Statistik

Natürlicher Rückgang

In der Altersstruktur unterscheiden sich die Gemeinden wenig – die mitgliederstärksten sind Berlin, München, Düsseldorf und Frankfurt. Foto: ZWST

Zahlen und Statistiken sind nicht jedermanns Sache. Es lohnt sich dennoch, einen Blick auf die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) herausgegebene Tabelle für das Jahr 2016 zu werfen. Sie verzeichnet 1101 Mitglieder weniger als im Jahr zuvor.

Hauptgrund der sinkenden Mitgliederzahlen ist die Sterberate. 1498 Todesfällen stehen gerade einmal 265 Geburten gegenüber. Die Zahl sollte nicht überraschen, sind doch 47 Prozent aller erfassten Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre. Weitere 13 Prozent sind zwischen 51 und 60 Jahre alt, die 19‐ bis 40‐Jährigen machen gerade einmal 20 Prozent aus. Zudem gibt es bei der jüngeren Generation, also bei den unter 30‐Jährigen, einen leichten Männerüberschuss. Ab dem 30. Lebensjahr sind Frauen in der Mehrheit, ganz deutlich wird diese Tendenz bei den über 60‐Jährigen.

Die mitgliederstärksten Gemeinden sind nach wie vor Berlin mit 9735, München mit 9485, Düsseldorf mit 6713 und Frankfurt mit 6503 Mitgliedern. Die meisten Juden leben im Großraum zwischen Rhein und Weser. Zusammengerechnet hatten die Gemeinden der Landesverbände Nordrhein, Westfalen‐Lippe und die Gemeinde Köln am Ende des Jahres 2016 insgesamt 26.477 Mitglieder.

geburtenrate Die Zuwanderung der sogenannten Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion hatte den jüdischen Gemeinden mit Beginn der 90er‐Jahre generell zum Aufschwung verholfen. Viele Gemeinden, die heute unter den 24 Posten (Großgemeinden und Landesverbände) aufgelistet sind, gab es 1994 noch gar nicht.
Ob Stadt oder Land, in der Altersstruktur unterscheiden sich die Gemeinden wenig.

In der Regel sind sie überaltert. Die jüngste Gemeinde ist Bremen. In der Hansestadt sind rund 63 Prozent der Mitglieder jünger als 30 Jahre und nur knapp 13 Prozent älter als 61. Gleichzeitig hat die Bremer Gemeinde mit 3,3 Prozent die höchste Sterberate. Mit 0,1 Prozent liegt sie leicht unter dem Durchschnitt der Geburtenrate von 0,22 Prozent.

Die Sterberate liegt in den Gemeinden durchschnittlich bei 1,65 Prozent. Dennoch ist die Geburtenrate in den vergangenen Jahren mit leichten Schwankungen leicht gestiegen. Es sind aber auch immer mehr Menschen gestorben.

Mecklenburg‐Vorpommern, Potsdam, der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig‐Holstein, in dem vor allem liberale Gemeinden zusammengeschlossen sind, und die Landesgemeinde Thüringen in Erfurt hatten im Vorjahr keine Geburt zu verzeichnen.

Während in Frankfurt 25, in Berlin 19 und in Hamburg elf Personen zum Judentum übergetreten sind – Baden und Bayern verzeichnen je sieben, andere Gemeinde je zwei oder drei Übertritte –, hat in Brandenburg, Mecklenburg‐Vorpommern, Potsdam, Rheinland‐Pfalz, Saar, Sachsen‐Anhalt, im Landesverband Jüdische Gemeinschaft Schleswig‐Holstein (vorwiegend orthodox), Thüringen und Württemberg niemand den Giur auf sich genommen.

zuwachs Rechnet man Geburten und Übertritte nicht mit, hatten Berlin, der Landesverband Nordrhein, Brandenburg und Bayern die meisten Zuwächse. Am meisten profitiert vom Wohnungswechsel in eine andere Gemeinde hat Nordrhein mit 72 Neuzugängen. Es folgt Bayern mit 60 neuen Mitgliedern aus anderen Gemeinden. Frankfurt hat 46 und der Landesverband Westfalen 41 Mitglieder hinzugewonnen.

