Porträt der Woche

»Schabbat ist ganz zentral«

Nicole Trost ist Marketingexpertin und hat den Poké-Bowl-Trend nach Frankfurt gebracht

von Annette Kanis  20.12.2021 11:31 Uhr

»Ich merke die Arbeitszeiten nicht, weil ich wirklich liebe, was ich mache«: Nicole Trost aus Frankfurt Foto: Charlotte Bruls

Nicole Trost ist Marketingexpertin und hat den Poké-Bowl-Trend nach Frankfurt gebracht

von Annette Kanis  20.12.2021 11:31 Uhr

Meine positive Verbindung zum Kochen und zum Essen habe ich durch meine Eltern bekommen. Sie sind immer schon sehr gerne Essen gegangen, und sie sind immer gerne gereist. Dadurch habe ich bereits relativ früh die Liebe zu verschiedenen kulinarischen Gerichten entdeckt. Natürlich hat auch meine Mama eine große Vorbildfunktion, weil sie mich immer wieder mit ihren Kochkünsten begeistert und mich schon früh in die Food-Welt eingeführt hat.

Essen verbindet. Gerade freitags, am Schabbat. Das ist ganz zentral. Schon als Kind habe ich da bei den Vorbereitungen geholfen. Und auch als Jugendliche war klar: Freitagabend gibt es einen festen Plan, um sich auszutauschen und zu treffen. Auch wenn die Woche etwas stressig ist oder hektisch sein kann, bis heute weiß ich: Freitagabend ist Zeit für uns und miteinander. Das ist immer noch so.

Und auch als Jugendliche war klar: Freitagabend gibt es einen festen Plan, um sich auszutauschen und zu treffen.

Meine Mutter hat privat eingeladen, aber sie ist ein professioneller Host, eine tolle Gastgeberin. Meine Eltern haben immer schon sehr gerne Menschen zu uns eingeladen. Familie, Freunde, Leute, die gerade aus dem Ausland da sind und Anschluss suchen. Das ist mir sozusagen in die Wiege gelegt worden, dass ich das auch liebe.

FEELING Und zum Hosten, zu den Einladungen, gehört natürlich das Essen und dass die Leute sich wohlfühlen. Das habe ich auf jeden Fall von zu Hause mitgenommen und setze es jetzt in meinem Beruf um. Die jüdische Speise- und Kochtradition spielte dabei jetzt nicht direkt mit hinein, es ist eher dieses Feeling: dass man zusammen ist, alle zusammen genießen, einfach dieses Miteinander.

Ich wusste schon immer, dass ich gerne in die Selbstständigkeit möchte. An Gastronomie hätte ich jetzt nicht unbedingt gedacht. Dass sich das zu einer professionellen Leidenschaft entwickelte, ergab sich so: Ich habe Kommunikation und Marketing studiert.

2016 machte ich mit meiner besten Freundin ein Auslandssemester in London. Damals kam zum ersten Mal das Thema Poké Bowls auf. Im Anschluss sind wir dann für ein Auslandspraktikum nach New York gegangen, und auch hier waren Poké Bowls ein großer Hype. Wirklich an jeder Ecke konnte man diese damals in Deutschland noch nicht so bekannten Gerichte kaufen.

ERFAHRUNGEN Das Praktikum war bei einer Marketing-Agentur, super interessant, Influencer-Marketing. Eigentlich wollten wir in diese Richtung gehen und das in Frankfurt weitermachen. Zurück in Frankfurt, ergab sich aber die Möglichkeit mit einer kleinen Mietfläche im Bahnhofsviertel. Und dann haben meine beste Freundin und ich uns angeguckt, und wir wussten, wir wollen den Poké-Bowl-Trend nach Frankfurt bringen. Wir waren sehr überzeugt davon, und uns selbst hat es eben auch sehr gut geschmeckt.

Wir hatten keine großartigen Erfahrungen in der Gastronomie, außer, dass wir gerne guter Gast waren, gerne gegessen haben. Meine Eltern kommen aus der Gastronomie und aus dem Hotelbereich, das heißt, wir hatten da auch mentalen Support. Ein befreundeter Koch hat uns mit dem Menü unterstützt. Wir haben das Konzept vorbereitet, die Idee entwickelt und viel Liebe ins Innendesign gesteckt. Dann kam mein Bruder als Dritter dazu, und wir haben gemeinsam einen zweiten Laden aufgemacht. Dann haben wir gemerkt, unsere Idee mit Poké Bowls wird gut angenommen.

Sie sind ähnlich wie Sushi mit den Hauptkomponenten Reis und Fisch, man kann sie individuell gestalten. Eigentlich kommen Poké Bowls aus Hawaii oder aus dem asiatischen Raum. Dort gibt es sie wirklich schon sehr lange. Typisch ist der gewürfelte Lachs oder der gewürfelte Thunfisch, häufig mariniert oder mit einer Sauce und mit gekochtem Reis. Das ist die klassische Zusammenstellung, aber es gibt unzählige Variationsmöglichkeiten.

