Wer war Sally Bein? Um welche Art von Einrichtung hat es sich bei der Israelitischen Erziehungsanstalt Wilhelm-Auguste-Viktoria-Stiftung gehandelt? Und wie wurde das Heim von 1908, dem Jahr seiner Gründung, bis zur Schließung im Jahr 1942 in Beelitz, einem südwestlich von Berlin gelegenen Städtchen, geführt? All diesen Fragen und noch viel mehr geht eine rund 30-minütige Filmreportage nach, die die gebürtige Potsdamerin Tatjana Ruge gemeinsam mit dem Israeli Ronny Dotan gedreht hat. Die Kinder von Sally Bein – Die Israelitische Erziehungsanstalt in Beelitz lautet der Titel.
Das Ergebnis ist ein unaufgeregtes Porträt einer Schule, in der die Kinder durch progressive und von Sally Bein eigens entwickelte Fördermethoden dazu gebracht wurden, trotz ihrer jeweiligen Einschränkungen nach der 10. Klasse ordentliche Abschlüsse zu erwerben.
Darüber hinaus erlernten sie auch Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen sollten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, beispielsweise ein Handwerk, das Kochen oder Gartenbau. »Bein hat sich auch sehr für die Schüler engagiert, nachdem sie das Heim verlassen hatten«, weiß Tatjana Ruge zu berichten. Ein Mädchen konnte beispielsweise durch seine Vermittlung bei einer Berliner Familie seine Arbeit als Dienstmädchen antreten.
Als Schulleiter genoss Sally Bein weltweit höchstes Ansehen
Über fünf Jahre hinweg haben Ruge und Dotan in detektivischer Kleinstarbeit alles zum Thema zusammengetragen. Dafür wurden Archive wie das im Centrum Judaicum, wo sich der gesamte Schriftwechsel aus den Jahren 1908 bis 1933 befindet, durchforstet. Auch im Stadtarchiv von Beelitz stellte ein engagierter Archivar zahlreiche Unterlagen zur Verfügung. Geburtsurkunden der Kinder wurden angefordert, Unterlagen der Entschädigungsbehörde gesichtet, schließlich kam es zu Gesprächen mit Zeitzeugen und Nachfahren.
Erschwert wurden die Nachforschungen dadurch, dass ehemalige Heimkinder und deren Angehörige über die Welt verstreut leben. In Israel fand Dotan schließlich noch die über 90-jährige Masha Ur, eine Nichte von Rebekka Löwenstein, der Frau von Sally Bein. »Ich habe überall nach ihr gesucht, am Ende stellte sich heraus, dass sie in meiner Nachbarschaft lebt«, erzählt Dotan. Über Masha Ur erfuhr er, dass die ältere Tochter Beins, Hanna-Lotte, nach Australien auswandern konnte.
Ausgangspunkt für die aufwendigen Recherchen des deutsch-israelischen Teams war das Fotoalbum des Lehrers Arthur Feiner, der von 1930 bis 1933 in der Anstalt tätig war. Ihm selbst gelang 1940 die Flucht aus Deutschland nach Schanghai.
Das Fotoalbum befand sich im Privatbesitz von Dagmar Drov, der Autorin eines Fachbuchs zur Geschichte der heilpädagogischen Praxis im deutschen Judentum. Der Beelitzer Stadtarchivar vermittelte den Kontakt. »2022 hielt ich bei einem Besuch bei ihr das erste Mal das Album in den Händen«, erzählt Ruge. Es soll in Kürze dem Jüdischen Museum Berlin übergeben werden.
Als engagierter Reformpädagoge integrierte Sally Bein seine eigene Familie gleich mit in die Israelitische Erziehungsanstalt.
Jene Aufnahmen aus dem Album, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen, zeigen den Schulablauf sowie die Bewohner des Heims in Alltagssituationen. Die Kommentare im Film sind auf Hebräisch, untertitelt auf Deutsch und Englisch. Der Film arbeitet als Reportage, in der die Ergebnisse einer aufwendigen Recherche zum Gesamtbild einer Einrichtung für Menschen mit Einschränkungen verdichtet werden, die selbst heute noch als vorbildlich bezeichnet werden kann. So wurden die Kinder nicht wie sonst üblich nach ihrem Alter, sondern entsprechend ihren jeweiligen Fähigkeiten in gemischten Klassen unterrichtet. Des Weiteren entwickelte Bein pädagogische Methoden, die sich auf die Formel »fördern und fordern« bringen lassen.
