Frankfurt am Main

Rap im Philanthrophin

Psst: BurnArt hat mit seinem Stück »Nie wieder« schon 120.000 Klicks auf YouTube. Foto: Rafael Herlich

Seine Songs schreibt er nachts. Am Tage hat Rapper BurnArt dafür keine Zeit. Denn er ist ein viel beschäftigter junger Mann. Vom Image eines »Gangsta Rappers« hält er sowieso nicht viel. Goldschmuck, Drogen, Gewalt und Frauen: Dass das Leben eines richtigen Rappers zwangsläufig aus dieser explosiven Mischung bestehen muss, findet er nahezu lächerlich.

Multitalent BurnArt studiert im zehnten Semester Jura. Außerdem jobbt der 26-Jährige als Pförtner im Jüdischen Altersheim und betreibt auch noch zusammen mit seinem Freund Benjamin Herlich ein Modelabel für Streetwear. Das Wichtigste für ihn bleibt dennoch die Musik. Nur ist er Realist genug, um zu wissen, wie schwer es ist, davon leben zu können: »Man muss selbst einen Star aus sich machen, bevor überhaupt irgendein Produzent auf einen aufmerksam wird«, sagt er ernüchtert.

Die Währung, in der der Erfolg gemessen werde, seien die »Klicks« bei YouTube, also die Zahl derjenigen, die sich seine Musikvideos auf dem offenen Musikportal im Internet anschauen. »Ab 100.000 Klicks beginnen die Produzenten, an dein Potenzial zu glauben. Bei einer Million Klicks ist die Sache gebongt«, so seine Beobachtung.

Der Stein Er selbst hat mit seinem Stück »Nie wieder« innerhalb weniger Wochen bereits 120.000 Abrufe erzielt, sein »persönlicher Rekord«, wie er verrät. Dieser Song ist außergewöhnlich und alles andere als ein typisches Hip-Hop-Lied. Vielmehr erzählt »Nie wieder« die Geschichte einer jüdischen Familie, und das aus Sicht eines Steines, der ohnmächtig beobachten muss, wie diese Menschen in der Pogromnacht 1938 ihren Besitz verlieren, später dann deportiert und ermordet werden. Die bittere Pointe des Textes: Der Stein zeigt spürbar mehr Mitgefühl mit den Opfern als die deutschen Nachbarn, Freunde und Bekannten um sie herum.

Vor allem aber gelingt es BurnArt, dieses eine von Millionen Schicksalen in der Schoa sehr direkt, anschaulich und mit überraschenden und gänzlich unverbrauchten Wörtern zu erzählen. Kombiniert mit Bildern, die sein Freund Benjamin mit einer einfachen Kamera aufgenommen hat und die BurnArt dann am Computer geschnitten und kunstvoll mit historischen Fotos unterlegt hat. »Nie wieder« ist übrigens das erste Hip-Hop-Stück in Deutschland, das den Holocaust thematisiert.

Begonnen hat der Rapper seine Karriere als Sechstklässler in der Aula der Lichtigfeld-Schule. »Ich hatte mich bis dahin nicht im Geringsten für Musik interessiert«, erzählt er. Bis seine Klasse den Auftrag erhielt, zum Abschluss des Schuljahres etwas auf der Bühne aufzuführen. Bernard, wie BurnArt mit bürgerlichem Namen heißt, schrieb die Texte für einen Rap, mit dem die Kinder ihre Eltern und Lehrer enorm beeindruckten.

Produzent Das war der Durchbruch: »Ab da wusste ich, was ich aus meinem Leben machen will.« Er kaufte sich ein billiges Mikrofon und begann, eigene Lieder mit dem Kassettenrekorder aufzunehmen. »Und dann habe ich einfach immer weitergemacht.« Am 7. November ist sein erstes Album herausgekommen: »Verstehen Sie Rap?«. Er hat es zusammen mit einem Freund selbst produziert.

Inspiriert zu seiner Musik haben ihn unter anderem auch jüdisch-amerikanische Musiker wie Remedy oder DScribe. Was keinesfalls bedeutet, dass er sich in seinen Texten ausschließlich mit jüdischen Themen beschäftigt. Er hat auch schon einen Song über Eintracht Frankfurt komponiert, eines seiner Stücke trägt den Titel »Hurensohn«, ein anderes beschreibt ausgelassene Urlaubsfreuden, ein weiteres ist eine Abrechnung mit dem Deutschland von heute.

Klischeebruch »Ich bin jüdisch, das ist meine Identität, auf die ich stolz bin«, sagt der 26-Jährige, dessen Eltern ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion stammen und 1984, ein Jahr vor seiner Geburt, über Israel nach Deutschland kamen. BurnArt spielt mitunter auch gerne mit antisemitischen Klischees, besingt seine vermeintlich große Nase und seinen vermeintlich ebenso großen Reichtum.

Dabei sucht er seine Freunde nicht nach deren Religion aus: »Ihr seid nicht Juden, Moslems oder Christen, sondern einfach Jugendliche«, beschwört er sein Publikum. »Mensch ist Mensch« heißt denn auch einer seiner Songs, und damit ist, so meint er, alles Wesentliche zu diesem Thema gesagt.

Doch nur nett ist dieser BurnArt alias Bernard I. auch wiederum nicht. Das passt einfach nicht ins Rollenverständnis eines Rappers. Das Beleidigen, Herabsetzen, die verbale Attacke gegen musikalische Konkurrenten, das Kokettieren mit Gewaltfantasien beherrscht auch er meisterhaft. Aber er hat dafür eine überzeugende Erklärung: »Besser, sich auf der Bühne in der Schlagkraft der Worte zu messen, als auf der Straße mit den Fäusten!«

Metapher Dass es beim Rap vor allem um sprachliche Virtuosität, um das Erfinden und Kombinieren immer neuer, ungewöhnlicher Reime und schräger Metaphern gehe, werde leider allzu oft übersehen. BurnArt sammelt Wörter wie andere seltene Briefmarken oder bunte Steine.

Nachts, wenn die meisten schlafen, sitzt er dann daheim an seinem Computer, lässt die Beats laufen, bastelt, tüftelt und probiert, wie seine Texte dazu passen. Rap ist ein einsames Geschäft, die meiste Arbeit erledigt der Künstler alleine vor seinem Bildschirm. Auftritte, sagt BurnArt, sind für ihn sowieso eher Pflichtprogramm: »Andere leben für die Bühne, ich nicht.«

Im vergangenen Jahr hat er sich besonders rar gemacht und vor allem an seinem Album gearbeitet. Dessen Cover ziert ein Foto seiner weißen französischen Bulldogge mit Namen »Sunny«. Mit ihr geht er Tag für Tag spazieren.

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