Frankfurt

Mit militärischen Ehren

Kranzniederlegung am Ehrenmal des jüdischen Soldatenfriedhofs Foto: Rafael Herlich

Dem Andenken der 467 Söhne unserer Gemeinde, die im Weltkrieg 1914–1918 ihr Leben für das Vaterland hingegeben haben«. So lautet die Inschrift auf der Ruhebank des 1925 eingeweihten Ehrenfelds auf dem Jüdischen Friedhof Rat‐Beil‐Straße. 1932 fand die letzte, von dem damaligen Frankfurter Gemeinderabbiner Georg Salzberger geleitete Ehrung der im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten statt.

In der Pogromnacht 1938 wurde das Ehrenmal erheblich beschädigt. Ein Jahr später konnte Rabbiner Salzberger nach London fliehen. Der jüdische Soldatenfriedhof geriet jahrzehntelang in Vergessenheit.

Die Ehrung der gefallenen jüdischen Soldaten findet inzwischen wieder alljährlich statt.

Das hat sich 2008 geändert. »Seit zehn Jahren bekennen sich Bundeswehr, Politik und Gesellschaft öffentlich zu den jüdischen Gefallenen«, sagte Franz Josef Jung. Der ehemalige Bundesverteidigungsminister sprach am vergangenen Donnerstag am Ehrenmal vor zahlreichen Besuchern in Uniform und Zivil.

Er hatte zum Volkstrauertag 2008 angeordnet, die Ehrung der gefallenen jüdischen Soldaten nach 76 Jahren wiederaufzunehmen. Die Initiative war seinerzeit von Majer Szanckower, Friedhofsverwalter der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, und dem Publizisten Armin H. Flesch ausgegangen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt hat Franz Josef Jung die Schirmherrschaft der Veranstaltung übernommen.

BRIGADEGENERAL Die Ehrung der im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten und ihrer in der Schoa ermordeten Angehörigen und Kameraden findet inzwischen wieder alljährlich statt. Das auf einen Entwurf von Siegfried Kracauer zurückgehende Ehrenmal konnte restauriert werden, auch wenn ein Spalt noch an die Beschädigung im November 1938 erinnert.

Diesmal kamen besonders viele Teilnehmer zur Ehrung, weil sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt. Unter ihnen war Olaf von Roeder, Brigadegeneral der Luftwaffe und Repräsentant der Bundeswehr in Hessen. »Ich habe mich mit dem Thema der jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg und ihrem Schicksal unter der Nazi‐Diktatur natürlich auch beschäftigt«, bekennt er. Auch der SPD‐Politiker Thorsten Schäfer‐Gümbel kam zum Friedhof Rat‐Beil‐Straße.

»Das hat viel damit zu tun, dass ich mit großer Sorge sehe, wie Populismus und Nationalismus auch in Europa wachsen«, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD. »Wo Nationalismus hinführt, haben wir im Ersten und Zweiten Weltkrieg gesehen«, mahnte er.

Der Enkel des früheren Gemeinderabbiners erinnerte an das Schicksal seines Großvaters.

Die etwa einstündige Zeremonie begann mit dem Niederlegen mehrerer Kränze. Sie stammten unter anderem vom Bundesverteidigungsministerium, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Stadt Frankfurt am Main. Armin H. Flesch und Rabbiner Jonathan Wittenberg entzündeten das Ewige Licht.

Wittenberg ist Georg Salzbergers Enkel. Der Londoner Rabbiner sprach anschließend den Psalm 83. Ein Trompeter des Heeresmusikkorps Ulm spielte das Soldatenlied »Ich hatt’ einen Kameraden«. Nach der Verlesung der Namen aller auf dem Ehrenfriedhof beerdigten Gefallenen trug Kantor Jonathan Rose das Gebet »El Male Rachamim« vor. Das Kaddisch sprach Kurt de Jong, Vorsitzender der Chewra Kadischa Frankfurt.

PFLICHT »Mein Großvater sah es als Pflicht, seiner Heimat zu dienen«, sagte Jonathan Wittenberg zu Beginn seiner eindrücklichen Ansprache. Georg Salzberger meldete sich im Sommer 1914 freiwillig und diente als Feldrabbiner. Wittenberg erinnerte an die Hoffnungen, die sein Großvater mit dem Ersten Weltkrieg verband: »Wie viele andere Juden sah er im Krieg die Gelegenheit, die uralte Judenfeindschaft schließlich zu überwinden.«

Wittenberg sprach dann über die sogenannte Judenzählung im deutschen Heer im Herbst 1916, die einen Wendepunkt markierte. »Mein Großvater hätte es sich nie träumen lassen, dass er die letzten Jahrzehnte seines Lebens als Flüchtling in London verbringen würde«, fuhr Wittenberg fort. In seiner letzten Frankfurter Predigt habe Rabbiner Salzberger Heinrich Heine zitiert: »Ich hatte einst ein schönes Vaterland – es war ein Traum.«

Seine auf Deutsch vorgetragene Ansprache schloss Jonathan Wittenberg mit einem eindringlichen politischen Appell: »Zusammen bedauern wir, dass in unserer Welt immer noch furchtbare Kriege geschehen. Wir bedauern auch sehr, dass sich in diesen gefährlichen, populistischen Zeiten auf den Straßen dieses Landes und anderer Länder wieder öffentlich und unverschämt Rassismus und Hass zeigen. Wir müssen alle hoffen, dass wir entschiedener dagegen kämpfen werden als vor 80 Jahren.«

ANERKENNUNG Frankfurts Bürgermeister und Kämmerer Uwe Becker erinnerte zum Abschluss der Zeremonie noch einmal an die Hoffnung auf Anerkennung, die jüdische Soldaten mit ihrer Teilnahme am Ersten Weltkrieg verbanden. »Umso schmerzhafter war es für alle, zu erkennen, wie dünn das Fundament der Anerkennung war«, sagte Becker.

Er mahnte, aus dem Gedenken auch ein Handeln im Hier und Jetzt abzuleiten, »das Frieden in Europa und der Welt zum Ziel haben muss«. In sein Gedenken schloss Uwe Becker auch die israelischen Soldatinnen und Soldaten ein. Und der CDU‐Politiker wies auf die jüngsten Raketenangriffe der Hamas auf israelische Städte hin.

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