Fest

Pessach-Putz befreit die Sinne

Viel Wasser und viel Edelstahl sind zum Kaschern von Besteck und Geschirr notwendig. Foto: Gregor Zielke

Wenn ich mit allen Pessach‐Vorbereitungen fertig bin, denke ich manchmal, ich sei gerade selbst aus Ägypten ausgezogen. Guck ich mir den deutschen Frühjahrsputz an, ist mir auch klar: Das können sich auch nur Deutsche ausgedacht haben. Aber natürlich ist der Pessach‐Putz noch sehr viel intensiver.

Das Ganze ist nicht nur zeitaufwendig, sondern logistisch – gerade mit Familie – eine echte Herausforderung. Ich beginne meist schon einen Monat vor Pessach mit allen Vorbereitungen: Mit meinen Freundinnen plane ich einen Ausflug nach Antwerpen, wo wir Koscher‐le‐Pessach‐Produkte kaufen, und ich überlege, was aus der Kühltruhe noch weggefuttert werden muss, denn sogar die muss geleert, abgetaut und dann geputzt werden.

wahnsinn Seit etwa acht Jahren mache ich diesen Wahnsinn mit. Ich erinnere mich noch an das erste Jahr, da war ich so gestresst, dass ich meine Küche zweimal komplett unter Wasser setzte. Das erste Mal noch absichtlich: Ich habe die Schränke ausgewischt, den Boden geputzt, all das.

Das zweite Mal geschah es jedoch unabsichtlich: Ich wollte einen Topf kaschern. Also setzte ich einen übergroßen Topf randvoll mit Wasser auf, damit er – wie vorgeschrieben – beim Kochen dann überlaufen konnte. Hierfür wird ein Stein genutzt. An nichts weiter denkend, ließ ich also einen zu großen Stein in das sprudelnde Wasser fallen, sodass es überschwappte. Doppelt hält besser. Vielleicht war das Gottes Zeichen, dass ich nicht gründlich genug geputzt hatte.

Kaschern Das Kaschern ist wirklich eine der aufwendigeren Angelegenheiten. So ist in der Woche vor Pessach selbst unser Bad in die Vorbereitungen integriert: Das milchige Geschirr für Pessach kann man kaschern, indem man es über mehrere Tage im Wasser stehen lässt. Das Wasser muss natürlich regelmäßig gewechselt werden. Und wo geht das am besten? In der Badewanne! Auch das ist eine logistische Herausforderung, denn es will nicht nur einkalkuliert werden, wann jemand ein Bad nehmen möchte, sondern auch: Wie viele Teller muss ich kaschern, und wie viele brauchen wir eigentlich?

In den vergangenen Jahren habe ich bei den Einkaufstouren nach Antwerpen schon überlegt, Plastikgeschirr zu kaufen. Inzwischen sehen Messer und Gabeln schon so echt aus, als wären sie aus Metall. Aber das ist nicht nur sehr teuer, sondern auch schädlich für die Umwelt, also: kein Einwegbesteck.

Einkaufsfahrten Die Fahrten nach Antwerpen sind zwar jedes Jahr ein großer Spaß, aber auch sehr anstrengend. Ich kaufe dort die seltsamsten Sachen: Salz zum Beispiel. Denn in Deutschland wird Salz mit Zusatzstoffen verkauft, die es besser rieseln lassen. Die Zusatzstoffe sind allerdings nicht koscher‐le‐Pessach. Am Ende einer solchen Tour ist der Kofferraum randvoll, und ich zahle zu Pessach so viel für Lebensmittel wie selten zu anderen Zeiten und Festen.

Mit den Pessach‐Vorbereitungen kann man übrigens schon beim Küchenkauf anfangen: Wir hatten uns für eine Marmorplatte entschieden, die kann ich zum Säubern einfach mit heißem Wasser überspülen. Eine Freundin dagegen hat eine Küche aus Kunststoff, und die lässt sich nicht kaschern. Für Pessach klebt sie also jedes Jahr die gesamte Küche mit Plastikdecken ab.

Natürlich gibt es während der Wochen vor dem Fest auch Momente, in denen ich mich frage: »Was soll das Ganze eigentlich?« Wenn ich daran denke, dass ich die Betten noch neu beziehen und die Gardinen waschen muss, die Zahnbürsten noch ausgewechselt werden wollen und ich noch kein Koscher‐le‐Pessach‐Spülmittel habe, brummt mir der Schädel.

Zufriedenheit Aber irgendwie packt mich jedes Jahr dann doch der Putzdrang: Mein Backofen beispielsweise ist nie sauberer als kurz vor Pessach. Das Haus strahlt, die Küche ist nur noch mit dem Nötigsten gefüllt, also geordneter ist es bei uns nie. Ich fühle mich vor dem Fest, nach einem Monat Aufräumen, Wegpacken und Putzen, so zufrieden mit mir als Hausfrau wie selten. Ich bin fast schon traurig, wenn das vorbei ist. Spätestens wenn die ersten Mazzot krümeln, ist das der Fall.

Trotz allem Stress glaube ich, dass der Pessach‐Putz eine ganz besondere Wirkung hat. Er hilft mir, mich zu sortieren, zwingt mich, eine innere Ordnung herzustellen. So etwas haben nur Hausfrauen, und das ist ein echter Gewinn. Außerdem ist es die ultimative Einstimmung auf den Seder und die Geschichte dieses Wallfahrtsfestes.

Im Rahmen der Vorbereitung reduziere ich mich auf das Nötigste, ich sortiere und werfe weg. Während der sieben Tage faste ich dann eben auch: Küchen‐Equipment, Mixer, Kaffeemaschine – weg. Du sollst ja Mühe haben – beim Auszug wurde auch improvisiert, man hatte nicht alles.

Baustelle Ich fühle mich dann manchmal in meiner eigenen Küche wie auf einer Baustelle, fast schon abenteuerlich ist das. Als wären auch wir unterwegs und Nomaden. Aber neben allen Unannehmlichkeiten, die das vielleicht verursacht, ist das tatsächlich immer sehr befreiend für mich.

Doch in den stressigen Situationen, wenn ich zum Beispiel einen Überblick über die »chametzfreien Inseln«, die ich schon in der Küche eingerichtet habe, behalten muss, beschließe ich oft: »Nächstes Jahr machst du ein bisschen weniger!« Aber letztlich bleiben immer die Erinnerungen an meine aufgeräumte Küche und das befreiende Gefühl hängen, und im nächsten Jahr geht es – trotz aller Schwüre – wieder los. Vielleicht auch wegen des großen Finales: Denn erst, wenn das Haus sauber, alles Chametz gefunden, jede Ecke und Ritze sauber ist, beginnen die Seder‐Vorbereitungen. Bis elf habe ich meine Küche komplett chametzfrei, und dann geht es los mit Kochen. Wenn wir abends aus der Haggada lesen, bin ich nicht nur komplett fertig, sondern auch total euphorisch.

Dieses Jahr verbringt eine meiner zwei Töchter Pessach bei uns. Warum? Weil sie den Pessach‐Putz‐Wahnsinn dann nicht bei sich zu Hause machen muss. Es gilt wohl, auch an Pessach zusammenzuhalten. Wer übrigens nach ein paar Tagen keine Lust mehr auf Mazzot hat, dem empfehle ich: einfach auch noch darauf verzichten. Charosset reicht.

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