Die meisten Mitglieder an andere Gemeinden verloren haben mit 118 Berlin, 55 Hessen, 54 Frankfurt und 42 Westfalen. In der Bilanz zum Vorjahr sind nur Brandenburg (plus 130) und Hamburg (plus 2) gewachsen.

Zuwachs bekommen die Gemeinden heute aus dem Ausland, durch Übertritte sowie durch Umzug. Die meisten Zugänge aus dem Ausland hat mit 215 Berlin. Frankfurt verzeichnet 53 mehr Mitglieder, die aus dem Ausland in die Bankenmetropole kamen. 2006 erreichte die Mitgliederzahl in ganz Deutschland einen Höchststand mit 107.794. Nach der Neuordnung des Kontingentflüchtlingsgesetzes Ende 2006 sank die Zahl Jahr für Jahr fast kontinuierlich.

Dennoch sind aus den ehemaligen Sowjetstaaten auch 2016 Gemeindemitglieder hinzugekommen. Mit 62 Neumitgliedern aus den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion hat der Landesverband Bayern die höchste Zahl zu verbuchen, ihm folgen der Landesverband Nordrhein mit 55 und die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden mit 33 Neumitgliedern.

trend Dem generellen Trend, heute deutlich mehr Gemeindemitglieder zu haben als 1989, folgt einzig die Stadt Offenbach nicht. Hier lebten vor 28 Jahren 829 Juden, 2016 sind 762 verzeichnet.

Den höchsten Zugewinn in Sachsen hat die größte Gemeinde, Leipzig. Sie zählt heute 1243 Mitglieder gegenüber 94 im Jahr 1994 und hat mehr als 13‐mal so viele Mitglieder wie damals. Chemnitz hat heute mehr als die zehnfache Mitgliederzahl wie vor 22 Jahren, und Dresden hat sich mehr als verachtfacht. Überraschenderweise sind nicht nur im Osten Deutschlands Gemeinden entstanden und haben sich etabliert. Die Ruhrgebietsgemeinde Recklinghausen zum Beispiel hatte 1989 null Mitglieder und verzeichnet heute 568.

»Die demografische Entwicklung ist und bleibt eine zentrale Herausforderung für die jüdische Gemeinschaft«, bewertet Aron Schuster, stellvertretender ZWST‐Direktor, die aktuelle Mitgliederstatistik. Einer der Arbeitsschwerpunkte werde daher auch zukünftig »die Organisation von attraktiven und zielgerechten Angeboten für die älteren Gemeindemitglieder beziehungsweise die Unterstützung der Seniorenarbeit in den Gemeinden« sein.

Gleichzeitig gebühre vielen Älteren großer Dank für ihr breites ehrenamtliches Engagement in den Seniorenklubs, Treffpunkten für Holocaustüberlebende, Bikkur‐Cholim‐Gruppen und vielen anderen Gemeindeeinrichtungen. Sie seien »eine unentbehrliche Säule in der jüdischen Gemeindelandschaft«, betonte Schuster.

dach Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels appellierte der stellvertrende ZWST‐Direktor an die Gemeindevorstände und Führungskräfte, »allen Gemeindemitgliedern das Dach einer Einheitsgemeinde zu bieten, die für alle Strömungen Platz hat«. Das bedeute auch, so Schuster, »Synergien zu finden und vorhandene Potenziale in Zeiten knapper Ressourcen gemeinsam besser zu nutzen – gerade auch aufgrund der aktuellen Anforderungen an eine Seniorenarbeit, die der Überalterung Rechnung trägt, und an eine aktive Jugendarbeit mit Blick auf Zukunftsperspektiven«.

Insbesondere in der Jugendarbeit sieht Schuster dabei eine Schlüsselrolle. »Hier bekommen die Nachwuchsförderung und attraktive Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene ein immer stärkeres Gewicht – sie bilden die Zukunft einer stabilen und innovativen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland«, sagte Schuster.

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