Ausstellung

Schöneberger Geschichte

Blättern im Familienalbum Foto: Mike Minehan

Der Berliner Kaufmann Michael Mamlock widmet sich seit vielen Jahren der Geschichte seiner Familie. Der Sohn eines Holocaust-Überlebenden hat dabei umfangreiches Material seiner in aller Welt – Israel, USA, Australien – verstreuten Verwandtschaft zusammengetragen. »Ich bin der Einzige, der noch in Deutschland geblieben ist.« In Berlin, genauer im Bayerischen Viertel, hat er besonders viele Spuren seiner Familie entdeckt. »Bis jetzt habe ich Nachweise von 24 Familienmitgliedern, die in Schöneberg in der Zeit zwischen 1909 und 1942 gelebt haben.«

Einige der Zeugnisse und Dokumente hat Mamlock für die Ausstellung »Wir waren Nachbarn – Biografien jüdischer Zeitzeugen« zur Verfügung gestellt. Diese vom Schöneberger Kunstamt entwickelte Schau war 2005 erstmals zu sehen. Sie zeigt biografische Alben mit Aussagen, Briefen und Fotos von Juden, die in dem Viertel lebten. Es sind bekannte Namen neben unbekannten: So ist das Album von Hollywood-Legende Billy Wilder, der kurze Zeit vor seiner Emigration am Viktoria-Luise-Platz gelebt hatte, ebenso zu sehen wie das der Familie Mamlock: »Man gibt den Menschen damit ein Stück ihrer Würde zurück, indem man ihre Bilder und Geschichten öffentlich macht«, sagt Michael Mamlock.

Mehr als 25.000 Besucher haben die Ausstellung bislang gesehen, darunter Zeitzeugen, heute in Schöneberg lebende Interessierte und Gäste aus aller Welt. Das Echo ist positiv, so auch bei der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind: »Aufgrund des beeindruckenden Konzepts empfehlen wir den Besuch der Ausstellung ›Nachbarn‹ gern.«

Die Ausstellung ist in der Berliner Erinnerungslandschaft einzigartig, meint Ilona Zeuch-Wiese, deren Familie ebenfalls ein Album gewidmet ist: »Denn sie zeigt die Juden nicht als Opfer, sondern als Menschen, die hier lebten, als Bewohner dieses Bezirks.«

Zeuch-Wiese gehört zu den Gründungsmitgliedern von »frag doch!«, dem Förderverein »für Begegnung und Erinnerung«, der sich für eine dauerhafte Präsentation der Schau einsetzt. Bislang war die Intervallausstellung immer für drei Monate jährlich, stets anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages, im Rathaus Schöneberg zu sehen. Nun hat die Senatskulturverwaltung auf Antrag des Bezirks eine Förderung in Höhe von 100.000 Euro zugesagt, mit der das Projekt für zwei Jahre gesichert ist und zudem ganzjährig gezeigt werden kann. Ilona Zeuch-Wiese glaubt, »dass der Senat gemerkt hat, dass diese Ausstellung der Berliner Juden in einer besonderen Weise gedenkt.«

Ab 2012 will der Verein »frag doch!«, der plant, sich in eine Stiftung umzuwandeln, für die Finanzierung aufkommen. »Ich bin zuversichtlich, dass wir das mithilfe zahlreicher Unterstützer schaffen können«, gibt sich Michael Mamlock optimistisch. »Ich denke, Berlin braucht diese in Inhalt und Darstellung einzigartige Ausstellung.«

Berlin

Interreligiöses Gespräch

Douglas Emhoff und Deborah Lipstadt haben sich im Leo-Baeck-Haus mit Vertretern von Judentum, Christentum und Islam getroffen

 31.01.2023 Aktualisiert

Porträt der Woche

»Ich bin für andere da«

Shterna Wolff leitet das Jugendzentrum in Hannover und arbeitet rund um die Uhr

von Christine Schmitt  28.01.2023

27. Januar

»Verantwortung annehmen«

Charlotte Knobloch über ihre Gedenkrede im Bundestag 2021, Erinnerungsarbeit an Schulen und Vertrauen in die junge Generation

von Stefanie Witterauf  26.01.2023

Gedenken

Von Routine keine Spur

Insgesamt 100.000 Stolpersteine wird Gunter Demnig in diesem Frühjahr verlegt haben

von Carina Dobra  26.01.2023

Berlin

Ein kurzes Leben

Marianne Cohn rettete 200 jüdische Kinder

von Christine Schmitt  26.01.2023

Margot Friedländer

»Hier bin ich geboren, hier werde ich sterben«

Die Holocaust-Überlebende und Ehrenbürgerin Berlins wurde am Montag ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  26.01.2023

Jubiläum

Mehr als Einwanderung

Auch nach 90 Jahren ist die Jugend-Aliyah noch aktiv. Ein deutscher Verein unterstützt das Hilfswerk

von Joshua Schultheis  26.01.2023

Soziale Medien

Sprache der Jugendlichen

Wie TikTok an die Schoa erinnern möchte

von Ralf Balke  26.01.2023

»We Remember«

Zuhören und fragen

Berliner Schülerinnen und Schüler im Gespräch mit Zeitzeugen

von Katrin Richter  26.01.2023