Porträt der Woche

Mann fürs Geld

Möchte in der Zeitung keine Investitionsempfehlungen geben: Alexey Weizmann (28) Foto: Judith König

Porträt der Woche

Mann fürs Geld

Alexey Weizmann arbeitet als Berater bei einem Frankfurter Finanzdienstleister

von Danijel Majic  07.06.2010 16:18 Uhr

Ich arbeite erst seit einem Monat bei meinem neuen Arbeitgeber, einem großen Consulting-Unternehmen hier in Frankfurt am Main. Die letzten Tage verliefen noch relativ ruhig. Da ich die Stelle erst vor wenigen Wochen angetreten habe, befasse ich mich momentan vor allem mit internen Aufgaben. Noch verbringe ich meinen Arbeitstag meist hier in unserem Frankfurter Büro. Aber das wird sich bald ändern.

Bevor ich zu meinem jetzigen Job gewechselt bin, habe ich für Eurex, ein Tochterunternehmen der Deutschen Börse, gearbeitet. Eurex ist eine der führenden Börsen in diesem Bereich und auf den Handel mit Derivaten spezialisiert. Ich war in der Produktentwicklung tätig, zunächst in Frankfurt, später in London. Unsere Aufgabe war die Entwicklung und Bereitstellung von neuen Produkten. Man muss sich die Börse tatsächlich wie einen Marktplatz oder ein Geschäft vorstellen. Was in die Auslage kommt und zum Verkauf angeboten wird, das legt die Eurex fest. Die Aufgabe der Produktentwicklung ist es, diese Auslage zu entwickeln. Den Handelspreis für die angebotenen Derivate bestimmt dann natürlich der Markt. In gewisser Weise ist die Börse nicht viel mehr als ein Ort, der die Infrastruktur, also den Handelsplatz, bereitstellt, damit Angebot und Nachfrage zusammenkommen.

Aus Sicht der Profitabilität sind jedwede Marktbewegungen für eine Börse grundsätzlich positiv, auch wenn sie durch schlechte Nachrichten verursacht werden, wie kürzlich etwa die Abstufung der spanischen Kreditwürdigkeit durch Ratingagenturen.

Ein Maß für die Unsicherheit auf dem Markt ist der sogenannte Volatilitätsindex. In Europa ist es VSTOXX. Wenn der steigt, bedeutet das Turbulenzen. Anders gesagt: Der Markt antizipiert eine Bewegung, eine Änderung der bestehenden Strukturen. Gerade auf die Euro-Zone hat das starke Auswirkungen. Es wird sich noch zeigen, inwieweit die EU in der Lage ist, solche Krisen zu bewältigen.

euroKrise Meiner Meinung nach ist der Euro eine Schönwetterwährung. Wenn alles gut läuft, wird Europa gestärkt aus der Krise hervorgehen. Wir haben ja auch große Vorteile durch die Einführung des Euro gehabt. Importe und Exporte innerhalb des gemeinsamen Währungsraumes sind viel einfacher, günstiger und sicherer geworden. Auf der anderen Seite sind allerdings auch einige Probleme aufgetreten. Steckte ein Staat früher in einer Krise, so konnte er sich zum Beispiel durch eine Abwertung der eigenen Währung helfen. Bei einer Gemeinschaftswährung für viele Staaten ist es nicht mehr möglich, eine derartige »Regulierung« durchzuführen. Deshalb ist die Eurokrise eine Zerreißprobe für den europäischen Wirtschaftsraum. Ich bin mir aber eigentlich sicher, dass Europa das meistern wird. Mit welchen Mitteln und mit welchen Kosten ist aber nicht abzusehen.

An der Börse habe ich 2007 angefangen, direkt nach meinem Mathematikstudium. Ich habe mich für die Börse entschieden, weil sie einen weiten Überblick über Finanzstrukturen gewährt. Man trifft eine Vielzahl von Kunden, allerdings kennt man nicht deren Handelsabsicht. In dieser Zeit habe ich eine Menge interessante Produkte betreut. Zum Beispiel die VSTOXX-Derivate und auch sogenannte Hurricane-Futures, Ablegerprodukte auf Stürme und Wetterschäden in den Vereinigten Staaten.

Und 2009 wurde ich dann von der Eurex nach London verlegt – die Marktnähe in diesem Beruf ist sehr vorteilhaft. In der Produktentwicklung ist es wichtig, dass man das Flair aktueller Entwicklungen aufnimmt und zeitnah reagiert. Es gibt viele Konkurrenten. Da muss man schnell sein.

