Cornelia Dette ist sichtlich erfreut, als sie die Teilnehmer ihrer Stadtführung begrüßt. »Ich bin ein bisschen überwältigt, dass so viele Leute gekommen sind«, sagt sie vor den Treppen des Rathauses von Neukölln. Es ist ungewöhnlich warm an diesem Freitagnachmittag, auf den Stufen vor dem Gebäude erholen sich gerade einige Neuköllner vom langen Winter. Trotz der ersehnten Sonnenstrahlen haben sich 25 Personen für die Stadtführung angemeldet. Veranstalter war »CROSS ROADS – Berlin mit anderen Augen«.
Seit gut 20 Jahren führt Dette durch den Bezirk. »So eine große Gruppe habe ich noch nie gesehen«, flüstert ihr eine Teilnehmerin, die offenbar nicht zum ersten Mal mit dabei ist, begeistert zu. »Ich auch nicht«, antwortet Dette. Bislang galt ihre Aufmerksamkeit vor allem dem türkischen und arabischen Leben, für das Neukölln bekannt ist.
Heute aber soll es erstmals um ein Thema gehen, das wohl die wenigsten mit dem Bezirk assoziieren dürften: Spuren jüdischen Lebens. So lebten hier zur Zeit der Weimarer Republik rund 3000 Jüdinnen und Juden. Sie haben den Stadtteil maßgeblich mitgestaltet, beispielsweise als Schuldirektor, als Bildungsstadtrat oder als Leiterin der Stadtbibliothek. Wo heutzutage das KinderKünsteZentrum untergebracht ist, in einem Hinterhof des Stadtbads Neukölln, leitete Helene Nathan von 1921 bis zum Einzug der Nationalsozialisten ins Neuköllner Rathaus im März 1933 die Stadtbücherei. Als eine der ersten Frauen hatte sie damals die Leitungsposition einer größeren Bibliothek übernommen. Ihre Arbeit verstand sie als bildungspolitisches Instrument im ehemaligen Arbeiterbezirk. Sie ernannte die Bücherei zur Ausbildungsbibliothek. Besonders wichtig war ihr, dass auch Kinder lesen.
Als eine der ersten Frauen hatte sie damals die Leitungsposition einer Bibliothek übernommen
»Die Bibliothekarin war der Anlass für meine Recherche«, erzählt Dette. Ihre Faszination für die junge Frau habe sie veranlasst, sich mehr mit der Geschichte jüdischen Lebens in Neukölln zu beschäftigen. Sie gesteht, zuvor selbst nicht viel zum Thema gewusst zu haben. Ähnlich geht es einigen Teilnehmern. »Wenn man in Friedenau ist, stolpert man ja wortwörtlich über Stolpersteine«, sagt Felizitas. Die 81-Jährige lebt in Neukölln, weiß aber wenig über seine jüdische Geschichte. »Neukölln ist heute eher mit dem Islam assoziiert«, berichtet der 73 Jahre alte Wolfgang. »Also wollte ich mal schauen, ob es auch jüdische Spuren hier gibt.«
Die Gründe für die Teilnahme sind vielfältig. »Ich recherchiere gerade zu meiner Familiengeschichte«, erzählt die 39-jährige Martha. Ihre Familie habe Anfang des 20. Jahrhunderts erst im Reuterkiez und dann in Rudow gelebt. Dort hatten die Nationalsozialisten gerade die ersten Wohnsiedlungen nach ihrem Ideal der Volksgemeinschaft gefördert, aus der die Familie von Martha schon bald ausgeschlossen worden sei.
Jüdinnen und Juden prägten vor 1933 den Stadtteil maßgeblich mit.
Auch eine Synagoge gab es in Neukölln: im Hinterhof des Hauses Isarstraße 8. Sie wurde im September 1907 vom Israelitischen Brüder-Verein zu Rixdorf errichtet. Bei den Novemberpogromen 1938 wurde das Gotteshaus vollständig zerstört. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an die Synagoge und ihren Rabbiner Georg Kantorowsky, der dort von 1917 bis 1938 wirkte.
