Migration

Neustart in »Germanija«

Russisch-jüdische Zuwanderer kurz nach ihrer Ankunft in Köln im Juni 1996 vor dem städtischen Wohnungsamt Foto: Herby Sachs / version

Ihr Ziel war das Land, von dem der Holocaust ausging: Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion begann genau vor 30 Jahren die Zuwanderung von Juden nach Deutschland. Der riesige Staat im Osten löste sich nach Michail Gorbatschows Reformen von Glasnost und Perestroika Mitte der 1980er-Jahre zunehmend auf.

Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage dort wurde immer unsicherer – und für Juden, die Antisemitismus ausgesetzt waren und Pogrome befürchteten, äußerst gefährlich.

JAHRESTAG Vor 30 Jahren, am 9. Januar 1991, beschlossen die Ministerpräsidenten eine Regelung zur Aufnahme von Juden aus der früheren Sowjetunion. Die rund 220.000 Juden, die seitdem nach Deutschland kamen, veränderten das jüdische Leben hierzulande einschneidend: Durch ihren Zuzug wurden in manchen Städten erst jüdische Gemeinden gegründet. Zugleich mussten die Neuankömmlinge, die ihr Jüdischsein bis dahin mitunter ganz anders als die bereits hier wohnenden Juden gelebt beziehungsweise nicht gelebt hatten, von den Gemeinden integriert werden.

Mit Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz von 1991 wurde die Aufnahme geregelt, die bis Ende 2004 Bestand hatte und ab 2005 vom neuen Zuwanderungsgesetz abgelöst wurde.

Doch bereits vor der deutschen Wiedervereinigung hatten sich Juden auf den Weg nach Westen gemacht, vor allem in die DDR. Dass sie dem »großen Bruder« den Rücken kehrten und in ein anderes sozialistisches Land gingen, war aus damaliger politischer Sicht nicht gerade unproblematisch und verlangte nach Diplomatie. Am 11. Juli 1990 beschloss der Ministerrat der DDR, dass Juden aus der Sowjetunion die Einreise und der ständige Aufenthalt gewährt würden.

ZENTRALRAT Diese Regelung wurde jedoch nicht in den deutschen Einigungsvertrag übernommen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland erinnert daran, dass »dieses ungeregelte Flüchtlingsproblem« auf Bitten des damaligen Zentralratspräsidenten Heinz Galinski an die Innenministerkonferenz verwiesen wurde. Mit Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz von 1991 wurde dann die Aufnahme geregelt, die bis Ende 2004 Bestand hatte und ab 2005 vom neuen Zuwanderungsgesetz abgelöst wurde. Bis dahin galten jüdische Zuwanderer als »Kontingentflüchtlinge«.

Es war ein großer Fehler der Politiker: Hochgebildete Akademiker, die nach Deutschland kamen, war es meist nicht möglich, in ihren Berufen zu arbeiten.

Der Anfang im fremden Land gestaltete sich freilich nicht einfach. So war es beispielsweise hochgebildeten Akademikern meist nicht möglich, in ihren Berufen zu arbeiten. Viele hatten jüdische Religion und Tradition im gesellschaftlichen Klima ihrer Heimat nicht praktiziert. Und es sorgte mitunter auch für Konflikte in Gemeinden, wenn Zuwanderer lediglich einen jüdischen Vater hatten.

Die Öffnung Deutschlands für die jüdischen Kontingentflüchtlinge sei für die Gemeinden und das Land ein »großer Gewinn« gewesen, bilanziert Zentralratspräsident Josef Schuster. »Zunächst haben wir die Menschen an die Hand genommen und ihnen gezeigt, was jüdische Religion bedeutet, denn die meisten von ihnen konnten in ihren Herkunftsländern die Religion nicht praktizieren.«

Für die Gemeinden sei dieser Prozess nicht einfach, aber letztlich ein »Segen« gewesen, betont Schuster. »Integration bedarf mindestens einer Generation, und das sehen wir auch. Die Kinder der Zuwanderer sind völlig integriert.«

»Für die Gemeinden war der Prozess nicht nur einfach, aber letztlich ein Segen.«

Zentralratspräsident Josef Schuster

Laut Zentralrat fand mehr als die Hälfte der Zuwanderer den Weg in die Gemeinden, deren Mitgliederzahlen dadurch teilweise um fast 90 Prozent gestiegen seien. Zuwanderer oder deren Nachkommen engagieren sich in den Gemeinden und sind mittlerweile dort auch in hohen Positionen vertreten. Außerhalb des Gemeindelebens haben sich viele einen Namen auch im gesellschaftspolitischen und kulturellen Bereich in Deutschland gemacht.

ALTERSARMUT Mit zunehmendem Alter der Menschen wird ein Problem offenbar: die Altersarmut. Anders als Spätaussiedler können jüdische Zuwanderer ihre in den Herkunftsländern geleisteten Berufsjahre für die Rente nicht anrechnen lassen.

Um das zu ändern, liegen Vorschläge unter anderen von einer Initiative auf dem Tisch: die Gleichstellung von jüdischen Kontingentflüchtlingen und Spätaussiedlern im Rentenrecht sowie ein Härtefall-Fonds. Im Dezember vergangenen Jahres hatten die Länder Bremen, Hamburg und Thüringen einen Antrag zur Verbesserung der Rentensituation für jüdische Zuwanderer dem Bundesrat vorgelegt.

Ehrung

Ein pflichtbewusster Optimist

Fritz Neuland war einer der Wiederbegründer und später Präsident der Münchner Kultusgemeinde. Nun ist eine Straße nach ihm benannt

von Esther Martel  16.03.2026

Auftakt

Schutzversprechen für die jüdische Gemeinschaft

Im Alten Rathaus am Marienplatz begann die Münchner »Woche der Brüderlichkeit« 2026

 16.03.2026

Dresden

Stimme der Aufklärung

Die 90-jährige Schoa-Überlebende Renate Aris erhält für ihr Engagement als Zeitzeugin das Bundesverdienstkreuz

 15.03.2026

Berlin

Signale am Gleis 17

Aktivisten möchten aus dem ehemaligen Bahnwärterhaus eine Info-Werkstatt zur Schoa machen

von Christine Schmitt  15.03.2026

Porträt

Im Einsatz für andere

Jutta Josepovici arbeitete für die ZWST und die Frankfurter Jüdische Gemeinde

von Eugen El  15.03.2026

Leipzig

In sichere Hände

Die Israelitische Religionsgemeinde bekommt eine hebräische Bibel von 1906 geschenkt

von Thyra Veyder-Malberg  14.03.2026

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026