Porträt der Woche

»Man muss selbst etwas tun«

»Unsere Eltern haben uns immer vorgelebt, dass man fleißig sein soll«: Marina Feidel lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Als ich acht Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir nach Odessa gefahren. Es gibt dort einen Ort mit einer ganz langen Treppe. An diesem Ort hat meine Mutter mir ein Eis gekauft, ein Pfirsicheis. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Geschmack. Ich fand das Eis so gut, dass ich gleich noch ein zweites haben wollte. Das sind die einzigen Dinge, an die ich mich erinnern kann, die lange Treppe und das Pfirsicheis. Meine Familie hat Odessa 1989 verlassen. Ich war damals drei oder vier Jahre alt. Meine acht Jahre ältere Schwester war dabei, und die Eltern meiner Mutter. Meine Eltern wollten uns ein neues Leben bieten, vielleicht mehr Geld und einen höheren Standard, als es damals in der Ukraine der Fall war. Seither sind wir nur dieses eine Mal wieder dort gewesen.

Über früher reden wir eigentlich gar nicht. Das ist so, als wäre es nie da gewesen. Meine Eltern sind nach Deutschland gekommen, damit wir ein besseres Leben haben, offen jüdisch sein können und uns nicht verstecken müssen. Außer uns kam nur noch meine Tante hierher. Der Rest der Familie und die meisten Freunde sind nach Amerika gegangen. Mein Vater aber hatte sich vor unserer Emigration in Deutschland umgeschaut. »Hier werden wir Fuß fassen«, meinte er. »Hier wird es gut sein für uns.«

Manchmal fühle ich mich unter meinesgleichen wie eine Exotin.

Bevor wir nach Berlin kamen, lebten wir ein halbes Jahr in Wien, in einer Art Transitlager. Auch die erste Zeit in Berlin verbrachten wir zusammen mit vielen anderen Emigranten in einer Aufnahmestelle. Das war ja wie eine Welle 1989. Meine Eltern hatten schon in Wien angefangen, ein bisschen in einer jüdischen Institution zu arbeiten. Außerdem hat mein Vater in der Zeit in Wien das Handwerk des Schusters erlernt. Davor, in Odessa, hatte er etwas ganz anderes gemacht.

In Berlin hat er dann tatsächlich ohne irgendwelche Sprachkenntnisse eine Schuhmacherei eröffnet. Er war jung und mutig und hat sich gesagt: »Ich habe eine Familie zu ernähren, ich mach das.« Jetzt, im Nachhinein, denke ich mir: Wow, so viele Leute, die in einem Land aufgewachsen sind, trauen sich nicht zu, selbstständig zu sein – mein Vater hat es einfach gemacht. Die Schuhmacherei war damals in Tegel. Er hat nach einiger Zeit Leute eingestellt, war sehr beliebt, und es lief gut. Unsere Eltern haben uns immer vorgelebt, dass man fleißig sein soll. Beide haben immer gearbeitet, meine Mutter war Schneiderin. Ich kenne das von klein auf so, dass die Eltern zur Arbeit gegangen sind, und habe das auch immer geschätzt.

KASCHRUT In Deutschland bin ich in die jüdische Vorschule gekommen – oh­ne Sprachkenntnisse. Ich konnte kein Deutsch, nur Russisch. Ich habe aber sehr schnell Deutsch gelernt, war immer Klassenbeste. Heute, wo ich selbst Kinder habe, fällt mir auf, wie zielstrebig ich war. Das war wahrscheinlich unterbewusst so. Meine Eltern haben mich nie gedrängt, Abitur zu machen oder zu studieren. Das kam von mir. Ich habe zunächst in Eberswalde Regionalmanagement studiert, weil ich in Berlin nicht gleich einen Studienplatz bekommen habe und nicht warten wollte. In Eberswalde war ich sehr auf mich allein gestellt. Ich hatte kaum Kontakt zu jüdischen Leuten, das war alles sehr fremd für mich, ich habe mich einsam gefühlt. Hätte ich keinen Studienplatz bekommen, hätte ich einen Ulpan in Israel begonnen, denn eigentlich wollte ich auch Alija machen.

Ich bin immer in einer jüdischen Umgebung aufgewachsen, in der Grundschule und in der Oberschule. Das Judentum liegt mir sehr am Herzen, und wir feiern jede Woche Schabbat. Mein Vater ist orthodox, er arbeitet in der jüdischen Gemeinde als Schammes. Zu Hause leben wir koscher. Ich habe eine Küche, in der Milchiges und Fleischiges getrennt sind. Viele fragen: »Warum machst du das, das ist doch kompliziert?« Aber mich schränkt es absolut nicht ein. Obwohl man in der jüdischen Gesellschaft unter seinesgleichen ist, merke ich, dass man komisch angeschaut wird, wenn man keine Meeresfrüchte und kein Schweinefleisch isst. Eigentlich merkwürdig, aber es ist tatsächlich so. Die meisten halten sich eben nicht daran, und dann ist man ein Exot unter seinesgleichen.

Deutsch fühle ich mich eigentlich nicht. Russisch fühle ich mich auch nicht. Das einzig Russische an mir ist, dass ich Russisch spreche. Ich fühle mich eher israelisch‐jüdisch. Wenn ich in den Urlaub fahre, dann fahre ich auch nicht nach Russland oder in die Ukraine, sondern nach Israel. Also, ich bin eher israelisch geprägt.