Aber nicht nur Rabbiner Kantorowsky hat den Bezirk geprägt. »Seine Frau war eine sehr moderne Feministin«, betont Cornelia Dette. Frieda Kantorowsky setzte sich unter anderem für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen ein. Die Rabbinerkinder Eva und Hans gingen auf die Karl-Marx-Schule in der Sonnenallee 79. Sie war eine der bekanntesten Reformschulen der Weimarer Republik; der Schulleiter, der jüdische Reformpädagoge Fritz Karsen, gilt als Begründer der Gesamtschule und Wegbereiter des zweiten Bildungsweges. Seit 1956 trägt die Schule ihren heutigen Namen: Ernst-Abbe-Gymnasium.
Die Bildungsarbeit in Neukölln war damals das Aushängeschild für eine moderne Schulform
Die Kantorowskys flohen 1940 nach Shanghai, später zogen sie weiter nach San Francisco. Dort beteiligte sich Georg Kantorowsky 1949 an der Gründung der Gemeinde Bʼnai Emunah, die zum Treffpunkt deutscher Holocaustüberlebender wurde. Sein Sohn Hans dagegen schaffte es nicht zu entkommen, da er zu dem Zeitpunkt schon inhaftiert war.
Hans hatte sich schon früh einer kommunistischen Widerstandsgruppe angeschlossen, wollte nach Paris fliehen, wurde aber bei einem Zwischenstopp in Berlin festgenommen. Im April 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und am 2. September ermordet. Ein Stolperstein an der ehemaligen Wohnung der Familie in der Sonnenallee 68, nur wenige Minuten Fußweg von der einstigen Synagoge, erinnert heute an ihn. Die Verlegung haben die Schüler des Ernst-Abbe-Gymnasiums initiiert.
Die Bildungsarbeit in Neukölln war damals das Aushängeschild für eine moderne Schulform. Maßgeblich dafür verantwortlich soll Dette zufolge Kurt Löwenstein gewesen sein. Von 1921 bis 1933 war er Stadtrat für das Volksbildungswesen und setzte wesentliche soziale Maßnahmen durch, wie etwa einkommensabhängiges Schulgeld. 1933 überfielen ihn SA-Männer in der Nacht und verwüsteten seine Wohnung in der Geigerstraße. Seine Hilferufe blieben in der Nachbarschaft unbeantwortet. Nach dem Überfall verließ Löwenstein Berlin.
Bereits zwei Stunden ist die Gruppe unterwegs. Dette schaut immer wieder auf die Uhr, überlegt und schätzt, wie viel Zeit sie für den einen oder anderen Hinweis hat, ob es zeitlich noch passt, einen weiteren Ort zu besuchen. »Es gibt so viel zu entdecken«, sagt sie ganz aufgeregt.
Kurz vor dem Hermannplatz fragt sie: »Na, wer sieht ihn?« Die Gruppe bleibt stehen, blockiert Fuß- und Fahrradweg, bis eine Teilnehmerin auf eine Plastik des jüdischen Philosophen Karl Marx an der Karl-Marx-Straße 1 deutet – direkt über dem Schild des Schnäppchenmarktes. Die Plastik, berichtet Dette, habe der iranische Künstler Akbar Behkalam vor einigen Jahren bei der Sanierung der Fassade angebracht.
Die meisten bleiben stehen und unterhalten sich angeregt weiter
Am Hermannplatz ist die Stadtführung schließlich zu Ende. So richtig gehen mag aber keiner der Teilnehmer. Die meisten bleiben stehen und unterhalten sich angeregt weiter. »Ganz wichtig war die ehemalige Synagoge«, antwortet Christel auf die Frage, was ihr am besten gefallen hat. Sie und ihre Freundin Anne-Elisabeth singen im Shalom Chor, wie sie stolz erzählen. Sie sind eigens aus dem Westen der Stadt angereist. In Neukölln halten sie sich sonst nicht auf. »Das Thema interessiert mich besonders, weil ich Jüdin bin«, sagt Anne-Elisabeth. Auch ihr hat die Führung gefallen. Etwas enttäuscht wirkt sie trotzdem. Sie habe gehofft, auch etwas vom heutigen jüdischen Leben im stark arabisch geprägten Neukölln zu erfahren. »Aber leider gibt es hier kein sichtbar jüdisches Leben mehr«, stellt sie fest.
Cornelia Dette wirkt zufrieden mit der Premiere ihrer neuen Führung. Ein weiterer Termin wird im Sommer, 10. Juli, 15 Uhr, angeboten, »weil sich so viele angemeldet haben, dass die Liste geschlossen wurde«. Interesse am Thema besteht also.