Freiburg

Schlammschlacht im Breisgau

Gefechtslärm: Noch gibt es im Kampf um Macht und Recht in der Freiburger Gemeinde keinen Sieger. Foto: Fotolia

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden (IRG Baden) kommt nicht zur Ruhe. Während in Konstanz sich die Wogen zwischen den beiden streitenden jüdischen Gemeinden langsam zu glätten scheinen und in der Lörracher Gemeinde mit Mosche Flomenmann gerade ein neuer Rabbiner in sein Amt eingeführt wurde, gibt es in Freiburg massiven Knatsch: Dem langjährigen Gemeinderabbiner, gleichzeitig Landesrabbiner der IRG Baden, Benjamin Soussan, wurde zum Ende 2010 gekündigt.

Allerdings bestehen zurzeit große Zweifel, ob diese Kündigung überhaupt rechtens ist – denn die Gemeinde hat seit dem vergangenen Sommer keinen Vorsitzenden mehr. Mikhail Kats war zurückgetreten, Grund: Er hatte sich mit Rabbiner Soussan überworfen. Die Kündigung Soussans erfolgte nun vom Restvorstand, nämlich Irina Katz und Mikhail Kimerling.

Prozess Vermutlich Mitte des Monats kommt es deshalb vor dem Arbeitsgericht Freiburg zu einer Verhandlung – geklagt hatte auch die langjährige Gemeindesekretärin, die zusammen mit Rabbiner Soussan die Kündigung erhalten hatte.

Bis zu dem Gerichtstermin muss über die Gründe der Trennung – Soussan amtierte rund 20 Jahre lang als Gemeinderabbiner in Freiburg – spekuliert werden. Die Vorwürfe des Freiburger Vorstandes an die Adresse des im Maghreb geborenen Soussan, der Ende der 80er‐Jahre via Paris in die Schwarzwald‐Metropole gekommen war, sind massiv: er habe in den vergangenen Jahren immer wieder Bargeld an einen Mann in Algerien transferiert – die beiden aus der Ukraine stammenden Vorstandsmitglieder Katz und Kimerling seien darüber nicht informiert gewesen, heißt es.

Außerdem – und das wiegt wohl noch schwerer – verfüge Soussan nicht über die nötige Smicha, um als Rabbiner zu amtieren – ein Zürcher Rabbinatsgericht habe das schon Mitte der 90er‐Jahre festgestellt. Vorwürfe, die inzwischen zwar nicht den Beschuldigten selbst, immerhin aber den Oberrat der IRG Baden und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD), deren Gründungsmitglied Soussan war, auf den Plan gerufen haben. Die ORD zeigt sich in einer Stellungnahme »entsetzt« über die Vorwürfe an Rabbiner Soussan und spricht von einer »einseitigen Rufmordkampagne«: Landesrabbiner Soussan sei ein ordentliches Mitglied der ORD und als Rabbiner anerkannt – als Landesrabbiner bleibe er auch weiterhin im Amt.

Kampagne Noch schärfer reagiert in einer Pressemitteilung der Oberrat – sämtliche Vorwürfe seien »frei erfunden und entbehren jeglicher Grundlage«. Die scharfe Reaktion von ORD und Oberrat erfolgte wohl auch darum, weil der Freiburger Streit via »Badische Zeitung« auch an die nichtjüdische Öffentlichkeit gelangte. »Offensichtlich schlecht informierte Redakteurinnen haben sich hier zum Werkzeug für eine üble Kampagne machen lassen«, sagt Wolfgang Fuhl, der in dieser Sache auch schon ein Gespräch mit der Redaktionsleitung der Zeitung hatte. »Bei dem es ziemlich zur Sache ging«, wie er sagt.

Eine Überschrift wie »Der Rabbiner und die schwarzen Kassen«, so Fuhl, streife für ihn die Grenze zum Antisemitismus. »Und ich bin jemand, der mit diesem Vorwurf sonst sehr zurückhaltend umgeht.« Eine Beschwerde beim Presserat werde deshalb eingeleitet, sagte Fuhl der Jüdischen Allgemeinen.

Die Auseinandersetzungen um Landesrabbiner Soussan, der weiterhin in Freiburg wohnen bleibt, haben aber auch praktische Auswirkungen, und die gehen wohl zulasten der Gemeinde. Geplant war nämlich schon für den vergangenen Herbst, dass die Synagoge und das Gemeindezentrum an der Nussmannstraße im Zentrum der Stadt, seit 1970 und bis heute im Besitz der IRG Baden, an die Gemeinde übergeben werden sollte. Der Vertrag war unterschriftsreif, aber dann fehlten nach dem Rücktritt des Vorsitzenden Kats die legitimierten Vertragspartner aus der Gemeinde zur Unterschrift.

Die hat nämlich auch keinen Verwalter mehr, der von Wolfgang Fuhl kommissarisch eingesetzte Eli Kligler musste nach einem Urteilsspruch des Schiedsgerichts des Zentralrats der Juden in Deutschland seine Position wieder räumen.

Engpass Ärgerlich vor allem auch, dass der Gemeinde wegen der Querelen jetzt Gelder der Stadt entgehen, die sie eigentlich dringend für die Sanierung des Gotteshauses bräuchte: die Synagoge ist zurzeit mit etwa 600.000 Euro belastet, dazu kommen die Sanierungskosten von etwa einer halben Million Euro, zusammen ergibt dies ziemlich genau die Summe, welche die Stadt beisteuern wollte.

Oberratsvorsitzender Wolfgang Fuhl hofft deshalb, dass es möglichst schnell zu den vorgeschriebenen Neuwahlen kommt und so wieder ein handlungsfähiger Vorstand legitimiert ist, der auch für Verhandlungen mit der Stadt auftreten kann. Und dort zieht man am gleichen Strang: »Wir haben ein Interesse daran, dass die jüdische Gemeinde funktioniert«, lässt sich der Sprecher des Freiburger Oberbürgermeisters zitieren.

Keine Stellungnahme war bis zum Redaktionsschluss allerdings von den Vorstandsmitgliedern Katz und Kimerling zu bekommen – auch im Sekretariat der Gemeinde läuft zurzeit nur ein Tonband.

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