Lesung

Notizen von daheim

Moderatorin Tatjana Ivanizky (4.v.l.) mit den Künstlern im Gemeindezentrum am Jakobsplatz Foto: Marina Maisel

Im Jahr 1991 beschlossen alle 16 Ministerpräsidenten Deutschlands, eine Grundlage für die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zu schaffen. Der amtliche Begriff für diese Menschen: »Kontingentflüchtlinge«. Mehr als 200.000 jüdische Zuwanderer haben seitdem eine neue Heimat in der Bundesrepublik gefunden, rund 10.000 von ihnen in München. »Russische Juden« oder »Russen mit jüdischen Vorfahren« werden sie oft genannt.

Wer genau aber sind diese Menschen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind? Und wie denken sie selbst über ihre Migrationsgeschichte? Diese Fragen waren unter anderem Thema einer Veranstaltung, zu der das IKG-Kulturzentrum und das Jüdische Museum jüngst fünf Schriftsteller eingeladen hatten. Sie fand statt zum Ende der Ausstellung Juden 45/90. Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion im Jüdischen Museum.

Bildung Was bereits in der Ausstellung beleuchtet wurde, wird auch beim Blick in das Publikum im Hubert-Burda-Saal noch einmal deutlich: Die Zuwanderer sind hauptsächlich Akademiker, zumeist Ingenieure, Ärzte und Musiker. Für die meisten von ihnen hat Bildung einen enorm hohen Stellenwert. Und auch die eingeladenen Autoren sind nicht nur Schriftsteller, sondern Wissenschaftler, Journalisten und Künstler. Die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte.

Durch die musikalisch-literarische Reise führte die Moderatorin Tatjana Ivanizky, die selbst als »Kontingentflüchtling« nach Deutschland kam, heute in München Jura studiert und in beiden Sprachen gleichermaßen zu Hause ist. Auch Vladimir Gaba, Leonid Peysakh und Vladislav Dorochov, die den Abend musikalisch begleiteten, sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Genauso wie die Hauptakteure des Abends: die Schriftsteller Wladimir Abramson, Alexander Kostinskij, Pavel Sirkes, Vladimir Vertlib und Ludmila Ageeva.

Abramson, Sirkes und Ageeva trugen ihre Texte auf Russisch vor, Kostinskij und Vertlib lasen auf Deutsch. Übersetzungen in die jeweils andere Sprache wurden verteilt – so konnte jeder Zuhörer den Texten folgen. Auch die Moderation, die Ivanizky verfasst und übersetzt hatte, wurde auf Russisch auf eine Leinwand projiziert. Die Idee: eine zweisprachige Veranstaltung, die ihren Teil dazu beiträgt, dass die hier lebenden Zuwanderer ein Stück besser verstanden werden können.

Erinnerungen Die Schriftstellerin und promovierte Physikerin Ludmila Ageeva lebt seit 1997 in München. Ihre Bücher erscheinen auf Deutsch, Italienisch und Holländisch. In Endstation Samarkand, aus dem Ageeva vorlas, erzählt die 1939 geborene Autorin von ihren Erinnerungen an die Evakuierung aus der Ukraine nach Usbekistan. Ein Schicksal, das viele jüdische Emigranten ihrer Generation, von denen auch einige im Saal saßen, ähnlich erlebt haben und das sie bis heute prägt.

Ganz anders nähert sich der Journalist und Schriftsteller Wladimir Abramson dem Thema Zuwanderung. Mit feiner Ironie beschreibt er in Notizen eines Ganoven einen kriminellen Russen, der in der Hoffnung auf eine erfolgreiche Asylbewerbung nach Deutschland flüchtet. Die Texte des 71-Jährigen fanden großes Gefallen, kein Wunder: Sie werden weltweit gelesen und regelmäßig in Zeitschriften gedruckt.

Alexander Kostinskij, der 1946 in Kiew geboren wurde, hat sich als Schriftsteller, Illustrator und Märchenerzähler einen Namen gemacht. Er setzte bei der Lesung in der IKG seinen osteuropäischen Akzent bewusst ein, als er etwa die teils melancholische, teils heitere Geschichte der Grünen Katze auf Deutsch – und ohne ins Manuskript zu schauen – vortrug.

Dem 80-jährigen Pawel Sirkes geht es hingegen um die Verarbeitung seiner Biografie, die zugleich die Geschichte des Landes und seiner Landsleute abbildet. Der mehrfach preisgekrönte Drehbuchautor, Dokumentarfilmer und Schriftsteller erinnerte sich in einem Abschnitt aus seinem Roman Wie eine bittre Pomeranze ... daran, wie er 1942 seinen Vater im Krieg verlor – und konnte nur mit kaum zurückgehaltenen Tränen vorlesen, wie er als Mann am mutmaßlichen Grab seines Vaters eine Tafel angebracht hatte: »Oh, wie hat dem Jungen – und noch mehr dem Erwachsenen – der Vater gefehlt!«

Familiengeschichte Die Texte des Autors Vladimir Vertlib sind nicht osteuropäisch, sondern österreichisch geprägt. Der 1966 in Leningrad geborene Vertlib emigrierte früh mit seinen Eltern aus der Sowjetunion und landete nach Stationen in Israel, Holland, Italien und USA in Wien. Seine persönliche Familiengeschichte bildet die Quelle für Vertlibs Romane Zwischenstationen und Schimons Schweigen, aus denen er Passagen vorlas.

Zum Abschluss tauschte sich Ellen Presser mit Vertlib über Sprache im Exil aus und darüber, warum bestimmte Themen immer wieder in den Werken russischsprachiger Autoren auftauchen: Vergangenheit, das sowjetische Regime, die Nazizeit und der Große Vaterländische Krieg. Für den Autor ist es die wechselvolle Geschichte der europäischen Juden, die sich als Leitmotiv in allen Werken finde und als solches sicher weiter bestehen werde – nur die Perspektiven würden sich ändern, so Vertlib.

Ellen Presser wünschte den Literaten zum Abschluss einen Mentor, einen guten Übersetzer, einen mutigen Verleger oder einen engagierten Kollegen, damit der eine oder andere in der deutschsprachigen Welt seinen Platz finden möge. »Dazu«, sagte Presser, »haben wir mit dem heutigen Abend versucht, ein Stück beizutragen«.

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