Während meines Studiums habe ich meinen Mann kennengelernt. Er hatte damals seine eigene Firma und hat an der Hochschule höhere Mathematik, Statistik und Astronomie unterrichtet. Ich fand ihn einfach interessant, weil er nicht nur viel klüger, sondern auch ruhiger und zurückhaltender war als die Männer, die ich so kannte. Die meisten Männer, die ich kennengelernt hatte, waren immer sehr redefreudig, nach dem Motto: »Große Klappe und nichts dahinter«. Und er hat immer sehr wenig gesprochen. Nach meinem Vater ist mein Mann einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die extrem viel wissen. Er ist sehr belesen und sehr klug. Charakterlich sind wir beide komplett unterschiedlich. Meinem Mann gefällt das Lustige und Spontane an mir, er selbst ist eher der Tüftler und Macher. Deshalb ergänzen wir uns gut. Man kann mit ihm stundenlang sprechen, das schätze ich sehr an ihm.

NACHHILFE Bildung und Förderung sind mir sehr wichtig. Nicht nur, weil ich meine eigenen Kinder maximal fördern möchte. Ich arbeite auch im Bildungsbereich. 2014 haben mein Mann und ich unsere eigene Firma gegründet. Seither arbeiten wir täglich zusammen. Wir bieten Unterstützung bei Abschlussarbeiten, Lektorate und Übersetzungen, aber auch Nachhilfe und ganzheitliche Förderung für Schüler. Die Digitalisierung der Gesellschaft verläuft rasant. Die Schulen sind meiner Meinung nach darauf nicht vorbereitet, weil sie entweder nicht die Hardware haben oder die Lehrer selbst dafür einfach nicht ausgebildet sind. Man lernt in der Schule vielleicht Geschichtsinterpretation und Analysen, aber auf die eigentliche Arbeitswelt wird man nicht vorbereitet. Nach dem Abitur hast du keine Ahnung von Buchhaltung oder Rechnungswesen, kannst keine Briefe schreiben. Das hast du niemals in der Schule geübt. Und schon gar nicht irgendetwas mit Computern. Heutzutage tut sich so viel in Bereichen wie Social Media oder App‐Entwicklung, da ist es wichtig für Kinder, früh in diese technischen Dimensionen einzusteigen. Es gibt andere Länder, die sind Deutschland da sehr voraus.

Deutsch fühle ich mich eigentlich nicht. Russisch fühle ich mich auch nicht. Ich fühle mich eher israelisch‐jüdisch.

Unsere Firma hat zum Beispiel gerade ein neues Projekt gestartet, in dem Kinder lernen, wie man Roboter baut und programmiert. Wir haben außerdem einen 3D‐Drucker, mit dem die Kinder aus einer Software heraus etwas gestalten können. Das ist etwas ganz Neues und Innovatives, das es an den Schulen nicht gibt. Wir kooperieren mit jüdischen Schulen wie dem Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn, aber auch mit vielen anderen Schulen oder sogar Sportvereinen. Ich finde es wichtig, selbst etwas zu tun und nicht einfach darauf zu warten, dass sich unser Umfeld und die Gesellschaft verändern.

ZIEL Mit meinem Mann zusammenzuarbeiten, finde ich fantastisch, weil wir uns so gut ergänzen. Ich bin sehr kommunikativ und arbeite gerne mit Menschen zusammen. Ich wollte deshalb mal Eventmanagerin werden. Jetzt mache ich etwas, das auch sehr kommunikativ ist. Ich telefoniere viel, mache Personal‐ und Qualitätsmanagement. Ich rekrutiere alle unsere Mitarbeiter, darunter mehrere Hundert Freelancer weltweit. Ich telefoniere auch sehr viel mit Kunden, um zu sehen, was vielleicht noch nicht so gut klappt. Das ist der beste Job, den ich mir vorstellen kann.

Wenn man ein gemeinsames Ziel hat, ist es erstaunlich, was man zusammen schaffen kann. Jeder von uns hat seinen eigenen Bereich, und das klappt sehr gut. Ich finde es schön, die viele Zeit in das eigene Geschäft und damit auch in die eigene Familie zu investieren. Dass unsere Kinder sehen, wie etwas Starkes und Gutes aus unserer Zusammenarbeit erwächst, finde ich toll, darauf bin ich stolz.

ODESSA Meine Eltern wollten nie nach Odessa zurück. Sie sind sehr glücklich, dass sie hier sind, dass es uns hier gut geht und sie das Jüdische leben können. Denn ich denke, dass sie das damals in der Ukraine nicht offen kommunizieren konnten oder wollten. Kürzlich haben wir einen Familienurlaub zusammen mit ihnen gemacht, da sind wir nach Riga geflogen. Meine Kinder sagten, sie fanden es am schönsten, die Reise zusammen mit Oma und Opa gemacht zu haben. Im nächsten Jahr wollen wir wieder alle gemeinsam verreisen, dann fahren wir nach Odessa. Ich denke, meine Eltern werden die Stadt nicht wiedererkennen. Sie werden mir natürlich zeigen, wo ich geboren wurde und wo wir gelebt haben. Das würde ich auch gerne sehen. Aber sonst ist es für uns alle wie aus einer anderen Zeit.

Meine Eltern haben ihr ganzes Leben in Deutschland aufgebaut. Es gibt nichts, was sie an Odessa noch hält. Emotional wird es für sie aber bestimmt trotzdem. Und für mich? Vielleicht werden ja doch noch einige alte Erinnerungen wach.

Aufgezeichnet von Simone Flores

Kindertransporte

Bronia, Betty und Ruth

Zeitgleich mit England nahm Belgien 1938 bedrohte Kinder auf. So überlebten auch drei Schwestern aus Berlin

von Lisa Sophie Bechner  13.12.2018

München

Malerei, Exil, Rundgang

Meldungen aus der IKG

 13.12.2018

Kompakt

Wiederwahl, Ausstellung und Lichterzünden

Meldungen aus den Gemeinden

 13.12.2018