Kammerkonzert

Musikalische Begegnung

Deutsche und Israelis treffen sich zum gemeinsamen Auftritt

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  16.08.2010 19:15 Uhr

Young Euro Classics: zwölf Stunden proben für den großen Moment Foto: Mike Minehan

Deutsche und Israelis treffen sich zum gemeinsamen Auftritt

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  16.08.2010 19:15 Uhr

Shiri Tintpulver wirbelt summend durch die breiten Gänge der Universität der Künste. Die 16‐jährige Cellistin aus Tel Aviv ist eines von 23 Ensemblemitgliedern des zehntägigen Kammermusik‐Projekts »Musikalische Begegnung Israel‐Deutschland. Schalom Berlin«, einer Ko‐Produktion des Berliner Julius‐Stern‐Instituts und des Jerusalem Music Centres im Rahmen der Young Euro Classics. Eine zweistündige Probe zu Mahlers Klavierquartett a‐Moll liegt hinter Shiri, in zehn Minuten geht es mit Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 3 G‐Dur weiter. Genug Zeit, um sich mit einem Glas Wasser und einem Schokoriegel zu stärken, ihren Freunden in den anderen Proberäumen zuzuwinken und von den letzten gemeinsamen Tagen zu schwärmen. Die fasst sie in einem Wort zusammen – »Kef«, was auf Hebräisch so viel wie »Spaß« bedeutet.

Musikleidenschaft Dass jemand zwölf Stunden Proben am Tag als Spaß bezeichnet, kann sich Anita Rennert, Leiterin des Berliner Julius‐Stern‐Instituts, nur mit der enormen Leidenschaft für Musik erklären. »Das Orchester hat sich über die Musik gefunden. Musik ist der Türöffner. Das Interesse füreinander erwächst aus diesem Schlüsselerlebnis.« Shiri Tintpulver kommt aus einer Musikerfamilie. Für die Tochter der israelischen Pianistin Michal Tal und des Dirigenten Shlomo Tintpulver gehörten Reisen nach Berlin schon früh zum mu‐
sikalischen Ausbildungspr0gramm. Sie kennt viele israelische Musiker, die inzwischen in Berlin leben. Dass sie wegen der vielen Proben diesmal noch nichts von der »coolen Stadt« gesehen hat, nimmt sie gelassen. Schließlich sei sie wegen der Musik hier, meint die 16‐Jährige. »Und natürlich, um andere Musiker kennenzulernen«, fügt sie nach kurzem Überlegen hinzu. Sogar ein bisschen Hebräisch habe sie ihren neuen Freundinnen schon beigebracht.

Vor rund einer Woche kannte Shiri ihre gleichaltrigen deutschen Musikerkollegen Louise, Julia und Nadja noch nicht, heute sind sie dicke Freundinnen. Dank der Musik und der Initiative des Dirigenten Zvi Carmeli, der seit vier Jahren gleichzeitig am Berliner Julius‐Stern‐Institut und am Jerusalemer Music Centre unterrichtet, treffen sich Jungstudenten beider Einrichtungen für musikalische Hochbegabtenförderung regelmäßig zu Kammermusik‐Workshops, musizieren bis spät in die Nacht und tauschen Erfahrungen aus. »Erinnern ist immer präsent, auch wenn wir inzwischen über andere Themen reden«, sagt Ohad Cohen, der schon zum vierten Mal in Berlin dabei ist und gerade das »Streichsextett« von Cohen‐Weissert probt. Der 19‐jährige Violinist mit der runden Brille und dem ernsten Gesicht hat den Workshop in diesem Jahr als besonders intensiv empfunden, vor allem wegen der vielen Proben. Aber auch wegen der Gespräche mit seinen gleichaltrigen Orchesterkollegen aus Deutschland.

