Porträt der Woche

Sehnsucht nach Deutschland

Yan Wissmann wuchs als Enkel von Emigranten in Brasilien auf und studiert in Berlin

von Jérôme Lombard  14.02.2017 10:21 Uhr

»Mein Opa fühlt sich bis heute deutsch – ich habe das wohl von ihm geerbt«: Yan Wissmann (24) studiert in Berlin Politik. Foto: Uwe Steinert

Yan Wissmann wuchs als Enkel von Emigranten in Brasilien auf und studiert in Berlin

von Jérôme Lombard  14.02.2017 10:21 Uhr

Wie ich nach Berlin gekommen bin, ist schon eine lustige Geschichte. Ein Teil meiner Familie stammt aus Deutschland. Mein Uropa, Julius Wissmann, und meine Uroma, Klärle Wissmann, geborene Kulb, sind Überlebende der Schoa. Ich gehöre der ersten Generation meiner Familie an, die wieder in Deutschland lebt und Deutsch spricht. Ich bin Jahrgang 1992 und wurde in Belo Horizonte in Brasilien geboren. In meiner Heimatstadt habe ich zunächst einen Bachelor in Staatswissenschaften gemacht.

Während meines Studiums wollte ich unbedingt ein Austauschsemester im Ausland verbringen. Es standen damals eine ganze Reihe von Partneruniversitäten in Amerika und Europa zur Auswahl. Ich habe mich dann für die Universität Potsdam entschieden. Eigentlich wollte ich nach Köln, habe aber dann kurzfristig mit einer Kommilitonin die Plätze getauscht. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Oder Schicksal. Man kann es nennen, wie man will. 2013 bin ich dann ganz unvoreingenommen für ein Jahr nach Potsdam gegangen.

stipendium Als ich in der wunderschönen, alten preußischen Garnisonsstadt ankam, hatte ich sofort das Gefühl, angekommen zu sein: Die Architektur, das Wetter, die Menschen, alles schien mir sehr vertraut. Als ich in Brasilien das Flugzeug bestieg, war das noch ein ganz anderes Gefühl. Ich wusste ja auch überhaupt nicht, was mich in Deutschland erwarten würde.

Nach einem fantastischen Austauschjahr in Potsdam, in dem ich viele gute Freunde gewonnen und Erfahrungen gemacht hatte, wurde mir klar: Ich muss und werde wieder nach Deutschland kommen. Ich habe dann meinen Bachelor an der Universität in Belo Horizonte gemacht und mich danach für ein Stipendium beworben. 2015 bin ich dann als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes nach Leipzig gekommen.

Es war eine schöne Erfahrung, in der Stadt zu wohnen, in der mein Lieblingskomponist Johann Sebastian Bach sein Leben verbracht hat. Ich bin ein großer Fan klassischer Musik. Nach zwei Monaten in Sachsen bin ich nach Potsdam zurückgekehrt. Ich habe mich in diesem Jahr für einen Masterplatz an der Freien Universität in Berlin beworben, den ich nach einiger Zeit auch bekommen habe. Und hier bin ich also. Ich studiere jetzt Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ökonomie am Otto‐Suhr‐Institut, und ich bin damit sehr zufrieden.

Momentan arbeite ich zudem als studentische Hilfskraft am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch‐jüdische Studien (MMZ) am Alten Markt in Potsdam. Es ist eine tolle Arbeitsstätte mit überaus netten Kollegen. Umso bedauerlicher ist es, dass ich mir bald eine Praktikumsstelle suchen und am MMZ aufhören muss.

sprache Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum ist eine sehr spannende Erfahrung für mich gewesen, die mich intellektuell bereichert hat. In meiner Familie war es lange Zeit nicht einfach, über die eigene Geschichte zu sprechen. Weder meine Urgroßeltern noch meine Großeltern haben viel über Deutschland erzählt. Meine Oma hatte es sogar verboten, zu Hause Deutsch zu sprechen. Meine Schwester und ich konnten sowieso nicht viel mit der Sprache verbinden. Erst an der Universität habe ich einen Deutschkurs belegt.

Deutsch ist inzwischen meine Hauptsprache geworden, und damit fühle ich mich wohl. Die deutsche Sprache ist eine schöne, logische Sprache. Viele sagen, ich könne sehr gut Deutsch sprechen, und meinen brasilianischen Akzent würde man gar nicht heraushören. Das freut mich natürlich sehr.

Als Jugendlicher wusste ich bereits, dass meine Urgroßeltern in den 30er‐Jahren vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Brasilien geflüchtet waren und dass auch meine Großeltern, obwohl sie sich in der jüdischen Gemeinde in São Paulo kennengelernt haben, beide in Deutschland geboren wurden. Mein Opa Kurt hat bis heute gute Erinnerungen an seine Kindheit in Stuttgart. Er war acht Jahre alt, als er mit seinen Eltern das Land verlassen musste. Heute ist er bereit, über das Vergangene zu sprechen.

