Porträt der Woche

»Mit 58 ist es schwer«

Kam 1967 mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland: Ellahe Engel-Yamini Foto: Alexandra Umbach

Porträt der Woche

»Mit 58 ist es schwer«

Ellahe Engel-Yamini sucht eine Anstellung als Sozialarbeiterin

von Zlatan Alihodzic  13.09.2010 16:46 Uhr

Meine Woche ist zwar nicht unstrukturiert, aber im Moment doch recht frei. Ich war zuletzt damit beschäftigt, einen Vortrag über Juden im Iran zu erarbeiten. Eine christliche Gruppe ist auf mich zugekommen und fragte, ob ich das machen könnte, denn ich selbst bin iranische Jüdin. Es hat mir Spaß gemacht, in dieser Sache über meine Erfahrungen hinauszugehen und zu recherchieren. Also habe ich nach Artikeln und Beiträgen gesucht und war überrascht, wie viel man dazu finden kann. Vier oder fünf Seiten sind zunächst dabei herausgekommen, aber das kann ganz schnell noch mehr werden. Immer wieder und gerade jetzt gewinnt dieses Thema ja an Aktualität. Den Vortrag habe ich auch der Gemeinde in Bochum angeboten, deren Café ich gerne besuche. Auch die Dortmunder werde ich fragen. Da war ich lange Mitglied, und ab und zu gehe ich dort noch in die Synagoge.

Das war bis Januar allerdings nicht möglich. Denn ich war sozusagen als Gastarbeiterin außerhalb des Ruhrgebiets unterwegs. Ich hatte in Stuttgart in der jüdischen Gemeinde eine Stelle als Sozialarbeiterin. Zweimal wurde der Vertrag verlängert, beim dritten Mal nicht. Es wurde mit den sinkenden Zahlen bei den Zuwanderern argumentiert, was ja auch stimmt. Dann habe ich in einer Klinik gearbeitet, auch in Süddeutschland. Die musste Insolvenz anmelden, und so bin ich seit Januar wieder hier in Witten. Das ist auch gut so, denn die Trennung von meiner Familie fiel mir immer schwerer.

Die Phase der Rückkehr habe ich aber noch nicht abgeschlossen, zwei Jahre sind eben eine lange Zeit. Hier ist mein Zuhause. Aber ich kann nicht sagen, dass hier meine Heimat ist. Vor allem nicht im deutschen Sinn, wo das Wort Heimat wohl viel umfassender ist. Aber ich denke, ich kann zufrieden sein, wenn ich sage, dass hier mein Zuhause ist.

Jugend Ich bin 1967 mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen, nach Stuttgart. Damals war ich 15. Ich war also rechtzeitig zur 68er-Bewegung hier und bin auch bei den Demonstrationen mitmarschiert, als es um die Notstandsgesetze ging. Ganz genau habe ich das zwar nicht kapiert, aber ich war auf jeden Fall dagegen und fand das alles sehr aufregend. Für mich war das eine Möglichkeit, einen Einstieg in die deutsche Gesellschaft zu finden. Ich habe auch bewusst die persische Sprache und Kultur abgelegt. Religion hatte damals ohnehin keine große Bedeutung für mich. Na ja, dann habe ich irgendwann geheiratet, bin nach Nordrhein-Westfalen gezogen, habe Kinder bekommen und eine Ausbildung in der systemischen Familientherapie gemacht.

Diesen Beruf liebe ich noch immer und würde ihn gern weiter ausüben. Mit 58 hat man es schwer, eine Anstellung zu finden. Die Gemeinden suchen Sozialarbeiter, die Russisch sprechen, die evangelischen Einrichtungen wollen, dass man evangelisch ist, die Katholiken wollen jemanden, der katholisch ist. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden. Aber wenn ich mit meinen Verwandten in Amerika darüber spreche, können die das gar nicht verstehen.

Familie Feste Verpflichtungen habe ich in der Woche meist nicht, ich bin auch kein Club- oder Vereins-Mensch. Trotzdem lebe ich nicht in den Tag hinein. Im Moment steht meine Familie an erster Stelle. Das ist für mich wegen der langen Trennung noch sehr wichtig. Ich habe eine Tochter in Düsseldorf, ein Sohn wohnte bis vor Kurzem noch hier und der andere in Karlsruhe. Meinen Freund habe ich während meiner Zeit in Süddeutschland, wenn überhaupt, dann nur an den Wochenenden gesehen. Auch das hat sich geändert, seitdem ich hier lebe.

