Berlin

Revival des Doppelreihers

Andreas Valentin sieht sehr zufrieden aus. Kein Wunder, denn es wird über seine Familie gesprochen: Der Name seines Ururgroßvaters, Valentin Manheimer, soll in der Modewelt wieder eine Rolle spielen. Das zumindest hofft eine Gruppe, die sich selbst als »visionäre Unternehmer« bezeichnet, unter ihnen die Medienexperten Lothar Eckstein, Christian Boros und Matthias Düwel.

»Überall in der Berliner Geschichte stößt man auf die Namen einstiger jüdischer Modemacher«, sagt Eckstein. Man müsse mehr daraus machen, findet er. Deshalb möchten er und seine Mitstreiter die Geschichte dieser Familien »ausgraben und erforschen«. Das heißt für sie auch, unter dem Namen »Manheimer« wieder Mode zu kreieren und anzubieten – aber nur mit Beteiligung der Angehörigen.

70 Jahre nach der Geschäftsaufgabe sei der Name rechtlich wieder frei. Deshalb luden die »Visionäre« nun ins Lapidarium am Halleschen Ufer, um sich und den Ururenkel vorzustellen – und die Mode.

UHRENTASCHE Wie innovativ und unvergänglich die Mode war, die aus dem Konfektionshaus Manheimer am Hausvogteiplatz kam, sehe man noch heute, findet Eckstein. Denn unter dem Label gebe es beispielsweise wieder Doppelreiher mit vier Knöpfen und statt einer Uhrentasche nun eine Handytasche. Und natürlich wieder Damenmäntel. Genau für die stand Valentin Manheimer.

Mehr als 2700 Modebetriebe mit rund 90.000 Beschäftigten gab es damals um den Hausvogteiplatz herum.

Im Jahr 1839 kam der jüdische Kaufmann auf die Idee, ein Damenmantel-Modell gleich mehrmals anzufertigen, er revolutionierte damit die Welt von Kleidung und Mode. Der damals 21-Jährige, der aus einem Dorf im Jerichower Land stammte und dessen Vater Kantor war, hatte somit die Konfektion erfunden und führte später Größen ein, die heute noch gelten.

Mehr als 2700 Modebetriebe mit rund 90.000 Beschäftigten gab es damals um den Hausvogteiplatz herum. Etwa drei Viertel hatten jüdische Besitzer. Und deren Kleider, Mäntel, Anzüge und Hemden schafften es sogar immer wieder bis nach Paris.

1933 setzten die Nazis dem ein Ende, die Betriebe wurden geraubt, manche Besitzer konnten emigrieren, andere wurden nach Auschwitz gebracht, mussten dort weiter mit Stoffen arbeiten und wurden schließlich ermordet.

»Das Konzept ›Ready to Wear‹ wurde eigentlich in Deutschland erfunden«, sagt Eckstein. »Man könnte sogar weitergehen und sagen: Es war die Basis für die gesamte Modebranche weltweit.« Doch da gab es das Manheimer-Modehaus schon längst nicht mehr.

Das Konzept »Ready to Wear« wurde eigentlich in Deutschland erfunden.

Um 1900 beschäftigte es noch 8000 Leute, doch die Weltwirtschaftskrise setzte dem Betrieb zunehmend zu, 1931 wurde er aufgelöst. Valentin Manheimer (1815–1889) hatte fünf Töchter; eine von ihnen war Andreas Valentins Urgroßmutter. Sie heiratete den Großkaufmann Heinrich Valentin.

»Dass der Name Valentin mal Vorname, mal Nachname war, ist Zufall«, sagte der Nachfahr. Allerdings hatte schon sein Großvater Bruno Valentin (1885–1967), Manheimers Enkel, nichts mehr mit dem Modehaus zu tun, denn er wurde Arzt, spezialisierte sich auf orthopädische Chirurgie und wirkte bis zur Schoa in Hannover. Er floh mit seiner Familie vor den Nazis nach Brasilien und kam mit seiner Frau 1967 zurück nach Niedersachen. Ein Weg in Hannover trägt seinen Namen.

URURENKEL Der Fotograf und Kulturwissenschaftler Andreas Valentin lebt heute noch in Brasilien, aber kommt immer wieder gerne nach Deutschland. So nahm er vor wenigen Jahren an der FU ein Postdoc-Stipendium wahr.

Während dieser Zeit suchte er die Orte auf, die sein Vater auf seiner Reise 1975 nach Deutschland mit der Kamera festgehalten hatte. Die Idee war, an der gleichen Stelle und mit dem gleichen Winkel zu fotografieren. Die Ergebnisse stellte er im vergangenen Sommer im Haus am Kleistpark unter dem Titel Berlin–Rio aus.

Die Kreativität scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein. Nun freut er sich, dass das Modelabel seines Ururgroßvaters wiederbelebt werden soll.

Leipzig

Kantoren-Schmiede

Das Institut für traditionelle jüdische Liturgie feiert sein zehnjähriges Bestehen

von Thyra Veyder-Malberg  29.02.2024

Jewrovision

Im Lampenfieber

Aachen und Köln wollen Ende März gemeinsam mit einem ganz besonderen Auftritt gewinnen

von Christine Schmitt  29.02.2024

Jugendkongress

Jemand fühlt mit euch

In schwieriger Zeit treffen sich junge Jüdinnen und Juden in Berlin. Unser Autor möchte ihnen Mut machen

von Joshua Schultheis  28.02.2024

Reportage

Glück der Gemeinschaft

Viele der vor dem Krieg geflohenen Ukrainer leben derzeit im Hotel und wollen in Berlin bleiben. Ein Ortstermin

von Helmut Kuhn  28.02.2024

Lesung

Ein kurzes, intensives Leben

Die Lyrikerin Nora E. Gomringer erinnerte an die Dichterin Selma Merbaum

von Helen Richter  28.02.2024

Premiere

Ein Meer aus Lächeln

Mit »Broadway Danny Rose« feiert das Jüdische Theater Frankfurt seine Neugründung

von Thekla Matzen  28.02.2024

Meinung

Endlich ein Neuanfang

Die Neuausrichtung der Ausbildung nichtorthodoxer Rabbinerinnen und Rabbiner in Potsdam ist ein Anlass zur Freude

von Ayala Goldmann  28.02.2024

Mannheim

Synagogenfenster mit Graffiti beschmiert

Die Kriminalpolizeidirektion ermittelt

 27.02.2024

Streit

Zentralrat der Juden entzieht der Jüdischen Gemeinde zu Berlin das Stimmrecht

Das unabhängige Gericht beim Zentralrat hatte die Aussetzung des Stimmrechts empfohlen – das Präsidium folgte dem nun einstimmig

von Michael Thaidigsmann  27.02.2024