denen man es auf den ersten Blick nicht erwartet hätte. Das gilt ohne Zweifel auch für die bucharischen Juden, deren Heimat in der Provinz Buchara, die heute zu Usbekistan gehört, liegt. Was hat Juden in die endlosen Weiten der zentralasiatischen Steppe gezogen?

Seidenstraße Auf den zweiten Blick macht das schon mehr Sinn: Anders als heute war Zentral­asien in der Antike und im Mittelalter kein geopolitisches Randgebiet: Hier verlief die Seidenstraße, blühte der Handel. Das zog viele Migranten in die Städte entlang der Handelsroute, darunter auch Juden.

Die Veranstaltung, die Mitte Dezember im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Fasanenstraße stattfand, war auf den ersten Blick ebenfalls eher ungewöhnlich. Im größten Saal des Hauses lief im Rhythmus lauter Musik eine Reihe von Frauen von einer Seite des Raumes zur anderen, regelmäßig innehaltend, sich kurz nach links, kurz nach rechts drehend, flankiert von sitzenden Menschen, die applaudierten und Fotos schossen.

Die Models trugen die Kleidung der usbekischen Designerin Markhamat Umarova, die für die Umsetzung ihrer Entwürfe auf die traditionelle Seide ihrer Heimat setzt. Die Herstellung und die Muster dieses feinen Garns sind wiederum eng mit dem Einfluss der bucharischen Juden verbunden. Auf den zweiten Blick ergibt also auch die Modenschau im Gemeindehaus Sinn.

KARAWANEN Organisiert wurde das Event von Svetlana Agronik, die das Projekt »Impuls« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin leitet. »Impuls« wurde 1997 ins Leben gerufen und stellt seitdem jährlich um die 40 Veranstaltungen auf die Beine, die sich insbesondere an die russischsprachigen Mitglieder der Gemeinde richten und neben Ausflügen und Kursen zur Sprachförderung auch kulturelle Veranstaltungen und, wenn es thematisch passt, auch Modenschauen umfassen.

Um den Stoff, um den es an diesem Abend ging, ranken sich so viele Mythen wie um keinen anderen. Ursprünglich in China entwickelt und hergestellt, musste die begehrte Seide über Tausende Kilometer transportiert werden, bevor sie auch auf europäischen Märkten feilgeboten werden konnte. Auf dem Weg dorthin passierten die Handelskarawanen auch zentralasiatische Städte wie Taschkent oder Buchara, wo sich im Laufe der Zeit eine ganz eigene Seidentradition herausbildete.

Galina Beller Lissogor, die den Kontakt zwischen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Designerin Umarova hergestellt hat, ist selbst in Taschkent aufgewachsen. »Seide war in meiner Kindheit allgegenwärtig, selbst einfache Leute tragen hier wie selbstverständlich Kleidung aus diesem Stoff«, erzählt das Berliner Gemeindemitglied.

Viele Familien führen ihr Handwerk auf den Einfluss eines jüdischen Meisters zurück.

Der Bezug der usbekischen Seidenherstellung zum Judentum war ihr dabei lange nicht bewusst. Erst als sie anfing, sich mit der Geschichte des glänzenden Textils auseinanderzusetzen, erschlossen sich ihr einige seiner Geheimnisse.

KRÄUTER »Die Anfänge der Seidenherstellung in Zentralasien liegen zwar zu großen Teilen im Dunkeln. In der Forschung wird aber vermutet, dass es jüdische Händler und Handwerker waren, die das Material sowie eine bestimmte Webtechnik zu seiner Verarbeitung entlang der Seidenstraße etablierten«, erzählt Galina Beller Lissogor.

Die traditionelle Herstellung zentralasiatischer Seide verlangt, dass die extrem dünnen Fäden schon vor dem Weben gefärbt werden. Das geschieht mit Naturstoffen wie Zwiebelschalen, getrockneten Kräutern oder zerkleinerten Mineralien. Erst im Anschluss wird das nun bunte Garn zu komplexen Mustern verwoben. Die fertigen Stoffe werden Ikat genannt.

Markhamat Umarova bezieht den Ikat für ihre Kleidung aus der Stadt Margilan, das usbekische Zentrum der Seidenindustrie im Osten des Landes. Mit ihrer Marke »MarU« tourt die Designerin durch Asien, Nordamerika und Europa. Ihr Anspruch: »jahrhundertealte Traditionen mit moderner Zweckmäßigkeit und Exklusivität« zu verbinden.

MUSTER Dass ihr das tatsächlich gelungen ist, davon konnte sich das Publikum im Gemeindehaus überzeugen. Gut zwei Dutzend Outfits wurden zur Schau gestellt, die eine große Bandbreite an Farben, Mustern und Stilen abdeckten: von eher dezenten Erdtönen bis zu knalligem Türkis, von abstrakt-geometrischen Formen bis zu figuralen Darstellungen von Blumen und Früchten.

Während manche Kleider Reminiszenzen an fernöstliche Trachten erweckten, erinnerten andere mit ihrer wenig zurückhaltenden Farbgebung an modische Experimente der 80er-Jahre oder entzogen sich einer stilistischen Einordnung gleich gänzlich. In ihrer Gesamtheit wurde durch die Show deutlich, wie reich die Seidentradition Zentralasiens ist, aus der Umarova für ihre Designs schöpft.

In der Forschung wird vermutet, dass es jüdische Händler und Handwerker waren, die das Material sowie eine bestimmte Webtechnik zu seiner Verarbeitung entlang der Seidenstraße etablierten.

Dabei sah es lange danach aus, dass die jahrhundertealten Techniken der Ikat-Hersteller Usbekistans ihre Bedeutung verloren hatten. In der Zeit der Sowjetunion wurde den Familien, die seit Generationen die begehrten Stoffe zu Hause webten, die Seidenherstellung entzogen und für die Massenproduktion an große Fabriken übergeben.

Darunter litt die Qualität erheblich. Erst mit der Unabhängigkeit Usbekis­tans in den 90er-Jahren besann man sich auf die althergebrachte Weise, Seide zu färben und zu weben, und mittlerweile ist das uralte Handwerk wieder zu großen Teilen in Familienbetrieben angesiedelt.

RECHERCHE Juden leben dagegen heute nur noch sehr wenige in dem zentralasiatischen Staat. Die meisten von ihnen sind nach dem Zerfall der Sowjetunion in die USA oder nach Israel ausgewandert. Im deutschsprachigen Raum ist Wien das wichtigste Zentrum der Buchara-Juden geworden.

Galina Beller Lissogor hat bei ihrer Recherche zu den Ursprüngen usbekischer Seidenkunst aber viele Geschichten über die Bedeutung der bucharischen Juden für die Herstellung von Ikat gehört. So können in Usbekistan »viele Familien im Seidengeschäft die Kunst ihres Handwerks auf den Einfluss eines jüdischen Meisters zurückführen«.

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