Sally Bein, 1881 in Inowraclaw in der Provinz Posen geboren, war rund um die Uhr im Einsatz. Als engagierter Reformpädagoge integrierte er seine eigene Familie gleich mit in die Israelitische Erziehungsanstalt. Alle lebten unter demselben Dach, seine Frau Rebekka wurde zeitweise zur wichtigsten Unterstützerin, gelegentlich unterrichtete sie auch.
Dem Projekt mit Leib und Leben verpflichtet
Bein fühlte sich – und das zeigt der Film sehr eindrucksvoll – dem Projekt mit Leib und Leben verpflichtet. Das Wohlergehen der ihm anvertrauten Schüler stand über allem. »Notfalls, wenn das Geld für die Schulspeisung zu knapp wurde, weil die Beschränkungen für Juden immer drastischer wurden, zog der beliebte Schulleiter mit einem Leiterwagen durch Beelitz, um bei Bauern und Anwohnern Lebensmittel für seine Zöglinge zu sammeln«, so Ruge.
Gleichzeitig genoss er als Schulleiter sowohl in seiner direkten Umgebung als auch unter Pädagogen weltweit höchstes Ansehen. Regelmäßig kamen Delegationen von Bildungsvertretern nach Beelitz, um seine modernen Methoden zu studieren.
Anlässlich der Filmpremiere in der Galerie Omanut hängen als Ergänzung zum Film die Fotografien aus dem Album von Dagmar Drovs an den Wänden. Zu sehen sind Bilder von idyllischen Sommermonaten, in denen der Unterricht – sofern das Wetter es zuließ – kurzerhand ins Freie verlegt wurde. Oder von Klassenzimmern, in denen die Schüler im Kreis saßen, und nicht, wie damals üblich, in Reihen beim Frontalunterricht – Dokumente aus dem Schulalltag von Kindern, die aufgrund ihrer Einschränkungen normalerweise als »nicht schulfähig« galten. Wer etwa ADHS, geistige oder körperliche Einschränkungen hatte oder einfach nur als frech galt, wurde aufgrund der damaligen gesellschaftlichen Normen oft vom Schulbesuch ausgeschlossen.
»Unsere Reise ist noch lange nicht zu Ende, wir haben Zeit«, sagt Ronny Dotan
Unter der Förderung des Schulleiters, der – im strengen Preußen ganz und gar unüblich – für jeden seiner Zöglinge Kosenamen hatte, blühten viele Kinder auf. Hedwig Kaufman, »Hete« genannt, strahlt in die Kamera. Aus Manoach Kleinmann, wurde »Chabübbele«, und Afraham Beutel hieß einfach nur »Avi«. Ohne Angst, dafür aber mit viel Zuversicht, konnten sie im Rahmen eines strikt getakteten Tagesablaufs ihre Fähigkeiten entwickeln.
Keines der gezeigten Kinder hat die Schoa überlebt, erzählt Ruge. Schulleiter Bein folgte zusammen mit seiner Frau und der jüngeren Tochter Lisa-Karola den Schülern – obwohl die Familie bereits Visa für Britisch-Indien besaß, wo die ältere Tochter Hanna-Lotte lebte. Gemeinsam mit den rund 30 in der Israelitischen Erziehungsanstalt verbliebenen Kindern wurden sie nach Sobibor deportiert und dort ermordet.
»Unsere Reise ist noch lange nicht zu Ende, wir haben Zeit«, sagt Ronny Dotan über das Langzeitprojekt. Und Tatjana Ruge ergänzt: »Unser Wunsch wäre es, dass das Bewusstsein für das Vermächtnis von Sally Bein und sein Wirken für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen in der Öffentlichkeit wieder geweckt wird.«