Diskussion »Erst reden wir über Musik. Das liegt auf der Hand. Darüber kommen wir dann beispielsweise auf die Komponisten unseres Programms zu sprechen. So wie auf das Schicksal von Paul Ben‐Haim, der 1933 von Deutschland nach Palästina emigriert ist. Klar, dass wir dann schnell mittendrin sind in einer Diskussion über deutsch‐jüdische Geschichte und Kultur«, erzählt der junge Geiger. Für ihn sind diese Gespräche natürlicher Teil des Austauschs, ebenbürtig neben Konzertproben, Ausflügen und Partys. »Es hat sich einiges verändert, das Deutschlandbild vieler Israelis zum Beispiel. Aber auch die Haltung der Deutschen, das hat nichts mehr von Sühne oder Anbiedern. Wir begegnen uns hier auf Augenhöhe.«

Dass es mittlerweile viele israelische Musiker nach Berlin zieht, wundert Ohad Cohen nicht. Immerhin habe Berlin viel zu bieten – erstklassige Ausbildung, internationales Flair und Hebräisch überall, wo man hinhört. Es sei wie ein »Kibbuz für Musiker«, habe er von seiner israelischen Betreuerin gehört. Dass das Ensemble am Donnerstag im Konzerthaus ein Werk des Jungkomponisten Michael Cohen‐Weissert uraufführt, eines 17‐jährigen israelischen Shooting Stars vom Berliner Julius‐Stern‐Institut, ist da fast schon symbolisch.

Die Atmosphäre dieser deutsch‐israelischen Begegnungen bezeichnet Anita Rennert als »locker und freundschaftlich«. Es habe sie schon ein wenig überrascht, so die Instituts‐Chefin, dass es offenbar »überhaupt keine Berührungsängste« gab. Immerhin haben die Musiker während des viertägigen Workshops auf engstem Raum zusammengelebt. Im 140 Kilometer entfernten mecklenburgischen Plau am See erwies sich die Abgeschiedenheit, anfangs eine Budgetfrage, schnell als Glücksfall, der das Orchester zusammengeschweißt hat, menschlich und musikalisch.

Erfahrungsaustausch »In der Jugendherberge waren nur noch Dreibett‐Zimmer frei. Trotzdem quetschten sich die Jugendlichen abends dort sogar zu acht – mit ihren Instrumenten«, erzählt Anita Rennert lachend. Im Regen spazierten sie ins nahe gelegene Eiscafé oder fuhren Boot auf dem Plauer See, hörten zusammen Musik vom Laptop, und redeten über alles, was Jugendliche im Alter von 16 bis 21 bewegt. Egal, wie lange ihre Schützlinge abends plauderten, morgens zu den Proben kamen alle frisch und energiegeladen. »Das sind musikalische Begegnungen auf ganz hohem Niveau. Warm, inspirierend und familiär. So etwas erlebt man nicht alle Tage«, schwärmt Organisatorin Rennert.

Genau darin sieht ihr Kollege Yoav Pasovsky, Dozent für Komposition am Julius‐Stern‐Institut, die Stärke solcher Projekte. »Erst kommt die Kultur. Alles andere entwickelt sich ganz natürlich daraus, Wettrennen im Regen, Freundschaften fürs Leben und sogar sommerliche Romanzen.« Das sieht Miyuko Wahr genauso. Mit ihren 14 Jahren ist Miyuko die Jüngste im Ensemble. Im Mendelssohn‐Kammerorchester von »Schalom Berlin«, das ein Jugendwerk des Komponisten einstudiert hat, spielt sie die Vierte Geige. »Nur wenn man einander versteht, kann man zusammen Musik machen«, so ihre Erfahrung der letzten Tage. Miyuko ist zum ersten Mal dabei und möchte unbedingt auch einmal nach Israel fahren, jetzt, wo sie »so viele israelische Freunde« hat. Shiri Tintpulver freut sich schon darauf, wenn Miyuko und die anderen sie in Israel besuchen kommen. Da gerät das große Konzert am Donnerstag fast zur Nebensache.

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