Porträt der Woche

Patienten aus aller Welt

Aviva Grinfeld ist Zahnärztin und hat eine Mundgeruchssprechstunde

von Jérôme Lombard  26.06.2017 20:50 Uhr

»In Berlin möchte ich alt werden, doch der Antisemitismus beunruhigt mich«: Aviva Grinfeld (51) Foto: Stephan Pramme

Aviva Grinfeld ist Zahnärztin und hat eine Mundgeruchssprechstunde

von Jérôme Lombard  26.06.2017 20:50 Uhr

Wie viele Menschen, die heute in Berlin leben, bin ich nicht hier geboren. Ich bin eine dieser typischen Zugewanderten. Geboren wurde ich 1966 in Riga in der damaligen Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Als ich fünfeinhalb Jahre alt war, wanderten meine Eltern mit mir nach Israel aus.

Das war im Frühjahr 1972. Dort hielten sie es allerdings nicht lange aus. Denn die Situation war politisch äußerst angespannt und wirtschaftlich schwierig. So packten wir noch im selben Jahr wieder unsere Koffer. Im Herbst 1973, während des Jom‐Kippur‐Krieges, kamen wir dann nach West‐Berlin.

Dass wir ausgerechnet in die Bundesrepublik zogen, war mehr oder weniger Zufall. Mein Vater war zu dieser Zeit gerade in Berlin. Also folgten wir dem Ruf des damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, der zum Aufbau des jüdischen Lebens Juden aus aller Welt nach Berlin holen wollte. Zunächst landeten wir im Auffanglager Marienfelde. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Wir waren etwa 30 jüdische Familien, alle kamen wir ursprünglich aus der Sowjetunion. Kurz darauf teilte man uns Wohnungen in der Gropiusstadt zu.

amerika Noch heute habe ich zu einigen Familien von damals Kontakt. Obwohl mein Vater viele Jahre erfolgreich als Zahntechniker in Berlin gearbeitet hat, hatten meine Eltern jedoch stets den Wunsch, in die USA auszuwandern. Dort haben wir eine Menge Verwandtschaft. Außerdem waren meine Großeltern väterlicherseits dorthin gegangen. Sie wären niemals nach Deutschland gekommen. Sie hatten Ressentiments wegen der Vergangenheit.

Als ich in der elften Klasse war, zogen wir also weiter, diesmal in Richtung Amerika. Schon wieder ein Umzug, dachte ich damals. Mein kleiner Bruder war gerade in Berlin zur Welt gekommen, aufgewachsen ist er dann in Amerika. In Boston begann ich, Zahnmedizin zu studieren. Das war mir durch meinen Vater ja praktisch in die Wiege gelegt worden.

Nach dem Studium zog es mich wieder nach Israel. Ich weiß gar nicht so genau, warum. Ich war jung und reiselustig. Und wie es dann mitunter so ist im Leben, lernte ich in Israel jemanden kennen. Mein damaliger Freund kam aus Argentinien. Da es mit der Existenzgründung in Israel für mich nicht wirklich geklappt hatte, zog es uns in die Bundesrepublik. Hier haben wir geheiratet. 1994 kam unsere Tochter zur Welt. Fünf Jahre später ließen wir uns scheiden, mein Ex‐Mann zog später zurück nach Argentinien. Ich habe heute nur noch wenig Kontakt zu ihm.

mischmasch Es ist schon lustig, wie klein die Welt ist und welche Bedeutung das Reisen in meinem Leben gespielt hat. Das Hin und Her hat mich auch sprachlich geprägt. Ich spreche heute fließend Russisch, Deutsch und Englisch. Hebräisch und Spanisch sind akzeptabel. Zu Hause mit meinen Eltern habe ich immer Russisch gesprochen, mit meinem Bruder, der auch wieder in Berlin lebt, spreche ich Englisch. Mit meiner Tochter spreche ich Deutsch. Dieser sprachliche Mischmasch reflektiert meinen Lebensweg ganz gut.

In Berlin bin ich sesshaft geworden. Meine Eltern sind später auch wieder zurückgekommen. 1997 habe ich meine Zahnarztpraxis in Wilmersdorf eröffnet. In diesem Jahr feiere ich mein 20‐jähriges Jubiläum. Meine Praxis hat es sogar schon ins Fernsehen geschafft, genauer gesagt, meine Mundgeruchssprechstunde. Vor ein paar Jahren hatte ich die Idee, eine Sprechstunde speziell für Patienten mit Mundgeruch einzuführen. Das Thema Mundgeruch ist ein Tabuthema, und ich wollte den Betroffenen Hilfestellung geben. Schon mit einfachsten Mitteln kann Mundgeruch nämlich in den meisten Fällen besiegt werden.

