Berlin-Kaulsdorf

Schöner wohnen in 92B

Zwei Familien haben sich eine frühere Baracke von Architekten umgestalten lassen. Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Innen stehen edle Holzmöbel auf geschliffenen Dielen. Die lichtdurchfluteten Räume bieten luxuriösen Wohnkomfort. Gebrochen wird das Ambiente lediglich durch eine unverputzte Steinwand. Sie erinnert ebenso wie die Außenansicht des einstöckigen, lang gezogenen Gebäudes an seine frühere Nutzung als Baracke.

Diese Verbindung von edlem Wohnen und den NS‐belasteten Räumlichkeiten hat im April in Berlin für Aufsehen gesorgt. Verstärkt wurde das ungute Gefühl, dass hier etwas nicht zusammenpasst, durch einen Satz auf der Website des Architekturbüros Seemann‐Torras, das die ehemalige Baracke in den vergangenen zwei Jahren umgebaut hat. Neben den Bildern des 1944 errichteten Gebäudes stand dort geschrieben: »Das Konzept erhält den Charakter einer Baracke, ohne auf Komfort und Ästhetik für eine Familie zu verzichten.«

Mehrere Stelen erinnern seit 2013 an die inhaftierten Zwangsarbeiter.Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Der Satz wurde, nachdem ihn Kritiker öffentlich gemacht hatten, bald gelöscht und durch eine ausführlichere Schilderung der Historie des Ortes ersetzt. Im Kern jedoch beschreibt er, was ist: Die denkmalgerechte Sanierung der Baracke mit der Kennzeichnung 92B wurde von zwei Familien in Auftrag gegeben. Sie hatten sich die Wohnungen mit einer Gesamtfläche von 380 Quadratmetern vor einigen Jahren gekauft und bewohnen diese inzwischen auch. Die Baracke ist neben einem Brunnen das letzte verbliebene Zeugnis des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Berlin‐Kaulsdorf, in dem bis zum Kriegsende 1945 Tausende Menschen unter unwürdigen Bedingungen untergebracht waren.

KRITIK Die Kritik an der heutigen Nutzung wurde zuerst vom Dokumentationszentrum NS‐Zwangsarbeit erhoben, einem Museum in einem ganz ähnlichen früheren Zwangsarbeiterlager in Berlin‐Schöneweide. Auf deren Twitter‐Account hieß es: »Schöner wohnen, wo einst Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter interniert waren. (…) Man nennt es denkmalgerecht.« Die Recherche‐ und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) meldete sich ebenfalls zu Wort und nannte das Konzept des Wohnens in der Baracke »irritierend«.

»Was sich Menschen denken, die in ehemalige Orte von NS‐Unrecht, Ausbeutung und Massenmord einziehen um dort dann zu wohnen und dann vermutlich auch ruhig schlafen, bleibt uns ein Rätsel«, sagte Markus Tervooren, Geschäftsführer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN‐BdA), dieser Zeitung. Die Baracken seien schließlich kein Einzelfall. Luxuswohnungen gebe es etwa auch im ehemaligen Reichskriegsgerichtgebäude am Lietzensee und an zahlreichen anderen Orten in Berlin. »Aber gerade die Nutzung als Luxuswohnobjekte entbehrt nicht einer gewissen Obzönität«, so Tervooren. Schade sei es auch, dass der Bezirk sich nicht zur Übernahme und Nutzung als Gedenkort entschließen konnte.

Die Baracke ist neben einem Brunnen das letzte verbliebene Zeugnis des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Berlin‐Kaulsdorf

Anders sehen das die Architektin Annelie Seemann und der Bezirk Marzahn‐Hellersdorf. Demnach habe erst die Sanierung ermöglicht, dass die ursprüngliche Baracke überhaupt wieder erkennbar sei. Vorher war das Gebäude zugewuchert und in einem miserablen Zustand. Ziel sei es gewesen, »die Geschichte zu bewahren, aber gleichzeitig auch etwas Neues, Positives entstehen zu lassen«, so Seemann im Gespräch. Alle vorhandenen Außenwände sowie die mittlere Wand, die Fenster‐ und Türenpaare und Schornsteine wurden erhalten.

Der Bezirk teilte auf Anfrage mit: »Das Landesdenkmalamt und die Untere Denkmalschutzbehörde hat bereits in der Planungsphase die gelungene Symbiose zwischen Geschichtszeugnis und moderner Wohnnutzung sehr beeindruckt. Die Ausführung entspricht den Erwartungen voll und ganz.« Die Eigentümer seien sich »des schwierigen Erbes sehr bewusst« gewesen und hätten »dem Gebäude wieder ein Stück seiner Geschichte zurückgegeben«.

