Jewrovision

Mit Mut und Chuzpe

»Chasak« bedeutet stark: Sängerinnen des Hamburger Jugendzentrums Chasak bei der Jewrovision 2018 in Dresden Foto: Gregor Zielke

Zwei Daten spielen in meinem jüdischen Leben hier in Deutschland eine ziemlich wichtige Rolle: Das eine ist der 1. Mai 2006. Damals habe ich, Ben Salomo, auf einer Berliner Hip‐Hop‐Bühne performt. Unmittelbar danach trat ein Rapper namens Deso Dogg auf, der erst einmal eine Fahne der Hisbollah durch die Luft schwenkte. 2000 Leute grölten fanatisch. Der andere Tag ist der 18. Februar 2017: Jewrovision in Karlsruhe.

Ich ging, nachdem der Schabbat ausgeklungen war, mit meinem »Shma Israel« (»Es gibt nur einen«) auf die Bühne. Und rund 1200 jüdische Kinder und Jugendliche haben gejubelt. Einen größeren Unterschied als den zwischen diesen beiden Ereignissen kann ich mir kaum vorstellen.

leben Die Erfahrungen sind komplette Gegensätze: Die einen feiern eine Terrororganisation, die nichts anderes plant als einen neuen Holocaust, sie glorifizieren Tod und Terror. Und die anderen feiern das Leben, jüdisches Leben, das neu erwacht. 2006 in Berlin war ich schockiert, fühlte mich ganz persönlich bedroht. Ich bin Jude, in Israel geboren. Aber der Abend 2017 war für mich persönlich eine wunderbare Erfahrung.

Was einmal vor vielen Jahren als kleines Abendprogramm begann, ist inzwischen eine riesige und absolut professionelle Show geworden.

An diesem Wochenende findet die Jewrovision 2019 statt, diesmal in Frankfurt. Wieder werden 1300 jüdische Kinder und Jugendliche dabei sein. Was einmal vor vielen Jahren als kleines Abendprogramm begann, ist inzwischen eine riesige und absolut professionelle Show geworden. Ich war schon öfter in der Jury mit dabei, bin immer begeistert davon, nur ein wenig traurig darüber, dass es das noch nicht gab, als ich im entsprechenden Alter war.

Wir hatten damals aber auch unsere wunderbaren Machanot, zum Beispiel in Bad Sobernheim. In den Ferienlagern ging es zwar um Spaß, aber auch um die Geschichte des Judentums, um Wertevermittlung und um Religion: Da haben wir dann zum Beispiel über den Aufstand der Makkabäer und die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem gelernt. Die Chuzpe und der Mut der Makkabäer haben mir unglaublich imponiert.

geschichte Wir Kids haben damals gelernt, dass wir stolz sein können, weil wir Juden sind, dass wir keine Opfer‐Mentalität entwickeln sollen, dass wir dazu stehen sollen, wer wir sind. Wir brauchen uns für unsere Herkunft nicht zu schämen. Im Gegenteil: Das jüdische Volk hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Das ist etwas, worauf man stolz sein und aufbauen kann. Und wie viel Selbstbewusstsein und Stolz bei den jungen Leuten inzwischen vorhanden ist, das habe ich seitdem immer wieder erlebt.

Es ist wichtig, dass jüdisches Leben präsenter wird.

Auch wenn man lernt, dass es gefährlich sein kann, sich als Jude draußen offen zu zeigen, sollte doch die Lehre sein: Je mehr wir uns als Juden zurückziehen, desto mehr wird Raum frei für die Leute, die uns verdrängen möchten. Man muss offensiver und selbstbewusster auftreten. Natürlich nicht im umgekehrten Sinne. Es gibt einen fließenden Übergang von Stolz zu Überheblichkeit. Nein, das ist nicht gemeint. Man soll respektvoll auch anderen gegenübertreten – aber stets selbstbewusst.

Nun sind wir eine sehr kleine Gruppe. Dadurch, dass jüdisches Leben doch eher am Rand der Gesellschaft stattfindet, weil es eben nicht so viele Juden im Land gibt, entsteht ein gewisses Vakuum. Und in dem können sich Ressentiments breitmachen.

gesellschaft Daher ist es wichtig, dass es immer mehr Anlässe gibt, bei denen sich jüdisches Leben zeigt, ganz öffentlich. Es ist wichtig, dass sich jüdisches Leben aus ganz Deutschland zusammenfindet und in der Gesellschaft präsenter wird. Und dafür ist die Jewrovision ein wunderbares Beispiel. Events wie die Jewrovision tragen dazu bei, dass die Kinder und Jugendlichen, die sich dort treffen, dann aufwachsen, später studieren und im Job stehen, als Juden sichtbarer und selbstbewusster in der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden. Juden nicht als ein Relikt der Vergangenheit.

Das Gedenken an die Schoa wird in der deutschen Mehrheitsgesellschaft zelebriert. Man gedenkt der toten Juden. Das ist wichtig. Aber ich würde mir auch sehr wünschen, dass die gleichen Politiker, die zum Beispiel jetzt am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedacht haben, auch mal bei den lebenden Juden vorbeischauen. Vielleicht bei einem Event wie der Jewrovision?

Juden haben hier eine Zukunft, sie haben Hoffnungen, sie wollen Deutschland auch als ihre Heimat verstehen und erleben.

zukunft Dabei könnten sie erkennen, dass ihre Verpflichtung gegenüber den Juden nicht nur gegenüber den Toten auszudrücken ist, sondern auch gegenüber den Lebenden. Diese haben hier eine Zukunft, sie haben Hoffnungen, sie wollen Deutschland auch als ihre Heimat verstehen und erleben. Dabei könnten Politiker sehen, wie viele junge Juden es hier gibt, welche Lebensfreude sie ausdrücken, aber auch, was ihre Ängste und Wünsche sind. Und das können sie dann vielleicht auch in ihren politischen Alltag mitnehmen.

Übrigens: Bis heute sprechen mich noch viele auf den Auftritt damals in Karlsruhe an. Sie sagen, dass sie dieses Lied lieben. Das bewegt mich unglaublich. Denn anfangs haben mir viele abgeraten, dieses »Shma Israel« zu machen. Da hieß es, dass einige in der Rap‐Szene mit dem Titel ein Problem haben werden. Ich habe damals lange darüber nachgedacht, ob ich mich dem Druck beugen sollte, etwas weniger offensiv aufzutreten. Ich habe mich dafür entschieden, den Song erst recht zu machen, zu zeigen, woher ich komme, wer ich bin und woran ich glaube.

Der Autor, Jahrgang 1977, ist Musiker in Berlin. Demnächst erscheint sein Buch »Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens«. Am 27.1. veröffentlichte er sein neues Musikvideo »Sie sagen mir«: https://bit.ly/2UlFF8L

 

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