Porträt der Woche

Mein langer Weg zur Synagoge

»Als bekennender Atheist konnte mein Vater wenig mit meinem Übertritt anfangen«: Anita Wolf (44) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Ich bin in einer christlich geprägten Familie in der Schwarzwaldregion aufgewachsen. Allerdings hat die Religion in unserer Familie keine zentrale Rolle gespielt. Natürlich haben wir Weihnachten gefeiert, sind am Heiligen Abend und auch mal zu Ostern in die Kirche gegangen, und ich bin konfirmiert worden. Sonst hatte ich ein sehr kindliches Verhältnis zu Gott, machte ihn auch schon mal dafür verantwortlich, wenn ich etwas trotz intensiven Suchens nicht fand.

Nach dem Realschulabschluss hatte ich das Glück, in Villingen‐Schwenningen einen Ausbildungsplatz zur Zahntechnikerin zu bekommen. Damals hatte ich die Idee, einen Roman zu schreiben, in dem eine der Hauptfiguren jüdische Wurzeln hat. In diesem Zusammenhang habe ich mir Bücher über das Judentum ausgeliehen, sowohl zur Geschichte als auch zur Religion.

Mir schien das etwas ganz Besonderes zu sein, was ich da las. Vor allem las ich das in einer Zeit, in der ich sonntags regelmäßig die Kirche besuchte und Schwierigkeiten mit der Figur des Jesus bekam. Seine Anrufung als »Herr« fiel mir schwer, und auch der Anspruch, dass man zu Gott nur durch ihn gelangen könne, leuchtete mir nicht ein.

Tel Aviv In dieser Situation also beschäftigte ich mich mit dem Judentum, und mir erschien das Konzept dieser mir damals noch fremden Religion absolut logisch: In sie konnte ich mich viel besser hineinfinden. Ausgerechnet eine protestantischen Pastorin gab mir das Buch Wie Juden leben von Israel Meir Lau, dem jetzigen Oberrabbiner von Tel Aviv: das Standardwerk schlechthin für all diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen.

Nachdem ich einige Wochen das Judentum studiert hatte, entschloss ich mich im August 2001, aus der Kirche auszutreten und den jüdischen Glauben für mich anzunehmen. Das Erste, was ich mir kaufte, war ein jüdischer Kalender. Den brauchte ich unbedingt, weil ja Rosch Haschana vor der Tür stand und ich im neuen jüdischen Jahr die ganzen Feiertage kennenlernen wollte. Allerdings gab es dort, wo ich wohnte, kein jüdisches Umfeld. So war das Buch von Israel Meir Lau für lange Zeit der einzige Leitfaden, nach dem ich mich richten konnte. Meine Identifikation mit dem Judentum erfolgte also ganz individuell – durch das, was ich mir glaubenstechnisch, auch durch die Gebote und Verbote, angeeignet hatte.

Lanzarote Im Jahr 2006 hatte ich mich für eine Gruppenreise nach Israel angemeldet, die aber wegen des Libanon‐Krieges abgesagt wurde. Aus beruflichen Gründen zog ich zeitweilig nach Lanzarote; dadurch verzögerte sich meine Israelreise um zwei Jahre. Ich hatte zuvor ohne Anleitung eines Rabbiners oder einer jüdischen Gemeinde in einem nichtjüdischen Umfeld sehr religiös gelebt.

Umso mehr empfand ich die Reise nach Israel als eine Offenbarung. Wobei ich sagen muss, dass die Kotel für mich nicht dieselbe Bedeutung hatte wie für andere. Denn ich bin ein gläubiger, aber kein spiritueller Mensch. Die Präsenz Gottes empfinde ich, wenn ich zum Beispiel eine Blume sehe oder Dankbarkeit für mein Leben empfinde. In Israel war ich nun zum ersten Mal in meinem Leben in einer Synagoge, und zwar in einem Kibbuz.

Auch hier empfand ich die Religiosität, aber nicht die Spiritualität. Im Ganzen aber hat mich Israel so stark beeinflusst, dass ich nach meiner Rückkehr fest entschlossen war, Alija zu machen. Das setzte natürlich die offizielle Konversion voraus. Da dies an meinem Arbeitsplatz Lanzarote nicht möglich war, suchte ich im Internet nach Informationen dazu. So wurde ich mit den verschiedenen Richtungen im Judentum zwischen orthodox und liberal konfrontiert.

Liberal Ich habe mich dann für eine liberale Richtung entschieden. Wenn ich ehrlich bin, vor allem deshalb, weil eine liberale Konversion schneller zu gehen versprach. Ich lebte ja schon seit längerer Zeit nach den jüdischen Geboten, nun wollte ich so schnell wie möglich nach Israel auswandern. Der einzige Rabbi, dessen Name mir irgendetwas sagte, war Rabbiner Walter Rothschild. Mit ihm hatte ich einen regen E‐Mail‐Kontakt, in dem er mir mehrfach von der Konversion abriet. Nach längeren Diskussionen via Internet war er schließlich doch bereit, mich als Kandidatin anzunehmen. So kam ich nach Berlin, wo er zu der Zeit noch einen Vorbereitungskurs abhielt, obgleich er inzwischen schon in Schleswig‐Holstein amtierte.