ENTEIGNUNG Das Anfang der 30er‐Jahre noch unbebaute Gelände gehörte damals Felix Walter, einem Juden aus Erkner. Ab 1938 fiel es unter die Arisierungsstrategie der Nationalsozialisten – Walter konnte von da an nur noch mit behördlicher Genehmigung über sein Eigentum verfügen, wogegen er protestierte. Überliefert ist seine Aussage aus dem August 1939: »Ich bin stolz, ein Jude zu sein.«

Am 23. Februar 1942 wurde Walter enteignet. Schon zuvor hatte die Deutsche Reichsbahn auf dem Gelände elf hölzerne Unterkunftsbaracken, zwei Funktionsbaracken und ein Wirtschaftsgebäude für die Unterbringung deutscher Arbeiter gebaut. Noch vor Inbetriebnahme übergab die Reichsbahn das Gelände an das SS‐Amt Volksdeutsche Mittelstelle, das dort Wolhyniendeutsche aus dem Gebiet der heutigen Ukraine unterbrachte. 1800 Menschen lebten hier bis Mitte 1940, dann wurde das Gelände unter Leitung von Albert Speer zu einem umzäunten Lager umgebaut.

Bis 1938 gehörte das damals noch unbebaute Gelände Felix Walter, einem Juden aus Erkner.

Zunächst kamen hier französische Zwangsarbeiter unter, später übernahm die Reichsbahndirektion Berlin das Lager. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee waren hier vor allem ukrainische und russische Gefangene untergebracht. Sie wurden zur Arbeit im Reichsbahnausbesserungswerk gezwungen; viele starben an Unterernährung. Durch alliierte Luftangriffe zerstörte Holzbaracken wurden noch 1944 durch Backsteingebäude ersetzt, darunter auch die Baracke 92B.

Nach Kriegsende dienten die Baracken als Wohn‐ und Gewerberäume. Die Dokumentation der Lagerüberreste begann 2010. Damals standen noch vier weitere Baracken, die bis zur Eintragung in die Denkmalliste 2012 jedoch von den neuen Grundstückseigentümern für die Errichtung eines Wohngebiets mit Einfamilienhäusern abgerissen wurden. Zuvor hatte sich der Bezirk nicht dazu durchringen können, das Gelände selbst zu erwerben. Seit 2013 erinnert eine Freilichtausstellung auf mehreren Stelen an die einstige Nutzung. Eine weitere Stele soll noch in diesem Jahr direkt an der Baracke 92B aufgestellt werden – mit Unterstützung der Bewohner, wie es heißt.

SPUREN Die späte Wiederentdeckung von NS‐Anlagen in Berlin ist kein Einzelfall: Erst im vergangenen Jahr fanden sich im Zuge einer geplanten Wohnbebauung in Lichterfelde‐Süd Spuren eines Kriegsgefangenenlagers. Etwa 3000 Unterkünfte für Zwangsarbeiter soll es in ganz Berlin gegeben haben. Fundamente eines Wachturms, Reste von mindestens drei Baracken und französische Inschriften verrieten, dass an dieser Stelle einst französische Zwangsarbeiter des Telefunkenwerks in der Goerzallee untergebracht waren. Auch da stellte sich die Frage: Was kann und muss erhalten werden, und wie lassen sich die Baracken in die Baupläne integrieren?

Die Eigentümer haben angekündigt, das Haus zum Tag des Offenen Denkmals im September für die Öffentlichkeit zu öffnen.

Für ihren Erhalt als Geschichtsort setzten sich ein lokales Aktionsbündnis gemeinsam mit der Initiative KZ‐Außenlager Lichterfelde (IKZ) und der VVN‐BdA ein. Sie sammelten mehr als 1200 Unterschriften und erzwangen einen Einwohnerantrag. Im März dieses Jahres folgte die Bezirksverordnetenversammlung einstimmig dem Antrag, die authentischen Gebäude des ehemaligen Lagers Stalag III D als Ort der Erinnerung zu erhalten. Mindestens eine Baracke soll demnach als Lern‐ und Gedenkort fungieren.

In Kaulsdorf darf man dagegen wenigstens darauf hoffen, dass die Eigentümer ihre Ankündigung gegenüber dem Bezirk einhalten: das Haus zum Tag des Offenen Denkmals im September für die Öffentlichkeit zu öffnen.

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