Wenn wir telefonieren, und das tun wir regelmäßig, unterhalten wir uns nicht auf Portugiesisch, sondern auf Deutsch. Er wird nicht selten emotional. Ich glaube, mein Opa Kurt hat inzwischen so eine Art Sehnsucht nach Deutschland entwickelt. Wenn er mich bald einmal besuchen kommt, fahren wir zusammen in seine alte Heimat nach Baden‐Württemberg.

exil Aus einem Buch über die Geschichte der Juden in Baden‐Württemberg habe ich erfahren, dass mein Uropa Julius sich seinerzeit in Deutschland sehr für andere jüdische Auswanderer engagierte und dabei mithalf, für sie die Ausreise in die Vereinigten Staaten oder in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina zu organisieren. Das hat mich wirklich sehr beeindruckt. Er hatte sich vor der Flucht nach Brasilien als stolzer Deutscher gefühlt. Ich glaube, dass er im Exil in Brasilien Zeit seines Lebens nicht richtig heimisch werden konnte.

Mein Opa fühlt sich innerlich bis heute deutsch, und irgendwie habe ich das geerbt. Persönlich sehe ich mich als sehr deutsch, als Brasilianer fühle ich mich nur zu einem gewissen Teil. Das ist komisch, da ich ja nun einmal in Brasilien geboren wurde und aufgewachsen bin. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich nichts mit Deutschen oder deutscher Kultur zu tun.

Meine deutsche Identität habe ich während meines Austauschjahrs in Potsdam entdeckt. Seit 2015 bin ich nun schon nicht mehr in Brasilien gewesen. Dieses Jahr finde ich hoffentlich mal wieder Zeit für einen Besuch. Natürlich vermisse ich Belo Horizonte auch. Weniger die Stadt, die nicht sonderlich schön ist, aber meine Familie und Freunde sowie die Berge, die die Großstadt an allen Enden umschließen.

religion In der Schule in Belo Horizonte war ich immer der einzige Jude. Die Gemeinde der Stadt ist sehr klein. Es gibt nur zwei Synagogen. Das Zentrum der brasilianischen Juden ist São Paulo. Dort war ich als Jugendlicher häufig, wenn wir meinen Opa besucht haben. In Brasilien geht vieles ziemlich chaotisch zu. In der Politik, die von Korruption zerfressen und überaus polarisiert ist, läuft einiges schief.

Ich glaube, es ist diese Erfahrung, die mich zu einem sehr politischen Menschen gemacht hat. Als Schüler war ich Schülersprecher an meiner Schule und an der Universität im Fachschaftsrat aktiv. Insbesondere für den wirtschaftlichen Liberalismus habe ich mich als überzeugter Liberaler immer sehr interessiert. Ich diskutiere gerne und bin hin‐ und hergerissen, ob ich in Deutschland in eine Partei eintreten sollte.

Das Judentum ist in meinem Leben stets präsent gewesen. Ich glaube an Gott, finde aber, dass Religion an sich schwer zu definieren ist. Wie die Liebe ist sie ein Gefühl. Ich lese gerne in der Tora und im Talmud, in denen so viel Weisheit und Philosophie steckt. Die Werte des Judentums betrachte ich als konkrete Handlungsmaxime für mein eigenes Leben. Ich versuche, so oft es geht, in Berlin in die Synagoge zu gehen.

rykestrasse Mein Umzug von Potsdam nach Berlin steht vor der Tür. Ich ziehe mit einem Freund nach Friedrichshain. Von dort ist es zum Glück nicht mehr so ein weiter Weg bis zur Synagoge in der Rykestraße, die ich für eine der schönsten Synagogen in ganz Deutschland halte. In der dortigen Gemeinde fühle ich mich sehr wohl. Die Menschen sind offen und international.

Ich bin von Brasilien nach Deutschland ausgewandert. Meine Freunde nennen mich mit einem Lächeln nur »den Rückkehrer«. Ich möchte in Deutschland leben, in Zukunft vielleicht in Stuttgart. Hier fühle ich mich zu Hause.

Meine Schwester ist inzwischen auch nach Berlin gezogen und lebt hier mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Manchmal gehe ich mit meinem Neffen zusammen in die Synagoge. Es ist mir als stolzem Onkel wichtig, dass er seine jüdische Herkunft kennenlernt und pflegt. Ich möchte meinen Master zu Ende studieren und danach gerne im Bereich der Wirtschaftspolitik tätig sein.

Perspektivisch möchte ich deutscher Staatsbürger werden. Ich will viel reisen und die Welt sehen und viele klassische Konzerte besuchen. Nach einer blöden Knieverletzung möchte ich außerdem endlich wieder Fußball spielen. Ich bin jetzt 24 Jahre alt – ich habe noch viel vor in meinem Leben.

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