Urlaubslektüre

Pack die Lesebücher ein

Endlich Zeit zum Lesen: Jeder bevorzugt dazu eine andere Lage. Foto: Fotolia

Endlich die Seele baumeln lassen – für die meisten Menschen gehört zu einem erholsamen Urlaub, genug Zeit zum Lesen zu haben und ungestört so lange schmökern zu können, wie man gerade Lust hat. Die Jüdische Allgemeine hat sich nach heißen Literaturtipps umgehört.

»Die Lektüre ist schon eingepackt«, freut sich Esther Hass auf ihren Sommerurlaub auf der Nordseeinsel Büsum. Die jüdische Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras erzählt in Titos Brille wie schon im Titel angegeben, Die Geschichte meiner strapazösen Familie. Der Roman sei ihr empfohlen worden, und nun könne sie es kaum abwarten, es anzufangen, sagt das Vorstandsmitglied aus Kassel.

Ein Buch reiche aber »ganz bestimmt nicht«, sagt Hass, deswegen habe sie sich noch Lektüre zum Thema Israel und Wasser bestellt, die ihr dann an die Urlaubsadresse geliefert wird. »In meinen Lehrhausveranstaltungen werden wir das Thema Wasser und die sieben Früchte des Landes behandeln.«

Ruhe Die Ferien seien für sie die Zeit, in der sie »Ruhe zum Denken« habe, und endlich auch ungestört zum Lesen komme, seufzt Esther Hass. »Natürlich reichen zwei Bücher nicht, ich werde dann vor Ort noch Lektüre kaufen.« Die klassische Standkorbeserin sei sie allerdings nicht, »wir werden uns zwar zu mehreren einen mieten, aber nur dazusitzen ist nichts für mich. Ich muss zwischendurch immer herumrennen, also durchs Watt laufen, baden, Rad fahren – und mit dem Krabbenkutter fahren, obwohl ich die Meeresfrüchte dann anschließend natürlich nicht esse, weil sie nicht koscher sind.«

»Ein ganz tolles Buch«, bestätigt auch Simone Graumann das Urteil zu Titos Brille. Die Vizepräsidentin von WIZO Deutschland, beim Basar in Frankfurt für den Bücherstand zuständig, informiert sich das ganze Jahr über Neuerscheinungen. Da sie außerdem »nur ganz selten Fernsehen« schaue, »bleibt dann genug Zeit zum Lesen«. Gerade hat sie ein Buch entdeckt und verschlungen, von dem sie »rundum begeistert« war: Die unsichtbare Brücke von Julie Orringer, die Geschichte einer jüdisch-ungarischen Familie vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs.

Orringer, die derzeit an einem Buch über den amerikanischen Journalisten Varian Fry schreibt, der maßgeblich an der Rettung vieler 1940 in Frankreich gestrandeter Juden wie Hannah Arendt und Heinrich Mann beteiligt war, hatte bereits einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. »Aber die sind kein Vergleich zu dem Roman«, sagt Simone Graumann.

Gerade mal vier Tage habe sie für die Lektüre des 800 Seiten starken Buchs gebraucht, »ich konnte gar nicht aufhören«, sagt Graumann lachend. »Und am Ende war ich ein wenig traurig, als ich es fertig gelesen hatte. So sehr hat mich die Lektüre begeistert.« Viel gelernt habe sie über jüdisches Leben in Ungarn, »wenn man im Urlaubsgepäck Platz für ein derartig dickes Buch hat, dann sollte man Die unsichtbare Brücke unbedingt mitnehmen«. Graumann wird ihre Ferien »in den Bergen verbringen, wenn das Wetter schlecht ist, dann bleibt viel Zeit zum Lesen.«

Kinderklassiker Und hat gleich auch noch Tipps für kleine Leseratten: »Für kleine Kinder würde ich Die kleine Raupe Nimmersatt empfehlen. Dieses Bilderbuch bleibt wohl immer aktuell. Und für ältere Kinder und Jugendliche die zeitlosen Klassiker von Miriam Pressler.«

Rabbinerin Alina Treiger hat einen ganz besonderen Lesetipp: Hirtenstab und Lanze, ein gerade erschienener historischer Roman um die biblische Figur des Kains und erster Teil einer geplanten Trilogie.

