Porträt der Woche

Mann mit Leidenschaft

Reist oft ins benachbarte Frankreich: Richard Borg auf dem Bahnhof in Saarbrücken Foto: Jacques Wenger

Beim Legen der Tefillin freue ich mich jeden Morgen, dass das Judentum in meiner Familie weiterlebt. Ich denke an die beiden glücklichsten Augenblicke meines Lebens, die Brit Mila und die Barmizwa meines Sohnes. Ihn traditionell zu erziehen, war mir eine moralische Verpflichtung. Das Leid, das meine Familie im Dritten Reich erfahren hat, drängte mich dazu, unsere Traditionen weiterzugeben.

israel Mein Sohn hat kürzlich sein Abitur gemacht. Er möchte Jura studieren. Aber vorher wollen wir erst einmal gemeinsam nach Israel reisen. Ich arbeite als Geschäftsmann, meine Arbeitstage sind sehr lang, und ich bin viel unterwegs. Oft sitze ich aber auch einfach im Büro und muss ein Telefonat nach dem anderen führen. Im Moment ist die Stimmung bei den Kaufleuten sehr angespannt. Ich habe meinen Betrieb gerade verkauft. Wir haben uns vor allem um die Entfernung von Graffitis gekümmert. Aber die öffentliche Hand hält dafür kaum noch Mittel bereit.
Derzeit befinde ich mich in einer beruflichen Neuorientierungsphase. Ich besuche Seminare, um mich weiterzubilden und denke darüber nach, mich sowohl in Deutschland als auch in Frankreich im Bereich Coaching niederzulassen. Ich möchte neue Ufer erklimmen. Man muss heute flexibel sein.

Ich bin 1957 in Saarbrücken geboren und dort auch aufgewachsen. Meine Eltern waren deutsche Juden. Mein Vater emigrierte vor dem Krieg nach Frankreich und ließ sich dort einbürgern. Als französischer Soldat kämpfte er gegen Nazi-Deutschland. Nach Hitlers Einmarsch kam er in Kriegsgefangenschaft, aus der er flüchten konnte. Anschließend versteckte er sich in den Pyrenäen.

Meine Mutter lernte er nach Kriegsende in Paris kennen, wo sie in einem koscheren Restaurant kellnerte. Sie stammte aus einer Kasseler Fabrikantenfamilie und war aus Hitler-Deutschland nach Paris geflüchtet. Ihre Concierge verriet sie bei der Polizei, Männer der französischen Pétain-Regierung brachten sie ins »Sammellager« Drancy bei Paris. Mithilfe von Freunden konnte sie fliehen. Es ist ein Wunder, dass sie überlebt hat.

qualen Bis auf eine Schwester, die durch den Krieg psychisch sehr krank wurde, sowie deren Mann, hat niemand aus der großen Verwandtschaft meines Vaters überlebt. Er war bis zu seinem Lebensende sehr geprägt von diesem Verlust. Dass meine Eltern keine physischen Qualen erleiden mussten, hat mir als Kind vieles erspart. Dennoch waren sie sehr verletzt. Meine Mutter hatte infolge ihres kurzen Lageraufenthalts starke gesundheitliche Probleme. Ich erinnere mich, dass zu Hause am 9. November immer eine Kerze angezündet wurde. Ich höre heute noch, wie mein Papa mit Tränen in den Augen sagte: »Das ist für die Familie.«

deutschland Eigentlich wollten meine Eltern nicht zurück nach Deutschland. Sie zogen dann ins Saarland, das in den ersten Nachkriegsjahren eng an Frankreich gebunden war. Mein Vater baute hier den Textilgroßhandel Patex auf. Wir blieben, auch nachdem das Saarland an die Bundesrepublik angeschlossen wurde. Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater in jungen Jahren immer wieder konfrontierte: »Wie konntest du nur zurück in das Land der Täter gehen, wie konntest du mich hier zur Welt bringen und aufwachsen lassen?« Er schilderte mir dann, wie schwierig diese Entscheidung für ihn gewesen sei. Schließlich fragte er einen Rabbiner um Rat. »Sie haben dir alles genommen, hol’ es dir zurück!«, sagte ihm der Rabbiner.