Es ist schon komisch. Da macht man jahrelang gute Zahnmedizin, und bei diesem Thema bekommt man mediale Aufmerksamkeit. Die Patienten kommen heute aus der ganzen Bundesrepublik in meine Sprechstunde. Sie alle sind sehr dankbar. Die spannendste Erfahrung war sicherlich der Scheich, der zusammen mit seiner Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu mir kam. Keine Ahnung, wie der auf mich gekommen ist. Die Sprechstunde ist zum Selbstläufer geworden.

praxis Ich wohne sehr gerne in Berlin. Die Stadt ist heute nicht mit dem West‐Berlin zu vergleichen, in das wir damals gekommen sind. Berlin hat sich gewandelt und ist heute viel größer, internationaler und offener als in den 70er‐Jahren. Ich finde es schön, viele verschiedene Sprachen auf der Straße zu hören. Meine Patienten sind sehr international. Neben Deutschen kommen viele Israelis und Amerikaner in meine Praxis.

Ich würde sagen, obwohl Berlin nicht meine Heimat ist, ist die Stadt etwas unglaublich Stabiles und Konstantes in meinem Leben. Hier möchte ich leben und alt werden, aber die gegenwärtige politische Situation regt mich doch zum Nachdenken an. Auch darüber, ob ich Berlin und Deutschland doch irgendwann in der Zukunft verlassen werde. Nicht, weil ich das möchte, sondern weil ich Angst habe, dass ich mein Jüdischsein nicht mehr so ausleben kann, wie ich es möchte. Und das hat nichts mit der Vergangenheit zu tun.

Dass jüdisches Leben in Deutschland ohne Referenz auf die Schoa nicht auskommt, ist klar. Aber das ist nicht das Problem. Was mir Sorgen bereitet, ist der Antisemitismus islamischer Prägung, der mit den vielen Tausend Migranten aus arabischen Ländern zu uns nach Deutschland kommt. Viele dieser Menschen stammen einfach aus Kulturen, in denen der Hass auf die Juden und Israel zum Mainstream gehört. Sie bringen ihre Vorurteile mit. Sich in gewissen Berliner Stadtteilen mit der Kippa oder Davidstern als Jude öffentlich zu zeigen, finde ich schwierig. Meine Tochter geht damit unbefangener um, sie will sich nicht verstecken.

Ich möchte meine Religion auch frei leben können, aber vor der Gewalttätigkeit des Antisemitismus fürchte ich mich. Ich finde, dass man diese Missstände frei und offen diskutieren muss. Für viele Deutsche ist das schwierig. Irgendwie scheinen sie aufgrund der Vergangenheit ein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist doch aber überhaupt nicht sinnvoll. Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Vor diesem Hintergrund, das möchte ich klar sagen, bin ich froh, dass es Israel gibt. Wenn es hart auf hart kommt, kann ich immer dorthin gehen, und ich werde in Sicherheit sein.

tradition Ich fühle mich sehr verbunden mit dem jüdischen Staat und den Israelis. Wir Juden haben diese gewissen Antennen. Wir merken, wenn es brenzlig wird. Ich würde mich durchaus als politischen Menschen beschreiben. Politische Entscheidungen betreffen immerhin ganz konkret unser persönliches Leben.
Ich gehe regelmäßig in den Gottesdienst, am liebsten in die Synagoge in der Pestalozzistraße. Mir gefällt das Ambiente dort. Mein Elternhaus war absolut säkular. Zu Hause gab es sogar Schweinefleisch. Als besonders religiös würde ich mich nicht bezeichnen, aber die jüdischen Traditionen sind mir sehr wichtig. Mit meiner Tochter begehe ich die Feiertage.

Meine Tochter ist wahrscheinlich viel jüdischer als ich. Sie war im jüdischen Kindergarten, in der jüdischen Grundschule und auf dem jüdischen Gymnasium und engagiert sich in vielen jüdischen Organisationen. Jetzt ist sie sogar Präsidentin der Jüdischen Studierenden Union Deutschland. Ihr die jüdische Kultur und Tradition mit auf den Weg zu geben, war mir in der Erziehung sehr wichtig. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass meine Tochter ihr Studium der Politik abschließt und jüdisch heiratet. Natürlich ist es letztlich sie, die ihren Partner bestimmt, aber sie würde mich sehr glücklich machen, wenn ihr Mann auch jüdisch wäre.

Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich mehr Zeit für mich habe. Die Arbeit in der Praxis ist toll, insbesondere wegen der spannenden Begegnungen mit Patienten, die ich fast täglich habe. Tiefe Freundschaften haben sich daraus schon entwickelt. Mit über 50 macht man sich schon Gedanken, was man mit seiner restlichen Zeit noch so alles anfangen möchte. Mehr Zeit für Reisen zu haben, wäre großartig. Ich fahre liebend gerne an die Ostsee. Dort kann ich einfach die Seele baumeln lassen.

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