»Die Autorin Christine Metzen-Krabbe ist nicht Mitglied, aber sie gehört zum Freundeskreis unserer Oldenburger Gemeinde und hat uns auch oft besucht, um für ihr Buch zu recherchieren«, erzählt die Rabbinerin. Um den Lesern die Lebensverhältnisse ihrer Figuren näherzubringen, »wollte sie eben wissen, wie die rabbinische Sicht ist, sie wollte mehr über unsere jüdischen Traditionen und das jüdische Recht erfahren, um dadurch das Leben ihrer Protagonisten realistisch schildern zu können.«

Premiere Für Alina Treiger gibt es in diesem Jahr eine Urlaubspremiere. »Ich habe zum ersten Mal seit vielen Jahren Ferien«, sagt sie und kann sich nicht mehr so richtig daran erinnern, wann sie zum letzten Mal eine richtige Auszeit hatte. »Das muss wohl in meiner Kindheit gewesen sein, mit den Eltern bin ich natürlich im Sommer weggefahren.« Später arbeitete sie dann als Madricha in Ferienlagern. »Das war dann allerdings keine reine Erholung, sondern eine sehr aktive Zeit, und gearbeitet habe ich nebenher ja auch immer.«

Während des Studiums am Abraham- Geiger-Kolleg war Urlaub für Treiger kein Thema. »Es gab so viel zu tun, und gleich nach der Ordinierung trat ich dann die Stelle als Rabbinerin in Oldenburg an.«

Nun stehen aber bald drei Wochen Ferien auf dem Programm. Eine Woche lang wird Treiger in der Ukraine sein, wohin sie allerdings von einem ARD-Team begleitet wird. Geplant ist, in einem Dokumentarfilm »die Verbindung zwischen Ost- und Westeuropa zu zeigen, ich bin aber nicht der Mittelpunkt, sondern nur ein Beispiel«, sagt die Rabbinerin bescheiden. Und die restlichen zwei Wochen wird Treiger in Oldenburg verbringen: »Und dann werde ich mir sicher auch Zeit für mich nehmen und lesen. Mein Mann ist gerade in Israel, er wird mir eine Menge Bücher mitbringen.«

Michaela Jacobsohn von der JOFI, der »Jüdischen Offenbacher Frauen Initiative« fährt in diesem Jahr »zum ersten Mal in den Norden, ich bin schon sehr gespannt.« Normalerweise nehme sie nicht viel Lektüre mit in die Ferien, »sondern ich kaufe, wo ich kann, Bücher und vor allem Zeitschriften.

Auch in Ländern, deren Sprache man eigentlich nicht versteht, wird man fündig, beispielsweise konnte ich an der Costa Blanca immer die Zeitung für die dortige britische Gemeinde lesen. Da kann man dann »Insiderwissen« über die Region bekommen und umso besser davon träumen, wie es wäre, für immer dort zu bleiben.«

Wälzer Ihre Büchervorliebe gelte englischsprachigen Büchern, besonders aus Indien, sagt Jacobsohn. »Ich mag die vielschichtige, mehrsträngige Handlung, die gleichzeitig mit Geduld und erzählerischem Tempo entwickelt wird« – und empfiehlt Der Pate von Bombay von Vikram Chandra.

1.300 Seiten ist das Buch dick, »und auf jeden Fall etwas für Leute, die gerne auch mal auf Hindi fluchen wollen, denn es hat ein ausführliches und spannendes Glossar«, erklärt Jacobsohn schmunzelnd. Anhand einer Kriminalgeschichte werde man durch das moderne Bombay geführt, »mit all seinen Figuren: Filmstars, Verbrechern, Yogis, korrupten und ehrlichen Polizisten, Müttern und Vätern, Sikhs, Hindus und Moslems.«

Sie lese übrigens nicht nur im Urlaub, betont sie, sondern »ständig und ich würde gern noch mehr lesen, aber Probleme mit den Augen zwingen mich dazu, mich auf das zu konzentrieren, was ich wirklich interessant finde.«

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