Wir und die anderen Kinder der jüdischen Gemeinde gingen zur Schule auf das Lycée Maréchal Ney, das später Deutsch-Französisches Gymnasium hieß. Das war unsere Form der Abgrenzung von Deutschland. Mit 18 Jahren wurde mir als Einzigem in der Familie die deutsche Staatsangehörigkeit angeboten, weil mein Opa väterlicherseits Deutscher war – eine Perversion der Geschichte: Meinen Vater wollten die Nazis töten, weil die Eltern Juden waren, 25 Jahre später wollten mich deren Kinder zur Bundeswehr einziehen, weil die Großeltern deutsche Juden waren. Ich konnte jedoch verweigern.

Frankreich Ich bin häufig in Frankreich, das von Saarbrücken aus ja gar nicht weit entfernt ist. Meine Schwester lebt im Norden von Paris, wo ich viele Freunde habe, seit einiger Zeit auch etliche im Künstler-Milieu. Meine große Leidenschaft sind französische Chansons, seit anderthalb Jahren nehme ich Gesangsunterricht. Ich singe Stücke von Größen wie Daniel Guichard, Gilbert Becaud, Patrick Bruel oder auch Claude François. Dieser Ausgleich tut mir sehr gut. Ich bedauere, nicht schon viel früher damit angefangen zu haben. Ein Lied – die Originalversion von »My Way« – habe ich bei YouTube ins Internet gestellt. Wer dort »comme d’habitude cover by richard« eingibt, kann sich eine Kostprobe anhören.

Gerne würde ich jüdische Künstler mit französischer und jüdischer Musik nach Deutschland vermitteln. Die Leidenschaft für Musik teile ich mit meinem Sohn, allerdings in völlig unterschiedlichen Stilrichtungen. Er ist Anhänger von Death Metal, womit ich überhaupt nichts anfangen kann. Frankreich war schon immer mein zweiter beruflicher Anlaufpunkt. Ich habe in Mönchengladbach Fachabitur gemacht, wo ich anschließend auch Textilbekleidungstechnik und Wirtschaftsingenieurwesen studierte. Mein Ziel war es, als erstes Familienmitglied nach dem Großvater die von der Bundesrepublik rückerstattete Textilfabrik meiner Mutter zu übernehmen. Das Unternehmen wurde damals fremdgeführt.

Doch nach dem Mauerfall 1989 brach die für den Betrieb so wichtige textilverarbeitende Industrie in Osteuropa zusammen. Die Fabrik musste schließen. Ich ging nach Paris, arbeitete dort in der Verkaufsförderung und führte eine Fernbeziehung nach Saarbrücken. Als mein Sohn unterwegs war, zog ich endgültig zurück ins Saarland.

Gemeinde Wie meine Eltern war auch ich sehr engagiert für die jüdische Gemeinde im Saarland. Von 1988 bis 1998 saß ich in der Repräsentanz und war einige Jahre deren Vorsitzender. Danach übernahm ich den Gemeindevorsitz. Vor drei Jahren bin ich von diesem Amt zurückgetreten. Böse Zungen behaupten bis heute, ich sei abgewählt worden. Fakt ist: Ich bin auf Ungereimtheiten gestoßen, die ich nicht mittragen wollte. Aus meiner Sicht ist die Gemeinde heute auf dem Weg des Ab- und Rückbaus. Ich bin stolz auf viele Dinge, die ich während meiner Amtszeit mit anstoßen konnte: etwa den Staatsvertrag mit der saarländischen Landesregierung 2001, die Integrationsarbeit für die vielen jüdischen Zuwanderer, den Gemeindechor und die Bibliothek. Es war eine anstrengende und fordernde, teilweise auch sehr schöne Zeit, in der ich viel gelernt habe.

Heute engagiere ich mich andernorts. Seit 2002 bin ich CDU-Mitglied. Bis zur letzten Kommunalwahl war ich kulturpolitischer Sprecher meiner Fraktion im Stadtrat. Jetzt bin ich von der Fraktion als Sachverständiger für den Kulturausschuss nominiert worden. Kultur halte ich für unglaublich wichtig. Eine Gesellschaft ohne Kultur ist zum Tode verurteilt.

Mein besonderes Engagement gilt dem Verein DenkmalMit!, der sich vor allem dafür einsetzt, die ehemaligen Saarländer jüdischen Ursprungs – zumindest ideell – wieder in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Im Moment werben wir für ein Denkmal, an dem die Namen aller Opfer stehen sollen. Es ist ein schönes Projekt und eines – das ist das Gute –, das mitten aus der Bürgerschaft kommt.

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