CORONA Wir hatten relativ kurz vor der Coronazeit unseren zweiten Laden geöffnet, eine Woche vor dem ersten Lockdown. Wir wussten natürlich nicht, was auf uns zukommt. Aber wir hatten Glück mit der Location, wir sind relativ zentral, das heißt, manche Leute sind ja immer noch aus dem Haus gegangen, konnten sich dann Kaffee abholen oder schnell etwas zum Essen mitnehmen.

Ich denke, in jeder Krise gibt es etwas, bei dem man, ich würde jetzt nicht sagen profitieren, aber doch noch Glück im Unglück haben kann. Und das war eben, dass wir im neuen Laden auch leckere Wraps hatten, Stullen – leckere Sachen, die man sieht und schnell mal mitnimmt.

Ich bin mit drei Sprachen groß geworden: Polnisch, Englisch und Deutsch.

Wir wollten unbedingt das Team weiter beschäftigen. Aus dem Grund, weil wir eine gewisse Verantwortung verspürten, aber auch, weil wir wussten, wie wichtig es auch für die Psyche ist, noch irgendwie beschäftigt zu sein, etwas zu tun zu haben. Es war eine Herausforderung, komplett neu aufzumachen mit einem größeren Projekt, einer größeren Fläche. Das war wirklich nicht ohne, aber wir haben ein unfassbar motiviertes Team. Ich bin so dankbar dafür, für die ganze Zusammenarbeit, und dass wir da irgendwie durchgekommen sind.

TEAM Die Arbeit nimmt bei mir immer relativ viel Zeit in Anspruch. Man sagt ja selbstständig, das heißt »selbst« und »ständig«. Aber ich finde es wunderbar. Ich merke die Arbeitszeiten nicht, weil ich wirklich liebe, was ich mache. Ich arbeite mit meinem Bruder und mit meiner besten Freundin und mit einem super Team. Und ich lerne immer wieder neue, tolle Leute kennen.

Ich kann viele meiner Leidenschaften und Interessen mit der Arbeit kombinieren. Zum Beispiel bin ich gerne kreativ, und das konnte ich komplett ausleben in der Konzepterstellung der Inneneinrichtung.

In meiner Freizeit versuche ich auf jeden Fall, Sport zu machen. Kürzlich habe ich mit Boxen angefangen. Auch Pilates tut unfassbar gut. Gerade weil die Gastronomie so ein intensives Arbeitsfeld ist, ist es gut, diesen Ausgleich zu haben.
Und dann gibt es noch die Women’s International Zionist Organisation (WIZO), bei der ich mich einbringe. Hier hatte ich schon als Kind Vorbilder. Meine Mutter war in der WIZO, ihre engste Freundin auch. Es wurde mir immer vorgelebt, ich habe mich immer damit verbunden gefühlt.

EHRENAMT Als junges Mädchen habe ich schon ausgeholfen, ob das jetzt bei der Tombola war oder in anderen Bereichen. Dann kam ich in die Young WIZO. Als diese damals gegründet wurde, war ich, glaube ich, eine der Jüngsten. Ich habe mich über die kreative Schiene eingebracht mit Flyerentwicklung. Mein erstes Projekt war eine Tombola bei einer Chanukkafeier, da war ich 16 oder 17 Jahre alt.

Kürzlich habe ich mit Boxen angefangen. Ein guter Ausgleich zur Gastronomie!

An der WIZO begeistert mich das Women Empowerment, dass Frauen zusammenhalten und so vieles gemeinsam tun. Mit meiner Freundin plane ich jetzt auch noch ein Smart Brand, wo wir Projekte der WIZO oder auch der LGBTQ-Community unterstützen und einfach mehr Bewusstsein schaffen wollen.

Geboren bin ich in Kanada. Meine Mutter ist polnisch-kanadisch, und mein Vater ist Amerikaner. Er war auf der American Highschool in Frankfurt und ist eigentlich hier aufgewachsen. Mein Bruder und ich sind beide in Kanada geboren. Dann sind wir nach Frankfurt gezogen.

SPRACHEN Hier sind wir mit drei Sprachen groß geworden: Polnisch, Englisch und Deutsch. In der Schule haben wir dann auch noch Hebräisch gelernt. Und später kam Französisch dazu. Ich war immer schon sehr sprachaffin, und es hat auch sehr gut gepasst mit den neuen Kulturen, die ich kennenlernen wollte.

Die Begeisterung für andere Kulturen, auch für exotisches Essen, war schon früh vorhanden bei mir. Unser Zuhause war immer offen für alle unsere Freunde. Als Familie haben wir immer unfassbar viel miteinander gemacht. Meine Mutter hat mit mir und meinen Freunden gekocht, es gab immer irgendwelche Aktivitäten und Unternehmungen. Und so war das sehr nah dran an dem, was ich jetzt mache. Essen ist immer eine Hosting-Experience, eine Gastgebererfahrung. Man soll sich wohlfühlen.

Mein Bezug zum Judentum ist groß, dadurch, dass ich in der WIZO involviert bin und grundsätzlich auch in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Ich bin auch hier in die jüdische Schule gegangen.

Zu Hause? Das ist für mich Schabbat, ob hier in Frankfurt oder im Ausland. Durch die WIZO bekommt man schnell Anschluss, auch in anderen Ländern. Erst recht am Schabbat – mit viel Essen und wunderbaren Menschen.

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