Düsseldorf

»Müssen sich Juden verstecken?«

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Jubiläumsjahrs »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« statt. Foto: Landtag NRW/Wilfried Meyer

Was passiert, wenn man sich die Juden wegdenkt?» Alex Schneider und Victor Tabor vom Theater Michoels bringen in ihrem Musikkabarett Die Juden eine Szene, die irgendwo zwischen bitterböse und humoristisch changiert.

Gedanklich erfüllen sie für einen Moment den Traum der Antisemiten: Die Juden sind also weg, das Mittelmeer ist aber noch da. Und jetzt? Ist jetzt Frieden im Nahen Osten? Schneider und Tabor lassen die Frage im Raum stehen und überlegen die Konsequenzen. Welche Erfindungen und kulturellen Errungenschaften würde es dann ohne Juden nicht mehr geben? Ziemlich viele. Das Gedankenexperiment führt sich auf diese Weise selbst ad absurdum. Und so haben die beiden nach kurzer, nachdenklicher Stille die Lacher auf ihrer Seite.

Die Kabarettisten hatten mit ihrer Szene am Montagabend schon tief in eines der Kernthemen der nun folgenden Podiumsdiskussion eingeführt: die Frage nach den Motiven und Widersprüchen von Antisemiten. Überschrieben war die Veranstaltung im Düsseldorfer Landtagsforum mit: «Müssen sich Juden in Deutschland verstecken?» Eingeladen hatten der Landtag Nordrhein-Westfalen und der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS).

PERSPEKTIVEN Die Biografien der Podiumsteilnehmer versprachen unterschiedliche Perspektiven auf das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, Deutschland und Israel. Michael Szentei-Heise, 33 Jahre lang bis 2020 Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, sieht eine starke Zunahme des Antisemitismus in den vergangenen fünf bis sieben Jahren.

«Die sozialen Medien haben Foren geschaffen, wo sich Leute aufschaukeln können», sagt er. Schreiben mit Beschimpfungen, die die Gemeinde noch vor Jahren anonym oder unter falschem Namen erreicht hätten, würden nun mit Klarnamen abgeschickt. Wobei Szentei-Heise auch nicht vergisst, auf die positiven Aspekte hinzuweisen: zum Beispiel auf die große Hilfsbereitschaft von nichtjüdischer Seite gegenüber der Gemeinde, etwa beim Aufbau des Düsseldorfer jüdischen Gymnasiums.

Kritik gab es an der Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt.

«Es wird ungemütlicher», konstatiert die Schauspielerin Sandra Kreisler. Sie sieht einen Teil der Verantwortung bei den Medien und deren Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts. «Darüber wird unfassbar ungerecht und lügenhaft berichtet. Antisemiten ziehen damit Leute auf ihre Seite, die noch kein festes Weltbild haben», sagt Kreisler. Der stärker werdende Antisemitismus sei auch auf Unbildung zurückzuführen – und hier seien die Medien in der Pflicht, gerade auch die öffentlich-rechtlichen. Beim Umgang nichtjüdischer Deutscher mit Jüdinnen und Juden sieht die Schauspielerin eine Diskrepanz, die sie als problematisch bis bedrohlich empfindet: Die in Deutschland lebenden und besonders die toten Juden würden «quasi grundsätzlich heiliggesprochen». «Aber kaum geht es um Solidarität mit Juden weltweit, sieht es plötzlich ganz anders aus.»

Grisha Alroi-Arloser, Präsident der Israelisch-Deutschen Gesellschaft, vergleicht das Verhältnis zwischen nichtjüdischen und jüdischen Deutschen mit Eheleuten in einer Paartherapie, die sich immer wieder versprechen, es erneut miteinander zu versuchen – diesmal, ohne dass es in Gewalt endet. Der seit 1978 in Tel Aviv lebende Soziologe bringt die israelische Sicht in die Diskussion ein: «Israel schaut auf Deutschland als bedeutendsten Wirtschaftspartner in der EU – und als verlässlichen Wortführer in Sachen Israel in der EU.» Natürlich blicke man in Israel sehr selektiv auf Deutschland. «Antisemitische Ausschreitungen oder den Angriff auf die Synagoge in Halle und Friedhofsschändungen nimmt man wahr.» Die aktuellen Ereignisse in Frankreich, Ungarn oder Polen würden allerdings als gravierender bewertet.

STRATEGIEN Immer wieder kam die Diskussion auf Strategien gegen den alltäglichen Antisemitismus zu sprechen, der auch da anzutreffen ist, wo kaum Juden leben. VRdS-Präsidentin Jacqueline Schäfer schlägt vor, Schülerinnen und Schüler nicht nur über den Holocaust zu unterrichten, sondern auch über jüdisches Leben, zum Beispiel die jüdischen Feiertage. Diverse andere Ideen tauchten auf: Hilft es vielleicht, wenn Jüdinnen und Juden jahrtausendealte Traditionen wie koscheres Essen mit modernen Hygienestandards erklären? Alroi-Arloser hält das für nicht zielführend, weil es nun mal nichts miteinander zu tun hat. Sollte Israel bessere PR machen? Sandra Kreisler ist sehr dafür.

Die eher ernüchternde Erkenntnis des Abends war wohl, dass Juden noch so viel erklären können: Am Antisemitismus wird das nichts ändern. «Antisemitismus in Deutschland hat weniger etwas mit Juden zu tun als damit, wie die deutsche Gesellschaft verfasst ist», so das Fazit von Alroi-Arloser und die nicht neue Feststellung: «Es gibt einen Antisemitismus ohne Juden.»

Der Verband der Redenschreiber VRdS hat zum Festjahr «1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland» eine Sammlung von Reden und Beiträgen über Reden online zusammengestellt. Zu finden sind sie auf: www.vrds.de/megilla

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