Herford

Moderne Zeiten

Für die Herforder Juden ging ein Traum in Erfüllung. Fast 72 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge, 65 Jahre nach Kriegsende, 16 Jahre nach den ersten planerischen Vorgesprächen und 21 Monate nach dem Baubeginn konnten sie ihre Synagoge eröffnen. 150 geladenen Gäste nahmen teil. Auch die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch ‚und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers waren in die westfälische Stadt gekommen.

fröhlich Es ist ein glücklicher, ein fröhlicher und vor allem ein tief bewegender Moment. Spontan stimmen nach der Einweihung die Rabbiner das hebräische Volkslied »Hava Nagila« an. Gemeinsam ziehen sie mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und mehreren Gästen Hand in Hand durch den Betraum, auch Jürgen Rüttgers ergreift eine Hand und schließt sich dem Reigen an.

Jede Eröffnung eines neuen jüdischen Gotteshauses sei auch für ihn persönlich ein besonderer Tag, sagte der Ministerpräsident zuvor in seiner Ansprache. »Jüdisches Leben in Nordrhein Westfalen, jüdisches Leben in Herford, wird wie ein bewässerter Garten sein. Es wird fruchtbar sein«, verkündete der Politiker, der zugleich eine klare Stellung zur Vergangenheit bezog. Auschwitz und der Holocaust sei nichts, was irgendwann der Geschichte überantwortet werden dürfe. Rüttgers: »Wir müssen und wir werden alles tun, damit Auschwitz nie wieder passieren kann. Nicht heute und nicht morgen. Niemals wieder. Das sind wir unseren Kindern schuldig und vor allem den Opfern schuldig. Da stehen wir in der Verantwortung.«

Deshalb gelte es an dem Standpunkt unverrückbar festzuhalten, nämlich dass das Existenzrecht Israels Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland ist, so der Ministerpräsident. In seiner Rede sprach er Charlotte Knobloch an: »Es wird noch weitere Anlässe geben, die angemessenen Worte zu finden, um Ihre Leistungen gebührend zu würdigen. Und doch ist es mir wichtig, Ihnen schon heute Danke zu sagen für das, was Sie für dieses Land und seine Menschen geleistet haben.«

Die Präsidentin des Zentralrats dankte der Gemeinde Herford-Detmold für ihr Engagement beim Synagogenbau sowie allen Förderern und Unterstützern. Den Neubau lobte sie als ein Zeichen der »Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland« und sagte: »Kompliment an die Architekten, die Synagoge ist wirklich etwas Einmaliges.« Ihrer Meinung nach könne das Bauwerk ein Beispiel geben für andere Gemeinden.

Die Synagoge wurde im gleichen Baustil und an der gleichen Stelle errichtet, wo vor 1938 bereits ein jüdisches Gotteshaus stand. Diese Liebe zur Tradition zeuge von Selbstbewusstsein, sagte die 77-Jährige. Außerdem zeigte sie sich beeindruckt von dem Betraum, in dem 248 Lichter im De-ckengewölbe wie die Sterne über Jerusalem leuchten. »Mögen die Sterne allzeit günstig stehen und den Weg in eine gute Zukunft weisen«, wünschte Knobloch.

zukunftsweisend Freude, Dankbarkeit und Hoffnung prägte die Rede des Gemeindevorsitzenden Harry Rothe. Unter anderem lobte er die gute Gemeinschaft innerhalb der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, die für das Projekt sehr wichtig gewesen sei. Ausdrücklich dankte er Ruben Heinemann, der seitens der Gemeinde verantwortlich das Bauprojekt betreute. »Mit der Synagoge wird ein neues Kapitel in der jüdischen Gemeinde aufgeschlagen«, sagte Rothe. Sie sei ein weithin sichtbares Zeugnis für das Fortbestehen des Judentums, zugleich sei sie ein zukunftsweisendes Zeugnis für das Vertrauen in die deutsche Demokratie. »Es ist ein beglückender Tag«, resümierte ein sichtlich bewegter Gemeindevorsitzender.

Rabbiner Julian Chaim Soussan aus Düsseldorf wünschte der Gemeinde eine »lebendige Herzlichkeit« in ihrer neuen Synagoge und sagte: »Es ist nicht allein der Ort, der heilig ist, auch das Tun muss es sein.« Außerdem sprach er von seiner Hoffnung, dass die Unterstützung der jüdischen Gemeinde durch die Stadt und weitere Förderer erhalten bleibe.

Hanna Sperling, Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe, wünschte dem Bauherrn ein volles, lebendiges Haus, das von Freude und Harmonie beseelt sei. »Eine Synagoge ist ein Haus der Zusammenkunft«, sagte sie und ergänzte, dass dies in dem »außergewöhnlich gelungenen Bauwerk« möglich sei.

solidarisch Ein Team aus drei Architekten hatte die Pläne für die Synagoge erarbeitet und die Bauarbeiten überwacht. Federführend verwirklichte der inzwischen 72-jährige Architekt Paul-Gerhard Dahlmeier die Ideen. »Bereits vor 16 Jahren gab es die ersten Vorgespräche«, sagte er bei der offiziellen Schlüsselübergabe. Wegen seiner Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde, sei dieser Augenblick etwas ganz Besonderes und Bewegendes für ihn.

Der Architekt christlichen Glaubens hatte sich in den vergangenen Jahren in die jüdische Tradition und Religion eingearbeitet. Außerdem lernte er Hebräisch. Es war Dahlmeiers Idee, mit 248 LED-Leuchten – so viel wie es jüdische Gebote gibt – den Sternenhimmel Jerusalems im Deckengewölbe des Betraums zu dokumentieren.

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