Nach einer Weile stellte sich heraus, dass ich bei Rabbiner Rothschild nicht würde konvertieren können, denn das war in Berlin nur bei den von der Gemeinde autorisierten Rabbinern möglich. Ein Gabbai der Synagoge Fraenkelufer machte mich darauf aufmerksam, dass Rabbiner Tovia Ben‐Chorin einen Konversionskurs durchführen würde. Also habe ich mich an ihn gewandt, und nach dem ersten Gespräch nahm er mich auf, allerdings unter Vorbehalt. Zu dieser Zeit war ich noch relativ konservativ eingestellt. Aber das war nach einer Weile überhaupt kein Thema mehr, denn wir kamen wunderbar miteinander klar.

Bald erkannte ich, dass das liberale Judentum einen anderen, heute würde ich sagen: dynamischeren Umgang mit der Tora pflegt als die Orthodoxie. Das kann man gut finden oder es auch ablehnen – mir sagte die liberale Linie jedenfalls zu. Die Frage, was ich aus dem jüdischen Wissen mache, wurde in diesem Kurs durch Rabbiner Daniel Alter unter der Schirmherrschaft von Rabbiner Ben‐Chorin vermittelt. Das reine Wissen hatte ich mir ja schon vorher angeeignet. Aber plötzlich war das kein trockener Stoff mehr, sondern eine lebendige Masse, die sich in diese oder eine andere Richtung bewegen ließ – lebendiges Judentum sozusagen.

Allerdings stellte ich in meinem Élan manchmal zu viele Fragen auf Kosten des Rests der Gruppe. Weil ich so viel wusste, hat man mir im Beit Din auch gar nicht viele Fragen gestellt. Stattdessen wurde ich ermahnt, künftig nicht dadurch aufzufallen, dass ich alles besser weiß.

Mikwe Mein Übertritt zum Judentum erfolgte durch das Untertauchen in der Mikwe. Für mich war das lediglich eine Bestätigung meiner Entwicklung, also ein religiöser Vorgang.

Die Emotion überraschte mich kurz darauf. In der Synagoge Oranienburger Straße gab man uns auf der Bima eine Torarolle in die Hand, und nach dem Schma Jisrael lasen wir aus dem Buch Ruth. Wir waren an diesem Tag vier Konvertiten, und als der erste anfing zu lesen, musste ich schlucken. Als ich dann an die Reihe kam, brachen die Gefühle wie eine Lawine über mich herein. Ich bin in Tränen ausgebrochen und konnte nur mit Mühe den Text zu Ende lesen.

Meine Mutter hatte schon im Vorfeld mit mir über den jüdischen Glauben gesprochen, aber das war von ihrer Seite aus reines Interesse. Mein Vater, als bekennender Atheist, konnte mit meiner Konversion we‐nig anfangen. Meine Religiosität war ihm schlichtweg suspekt, als ich das Judentum noch in Villingen‐Schwenningen quasi privat praktizierte. Ohne die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Religion in einem jüdischen Umfeld war ich damals viel or‐thodoxer als heute. Dadurch aber, dass ich inzwischen gemäßigter war, fand er die Konversion dann irgendwie in Ordnung. Beide begleiteten mich später auch einmal zur Synagoge.

S‐Bahn Mir sind jüdische Traditionen wichtig, und an erster Stelle steht die Einhaltung des Schabbat. Ich zünde kein Feuer an, geschweige denn, dass ich ins Labor ge‐hen würde, um irgendeine Arbeit zu Ende zu bringen. Und wenn ich am Schabbes einmal zur S‐Bahn hetze, so ist mir durchaus bewusst, dass das falsch ist.

Auch die Kaschrut ist mir wichtig, wenngleich ich bei der Verwendung von Getränken, die aus Trauben hergestellt werden, manchmal etwas nachlässig bin. Sonst aber achte ich sehr penibel auf die Inhaltsangaben der Speisen. Zu Pessach würde ich nichts essen, in dem modifizierte Stärke steckt. Und mit meinem Arbeitgeber habe ich abgesprochen, dass ich an den jüdischen Feiertagen Urlaub nehmen kann.

Nun wollte ich ja ursprünglich eigentlich nach Israel gehen. Mittlerweile aber war ich nach dem Konversionsprozess 40 Jahre alt und hatte in Berlin alles, was man braucht: eine nette Synagogengemeinschaft, einen guten Job und einen toleranten Chef. Sollte ich in diesem Alter wirklich alle Zelte abbrechen und in Israel völlig neu beginnen? Ich habe zwar Hebräischstunden genommen, aber würde das ausreichen, um im Alltag zu bestehen? Das waren die Fragen, die mich beschäftigten. Schließlich habe ich mich, sehr zur Erleichterung meiner Eltern, entschlossen, mir ein Leben in Berlin aufzubauen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase‐Hindenberg.

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