Naziaufmarsch

Polizeihubschrauber und Gebete

Erst beim stillen Gebet hört man sie wieder, die Polizeihubschrauber, die über der Stadt kreisen. Fast könnte man vergessen, um was es an diesem Tag geht, so friedlich wirkt der Schabbat-Gottesdienst in der Dresdner Synagoge an diesem 13. Februar. Und doch ist allen Anwesenden bewusst: Diese zwei Stunden sind vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm. Niemand weiß so genau, was ihn erwarten wird, wenn er aus dem Gotteshaus tritt.

Der 13. Februar ist kein normaler Tag in Dresden. Vor 65 Jahren bombardierten die Alliierten die Elbestadt, schätzungsweise 25.000 Menschen starben. Ein Tag des »stillen Gedenkens« sei der 13. Februar, so Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU). Doch das ist eher Wunschdenken. Denn seit etlichen Jahren missbraucht die rechte Szene nicht nur aus Deutschland dieses Datum, um einen so- genannten Trauermarsch abzuhalten. Rund 6.000 Polizisten sind im Einsatz, um Neonazis und Gegendemonstranten zu trennen und die Sicherheit in der sächsischen Landeshauptstadt zu gewährleisten.

gottesdienst Die Notwendigkeit dieses Polizeiaufgebots sei »traurig«, sagt Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl in seiner kurzen Ansprache vor dem Gottesdienst, zu dem an diesem Tag jedermann eingeladen ist. Die Synagoge ist gut besetzt, aber nicht ganz gefüllt. Etwa zwei Drittel der Besucher sind Gäste. Nicht wenige ältere Mitglieder der Gemeinde bleiben dem Gottesdienst fern, wohl aus Furcht vor dem Weg durch die Stadt, die einer Festung gleicht.

Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Dresden, ist angespannt, aber sie zeigt sich kämpferisch: »Wir haben keine Angst. Wir wissen uns zu wehren.« Und zwar durch Präsenz: Das Gemeindehaus bleibt den ganzen Tag über geöffnet. Die Dresdner Juden unterstützen die von verschiedenen demokratischen Vereinigungen initiierte Menschenkette, die die Innenstadt symbolisch schützen soll. Vom Altmarkt bis zur Synagoge soll der menschliche Schutzwall reichen. Ihren Teilnehmern bietet sich das jüdische Gemeindezentrum an diesem nasskalten Tag als Wärmestube an, die Gemeindemitglieder halten Kaffee und Kuchen bereit. Der Sicherheitsdienst der Gemeinde ist präsent, bleibt aber im Hintergrund.

Es ist ein Tag der Gefühle und Gespräche. »Bewegend« sei der Gottesdienst gewesen, beschreibt ihn eine Dresdnerin, die zusammen mit Freunden gekommen ist, um ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zu bekunden. Eine ältere Frau berichtet aufgeregt, dass ihr auf dem Weg hierhin rechte Demonstranten begegnet seien – obwohl der Neonazi-Aufmarsch eigentlich in die Neustadt verlegt wurde. »Ich habe mich ganz eng an die Wand gedrückt«, erzählt sie. Eine andere ältere Dame empfindet die Atmosphäre in der Stadt aggressionsgeladen: »wie Krieg«.

Nora Goldenbogen erlebt an diesem Schabbat ein Wechselbad der Gefühle. Als gebürtige Dresdnerin schlagen zwei Herzen in ihrer Brust: Die Trauer über die Verwüstung der Stadt und die Erleichterung darüber – denn das Desaster bewahrte die wenigen 1945 noch in der Stadt verbliebenen Juden vor der geplanten Deportation.

gefahr Am Vormittag dieses 13. Februar bekennt Goldenbogen: »Ja, ich bin frustriert. Ich würde mir wirklich wünschen, dass das irgendwann einmal aufhört: der Nazi-Aufmarsch, die Polizeipräsenz, die Aufregung.« Immerhin führt diesmal die genehmigte Marschrute der Rechten nicht direkt an der Synagoge vorbei – vor drei Jahren war das noch so. »Das war eine akute Bedrohung«, sagt Goldenbogen.

Sie wehrt sich gegen die Tendenz, rechte Marschierer und linke Gegendemonstranten pauschal als »Extremisten« zu bezeichnen. »So als sei das alles das Gleiche oder als ginge die Aggression gar von den Linken aus«, empört sich Goldenbogen. »Es ist zwar nicht die Aufgabe einer Religionsgemeinschaft, sich in Politik einzumischen, aber als jüdische Gemeinde müssen wir dieses Problem thematisieren.«

Oberbürgermeisterin Orosz stellt als Erstes Ursache und Wirkung in die richtige Reihenfolge. »Wir dürfen nicht vergessen: Bevor Dresden gebrannt hat, ging 1938 die Synagoge in Flammen auf.« In Dresden habe es viele überzeugte Helfer des nationalsozialistischen Regimes gegeben. Den Nazis von heute erteilt sie eine klare Absage: »Diese Bande gehört nicht hierher.«

Bedenken Viele, die diese Meinung teilen, reihen sich kurz nach 13 Uhr vom Rathaus ausgehend in die Menschenkette ein. Im Vorfeld gab es auch skeptische Stimmen: Werden genug Leute zusammenkommen? Rund 7.000 Menschen sind nötig, damit die geplanten Strecke keine Lücken aufweist. Nora Goldenbogen ist gespannt.

Gegen 14 Uhr erreicht die Menschenkette die Synagoge. Immer mehr Leute strömen herbei. Die Ordner müssen improvisieren, leiten die Kette weiter über die Brühlsche Terrasse und unten an der Festungsmauer entlang. Zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde und Rabbiner Almekias-Siegl reihen sich in die Menschenkette ein. Kaum jemand, der nicht eine weiße Rose am Revers trägt, als Zeichen des Widerstandes gegen die Braunen. Nora Goldenbogens Miene hellt sich auf. »Ich nehme meinen Pessimismus zurück«, ruft sie freudig.

Plötzlich scheint die Anspannung weg zu sein, die Stimmung ist gelöst, fast ausgelassen. Beifall brandet auf. Ein Grüppchen junger Leute mit roten Pappnasen kommt vorbei – schließlich ist auch Karneval. Und weil es so kalt ist, beginnen einige, dann fast alle in der Menschenkette auf und ab zu hüpfen, um sich aufzuwärmen. Auch Almekias-Siegl hopst lachend mit. »Rabbiner-Aerobic« – ruft jemand aus der Menge. Am Schluss wagt der Landesrabbiner sogar ein kleines Tänzchen im Schneematsch.

15.000 Dresdner Bürger und Gäste beteiligten sich an der Menschenkette, die schließlich einen geschlossenen Ring um die Altstadt legt. Der Marsch der Rechtsextremen scheitert an der Blockade durch linke Demonstranten in der Neustadt, was Nora Goldenbogen freut. »Ohne sie hätten wir unsere Aktion nicht durchziehen können.« Die Polizeihubschrauber kreisen noch bis in die späten Abendstunden.

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