Kino

Roter Teppich in Potsdam

Schauspieler und Regisseure auf dem roten Teppich und im Blitzlichtgewitter: Am vergangenen Sonntag ist im Hans Otto Theater in Potsdam die 25. Ausgabe des Jewish Film Festival Berlin & Brandenburg (JFBB) eröffnet worden. Dass es das Festival seit 1995 gibt, ist einer Frau und ihrem unerbittlichen Engagement zu verdanken – Nicola Galliner.

Sie steht an diesem Galaabend in schwarzem Hosenanzug und rotem Schal auf der Theaterbühne. Gleich wird der Eröffnungsfilm Crescendo. #Makemusicnotwar gezeigt – doch erst noch ein kurzer Plausch mit dem Moderator Knut Elstermann. Dass es das Festival bereits seit einem Vierteljahrhundert gibt, sei keine Selbstverständlichkeit, meint dieser. Es habe auch schwierige Phasen gegeben, in denen unklar war, wie die Veranstaltung finanziell zu stemmen sei.

Mehr als 200 Filme wurden zum Festival eingereicht.

Wie sie diese Herausforderungen meistere, will Knut Elstermann von Nicola Galliner wissen. »›Never, never give up‹ – dieser Spruch hängt über meinem Schreibtisch im Büro«, sagt die Chefin. An diesem Motto halten sie und ihr Team strikt fest, etwas anderes bleibe ihnen nicht übrig.

Finanzierung Wenn es um die finanzielle Zukunft des Festivals geht, nimmt die Leiterin kein Blatt vor den Mund, auch nicht – oder erst recht nicht? – am Eröffnungsabend. Sie brauche Geld, wünsche sich Planbarkeit für die Zukunft. Jedes Jahr aufs Neue Fördermittel zu beantragen – wo solle das hinführen? Da spricht sie an jenem Abend sicherlich so einigen Kulturschaffenden aus der Seele, gehört der jährliche Antragsmarathon doch für viele zum Alltag.

Doch das Jüdische Filmfestival sei nicht irgendein Festival, nicht irgendein Kulturprojekt. Es sei ein Festival, das jüdisches Leben in Deutschland »sichtbar, hörbar und spürbar« mache, sagt Thomas Kralins­ki (SPD), Brandenburgs Bevollmächtigter beim Bund und Medienstaatssekretär, zur Eröffnung.

»Es zeigt uns, dass die jüdische Kultur ein Teil von uns ist und zu unserem Land gehört.« Einem Land, in dem antisemitische Vorfälle allerdings erneut zunehmen würden. »Wir wollen aber ein Land sein, in dem Juden ihren Glauben öffentlich leben können.« Niemand solle befürchten müssen, deswegen angefeindet zu werden. »Deshalb müssen wir gegen jegliche Angriffe klar Stellung beziehen«, betont Thomas Kralinski.

Zukunft Mit einem Appell gegen Antisemitismus befasst sich an jenem Abend auch die Eröffnungsrede von Christian Gaebler (SPD), Chef der Senatskanzlei Berlin. »Wir müssen unsere Kräfte gegen Vorurteile, Hass, Rassismus und Antisemitismus bündeln.« Das Festival trage mit seinem besonderen Fokus und der besonderen Qualität einen wichtigen Beitrag dazu bei. »Wir wollen das Festival unbedingt behalten«, sagt Christian Gaebler und unterstreicht, dass der Senat und das Land Brandenburg sich bereits in Verhandlungen befinden.

Der Film »Crescendo. #Makemusicnotwar« erhielt in Ludwigshafen den Publikumspreis.

Als das Festival vor 25 Jahren ins Leben gerufen wurde, habe keiner ahnen können, dass es einmal zu einem untrennbaren Bestandteil der Kulturlandschaft in Deutschland werden würde, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ebenfalls Gastrednerin der Gala. Sie könne Nicola Galliner und ihrem Team nicht genug danken für all ihr Herzblut, ihre Zeit und Energie, die sie in die Veranstaltung investieren. Die Botschaft, dass die jüdische Gemeinschaft ein kunterbuntes Mosaik sei, könne ihrer Meinung nach auch noch lauter in die Öffentlichkeit getragen werden. »Mein Wunsch ans Organisationsteam: Lasst nicht nach!«, sagt die 86-Jährige.

Jubiläumsausgabe Bis zum 17. September präsentiert die diesjährige Jubiläumsausgabe insgesamt 42 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme in 13 Spielstätten in Berlin und Brandenburg. Mehr als 200 Einreichungen haben Nicola Galliner und ihr Team im Vorfeld gesichtet, auch auf Festivals in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem waren sie dafür unterwegs.

Der Eröffnungsfilm Crescendo. #Makemusicnotwar habe sie von Anfang an überzeugt. »Es ist ein Film, der ein bisschen Hoffnung macht«, sagt die Festivalleiterin. »Das brauchen wir unbedingt.«

In Dror Zahavis Film stellt sich Peter Simonischek als Dirigent Eduard Sporck der Herausforderung, junge Israelis und Palästinenser in einem Orchester zu vereinen. Ein gemeinsames Konzert soll zur Völkerverständigung beitragen – aber auf dem Weg dorthin liegen gewaltige Hindernisse. Der Streifen soll ab Januar 2020 in den deutschen Kinos laufen.

Die Idee zu dem Film sei inspiriert gewesen von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, sagt Produzentin Alice Brauner. Gemeinsam mit den Schauspielern Peter Simonischek, Daniel Donskoy, Sabrina Amali und Bibiana Beglau sowie Regisseur Dror Zahavi steht sie nun auf der Bühne des Hans Otto Theaters.

Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, denn ihr Film scheint ein Erfolgsprojekt zu werden. »Wir haben gestern beim Filmfestival in Ludwigshafen den Publikumspreis ›Rheingold‹ bekommen«, erzählt sie stolz. Rheingold ist mit 30.000 Euro dotiert und wird neben dem Hauptpreis, ebenfalls in Höhe von 30.000 Euro, vergeben.

Filmpreise Auch das Jüdische Filmfestival vergibt am Ende Preise. Die alljährlich von der Familie Klein gestifteten Gerhard-Klein-Filmpreise in Höhe von insgesamt 7000 Euro sind dem 1999 im Alter von 79 Jahren verstorbenen Gerhard Klein gewidmet. Er gründete 1956 in Berlin das Filmkunstkino »Capitol Dahlem«. Gern würde er die Stifter heute auf die Bühne holen, sagt Knut Elstermann. »Doch sie wollen einfach nicht im Rampenlicht stehen, das wollten sie noch nie«, sagt der Moderator. Stattdessen heißt es dann: Film ab im Hans Otto Theater.

Einige Gäste verlassen daraufhin den abgedunkelten Saal. Doch das ist die Minderheit, die meisten bleiben sitzen, um sich den 102-minütigen Eröffnungsfilm anzusehen – und ihn im Anschluss mit einem langen Applaus zu feiern. Der Start in die 25. Festival-Ausgabe ist gelungen.

Während die Gäste im Foyer des Hans Otto Theaters mit Häppchen und Sekt auf das Jubiläum anstoßen, wird vor dem Eingang bereits daran gearbeitet, alle Festivalspuren zu beseitigen – der rote Teppich ist eingerollt, die Werbebanner sind eingeräumt. Das Blitzlichtgewitter erloschen – es macht nun wieder Pause für ein Jahr.

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