Dank meiner Tochter habe ich ein Enkelkind, das oft der Höhepunkt meiner Woche ist. Der Kleine wird bald zwei Jahre alt, und wir sind alle so glücklich, dass er da ist. Erst jetzt kann ich ihn öfter sehen, mindestens alle zwei Wochen. Kürzlich habe ich ihn aus dem Kindergarten abgeholt, und er hat auch bei mir geschlafen, weil die Eltern zu einer Hochzeit eingeladen waren.

Wenn ich mal nichts zu tun habe, versorge ich meine Blumen, gehe schwimmen, besuche Freunde oder werde besucht. Aber meine Wohnung sehe ich auch immer noch als Praxis, und ich versuche, Aufträge zu bekommen. Seit der Wirtschaftskrise ist es aber schwer mit selbst zahlenden Klienten. Trotzdem bereite ich Kurse und Vorträge vor zum Thema Bindungen und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Kindern. Ich bin auch in einem Kreis von Systemikern, der sich regelmäßig trifft. Und einen Traum, ein Ziel habe ich noch: Mein Freund, er ist Neurologe und Psychiater, will sich selbstständig machen, und ich möchte mit ihm gemeinsam die Praxis aufbauen. Das wird gegen Ende nächsten Jahres sein.

Sehnsucht Jetzt, während der jüdischen Feiertage, sehne ich mich oft nach Tel Aviv oder Los Angeles, wo ich Verwandte und Freunde habe. Viele von ihnen sind 1979 nach der missglückten Revolution geflohen. Damals habe ich noch gesagt: Warum geht ihr? In einem halben Jahr ist doch alles vorbei. Heute bin ich froh, dass sie emigriert sind. Die Gemeinde in Los Angeles wurde von dem Rabbiner aufgebaut, der meine Mutter noch in ihrer Heimatstadt unterrichtet hat. Nicht nur deshalb bin ich gern in Los Angeles, was ich mir alle paar Jahre gönne. Dort ist alles so persisch. Es wird persisch gekocht, gesprochen, getanzt, geheiratet, es werden persische Feste gefeiert. Und gleichzeitig hat man es geschafft, Teil der amerikanischen Gesellschaft zu werden.

Doch die persischen Juden bleiben große Patrioten. Da sind sie so ähnlich wie die deutschen Juden vor dem Holocaust. Mit meinen Verwandten in Los Angeles spreche ich auch immer Persisch, das werden die da sicher bis ins zehnte Glied können. Mit den jüngeren Cousinen in Israel rede ich allerdings Englisch. Rosch Haschana wollte ich eigentlich in Israel verbringen, aber es hat nicht geklappt. Manchmal mache ich mir Sorgen um Israel und um meine Verwandten. In letzter Zeit besonders, wenn ich an einen israelischen Angriff auf die Atomanlagen im Iran denke.

Klänge Ich selbst fühle mich inzwischen als Europäerin, aber die Verbundenheit mit dem Iran ist immer noch da. Ich liebe persische Filme und die Musik. Am liebsten höre ich Abdullah Ibrahim. Leider spiele ich selbst kein Instrument, aber früher habe ich gesungen. Bevor ich nach Süddeutschland gegangen bin, habe ich auch oft Konzerte besucht. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Dortmund hat viel organisiert, vor allem Klesmer, und jetzt bin ich endlich wieder näher dran. An der Gemeinde, deren Mitglied ich ja mal war, bin ich im Gegensatz dazu nicht mehr so nah dran. Ich bin keine russische Jüdin und keine deutsche Jüdin. Das ist das Problem.

Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, nach Düsseldorf zu ziehen. Dort gibt es nicht nur ein reges jüdisches Leben, sondern auch eine große iranische Gemeinschaft. Aber es wäre im Moment eine zu große Herausforderung. Ich müsste meine Wohnung verkaufen und eine neue suchen. Das macht man nicht so nebenbei. Außerdem ist da ja der Plan mit der Praxis. Kurze Zeit hatte ich meinen Freund sogar so weit, sie in Düsseldorf zu eröffnen. Aber es wird wohl doch Lüdenscheid.

Das heißt aber nicht, dass ich mich bis dahin nicht weiter verändern werde. Seit ich wieder in meiner Wohnung bin, räume ich viel auf. Ich schaue, was ich wirklich brauche und verschenke viele Dinge. Der Wunsch nach Veränderung ist da. Und das ist kein schlechtes Zeichen. Ganz im Gegenteil: Weniger ist hier zunächst mehr.

Aufgezeichnet von Zlatan Alihodzic

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