Ich bin dann relativ bald zurück nach Frankfurt gewechselt. Nach zweieinhalb Jahren wurde es einfach Zeit für eine Veränderung. Das Schöne an meinem jetzigen Job ist, dass er mir eine ausgewogene Arbeitsweise bietet, bei der das Persönliche mit dem Beruf sehr gut vereinbar ist.

Lesen In meiner Freizeit lese ich viel. Bis vor einem Jahr war es fast ausschließlich Fachliteratur, die mit meiner Arbeit zu tun hatte. In letzter Zeit habe ich Romane wiederentdeckt. Man erhält dadurch Einblick in das Innenleben anderer Menschen. Das führt auch dazu, dass ich mich selbst besser verstehe.

Hier in Frankfurt habe ich eine ganz andere Lebensqualität als in London. Ich habe meine Freundin bei mir, kann alte Freundschaften pflegen, meine Familie ist in der Nähe. In England ist mir aufgefallen, dass viele Menschen, die nach London kommen, die Stadt recht schnell wieder verlassen. Es ist daher sehr mühsam, tiefer gehende Freundschaften aufzubauen. Denn schon die Begrenztheit der Zeit setzt ein Limit.

Bei mir ist es inzwischen so, dass die Arbeit kaum mehr die Freizeit diktiert. Allerdings setze ich mich in den freien Stunden viel mit Nachrichten auseinander. So habe ich mir bei Google eine Seite eingerichtet, die zum großen Teil aus Wirtschaftsnachrichten besteht. Sind neue Entwicklungen in der Welt zu verzeichnen, überlege ich gleich, welche Auswirkungen sie auf den Markt haben könnten.

Ob die jetzigen Ereignisse und Diskussionen über die Stabilität des Euro Folgen für meine Arbeit und Freizeit haben werden, kann ich noch nicht sagen. Aus meiner Zeit bei Eurex weiß ich aber, dass jede Marktentwicklung Auswirkungen auf das Arbeitsleben eines in der Finanzbranche Beschäftigten hat. Seien es neue Ideen, die schnell umgesetzt werden müssen, oder die Tatsache, dass Kunden einfach keine Zeit haben, auch nur ein Telefonat anzunehmen. Während der Krise 2008 haben wir es erlebt, dass Leute den Hörer abnahmen, hineinschrien: »Ich habe jetzt keine Zeit« und wieder auflegten. Der Umgangston in einer Bank ist in solchen Situationen schon etwas rauer als bei anderen Institutionen.

Identität Meine persönliche Situation hat sich verbessert, seit ich wieder in Frankfurt bin. Ein Jahr lebe ich jetzt schon in einer Beziehung. Man kann sich vorstellen, dass eine Fernbeziehung nicht das Optimum ist. Meine Freundin ist auch jüdisch, was für mich von großer Bedeutung ist. Das Judentum stellt einen wichtigen Teil meines Lebens dar, obwohl ich nicht religiös bin. Jude sein definiert sich für mich nicht primär über die Religion. Natürlich hat sie eine entscheidende Rolle in der Formung der jüdischen Identität gespielt. Für mein Selbstverständnis als Jude ist es aber nicht so relevant. Wenn man das so sagen kann, bin ich ein humanistischer Jude. Für mich sind die Geschichte des jüdischen Volkes und seine kulturellen Errungenschaften ausschlaggebend.

Um auf die derzeitigen Marktturbulenzen zurückzukommen: Ich habe zwar ein Zusatzstudium zum Anlageberater absolviert, möchte aber in der Zeitung keine Investitionsempfehlungen geben. Doch ich kann jedem, der den Wunsch verspürt zu investieren, nur raten, sich ernsthaft mit der Materie auseinanderzusetzen. Um sich zu informieren, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, zum Beispiel Kurse bei Online-Handelsplattformen oder auch bei der eigenen Hausbank. Man sollte aber nicht einfach das Gefühl entscheiden lassen. Zu glauben, dass diese oder jene Aktie heute steigen wird, und sie deshalb zu kaufen – das funktioniert nicht. Ein Grundverständnis muss vorhanden sein, sonst ist man ganz schnell in Gefahr, sein Geld zu verlieren.

Aufgezeichnet von Danijel Majic

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