Tagung

Professionell in die Zukunft

Der Name ist bereits Programm: Beim dreitägigen Zukunftsforum der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) vergangene Woche in Berlin drehte sich alles um die zentrale Frage: Welche Beiträge können Mitarbeiter jüdischer Gemeinden und Institutionen leisten, um die Bedürfnisse und Anliegen von Gemeindemitgliedern vor Ort besser zu erkennen? Oder wie es Aron Schuster, stellvertretender Direktor der ZWST, in seinem Beitrag auf den Punkt brachte: »Was genau sind die aktuellen Chancen und Herausforderungen für uns als jüdische Gemeinschaft in Deutschland?«

Denn Probleme wie Mitgliederschwund und Überalterung sind den meisten sehr wohl bekannt. Doch sie einfach hinzunehmen, scheint der falsche Weg. Daher suchten rund 30 jüdische Sozialarbeiter und Verantwortliche in der Integrations‐ und Seniorenarbeit gemeinsam nach Lösungsansätzen und nahmen am Zukunftsforum in Berlin teil. Dieses war zugleich Höhepunkt und Abschluss einer ganzen Reihe von Veranstaltungen der jüdischen Wohlfahrtsorganisation zu diesem Thema.

Professionalisierung »Es geht dabei um eine weitere Professionalisierung sowie den Erfahrungsaustausch«, skizzierte Freddy Gross die Ziele und das Selbstverständnis des ZWST‐Zukunftsforums. »Und natürlich ist die Entwicklung neuer Ideen und Konzepte wichtig«, betonte der Psychologe und Erziehungswissenschaftler, der vier Arbeitsgruppen beim Zukunftsforum betreute.

»Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, sich über zwei Jahre hinweg in zwölf Seminaren mit insgesamt 96 Stunden Gruppenarbeit, Vorträgen und Diskussionen zu Themen wie Kulturmanagement, Organisationsentwicklung oder die jüdische Gemeinde als sozialer Dienstleistungsbringer zu engagieren und fortzubilden«, erklärt Sabine Reisin, Leiterin dieses ZWST‐Projekts. »Das schweißt natürlich zusammen. Ich bin wirklich beeindruckt von dem Team‐ und Arbeitsgeist, der die ganze Zeit über zu spüren war.« Dabei sei es auch ans sprichwörtlich Eingemachte gegangen. »Selbst die Frage, ob unsere Strukturen vielleicht zu starr sind, wurde kontrovers diskutiert.«

Beim abschließenden Berliner Seminar standen nun Themen wie »Kulturprojekte und interkulturelle Herausforderungen in jüdischen Gemeinden und Einrichtungen«, vorgestellt von Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, oder »Jüdische Sozialethik im Alltag der Gemeinden« mit dem Referenten Frederek Musall von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg auf der Tagesordnung.

Sozialethik In den Seminareinheiten zuvor hatte man sich bereits mit Aspekten der jüdischen Sozial‐ und Wirtschaftsethik beschäftigt oder über die Einflüsse des Migrationshintergrunds vieler Gemeindemitglieder gesprochen. So stellten Julia Bernstein von der Frankfurter University of Applied Sciences und Dalia Wissgott‐Moneta, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, unter anderem die Frage zur Diskussion: »Wie kann man für Mitarbeiter und ratsuchende Mitglieder einen Raum schaffen, in dem sich jeder ernst genommen, aufgehoben und nicht inneren oder von außen wirkenden bürokratischen Strukturen unterworfen fühlt?«

»Die Inhalte haben mich angesprochen«, benennt Irina Rabinovitch aus Köln ihr Motiv, an der Seminarreihe teilzunehmen. »Mich interessiert, wie andere Menschen in den Strukturen ihrer Gemeinde arbeiten und wie sie sich dabei weiterentwickeln.« Wichtig war den Organisatoren des Zukunftsforums auch eine bessere Verzahnung zwischen der ZWST und den Akteuren vor Ort. »Mitunter ist vielen die ganze Bandbreite unserer Angebote gar nicht richtig bewusst«, sagte Jutta Josepovici, Leiterin des Sozialreferats der ZWST. »Das reicht von den klassischen Fortbildungsmaßnahmen für Sozialarbeiter über Fragen von Bikur Cholim bis hin zu Tanzseminaren und koscheren Kochkursen.«

Insbesondere im Bereich Inklusion sieht Josepovici noch einigen Nachholbedarf. »Stärker in den Vordergrund wollen wir auch Intergenerationenprojekte rücken«, betonte sie. »Vielleicht finden wir durch eine Förderung der dauerhaften Begegnungen zwischen Jung und Alt Ansätze, etwas gegen die Überalterung unserer Gemeinden zu tun und die jüngere Generation besser einzubinden.«

»Für uns alle bei der ZWST hat das Zukunftsforum aber auch eine ganz persönliche Bedeutung«, ergänzt Sabine Reisin sichtlich bewegt. »Fast alle Teilnehmer saßen bereits vor rund 20 Jahren in unseren Seminaren für zugewanderte Juden aus der ehemaligen Sowjetunion.« Damals waren sie relativ neu in Deutschland und kämpften – angefangen bei der Sprache – mit allen Problemen, die Migranten so kennen. »Und heute sind sie Mitarbeiter unserer Gemeinden und tragen selbst volle Verantwortung. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes wirklich bei uns angekommen.«

Zertifikat Am Ende des Zukunftsforums gab es sogar etwas Handfestes und ein wenig Wehmut: Alle Teilnehmer erhielten ein Zertifikat für ihre Mitarbeit an dem Qualifizierungsprojekt der ZWST. Zugleich bedauerten sie, dass sich diese für sie ungemein produktive Zeit nun dem Ende näherte. »Für unsere Aufgabe, mehr Leben in die Gemeinden zu bringen, haben wir eine Menge gelernt«, lautete das Fazit von Julia Rappoport, Sozialarbeiterin und Leiterin der Integrationsarbeit der Jüdischen Gemeinde in Duisburg‐Mülheim/Ruhr‐Oberhausen. »Das gilt es nun, in ganz konkrete Arbeit vor Ort umzusetzen.«

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