Porträt der Woche

»Man muss etwas schaffen«

»Die Geschichten von Isaak Babel haben mich zu Vertonungen inspiriert«: Leon Guralnik (56) lebt in Erfurt. Foto: Blanka Weber

Geboren wurde ich 1965 in Schitomir in der Ukraine – in der Vergangenheit ein relativ großes Zentrum des ehemaligen Siedlungsareals, einer Stadt mit einem relativ großen jüdischen Bevölkerungsanteil. Ich erinnere mich, als ich ein Kind war, habe ich auf der Straße oft Jiddisch gehört. Mein Großvater hat mit seinen Freunden und Nachbarn auch so gesprochen. Es war seine Muttersprache.

Meine Familie ist jüdisch, doch wir haben die Religion im ukrainischen Alltag kaum gelebt. Mein Urgroßvater hingegen muss sehr religiös gewesen sein. Ich weiß nicht, was er gemacht hat, doch in der Synagoge unserer Stadt gibt es ein Möbelstück. Darauf steht der Familienname meiner Mutter.

In der Synagoge von Schitomir gibt es ein Möbelstück. Darauf steht der Name meiner Mutter.

Für mich sind heute die jüdischen Traditionen interessant, ich mag alles, was mit Musik zu tun hat, Klezmer zum Beispiel. Ich habe mich auch viel mit den Purimspielen beschäftigt, die von Susman Kiselgof, Moshe Beregovski und Sofia Magid aufgenommen und transkribiert wurden.

Seit der Kindheit kenne ich vom Jiddischen her die hebräischen Buchstaben, denn mein Onkel hat sie mir beigebracht. Bis heute habe ich mir das gemerkt.

Was die jüdische Musik anbelangt, so interessieren mich vor allem alte Aufnahmen. Das ist wie eine abgetrennte Welt für mich. Meine Eltern hatten etliche Platten mit jüdischen Liedern. Daran erinnere ich mich gut. Es ist ein ganz bestimmter Klang, eine ganz bestimmte Intonation. Ein bisschen davon fließt auch heute in meine Kompositionen ein.

TONBÄNDER Wie ich zur Musik gekommen bin? Nun, ich bin der erste Musiker in meiner Familie. Obwohl meine Großmutter auch musikalisch gewesen sein soll. Sie hat damals immer auf Jiddisch gesungen. Wenn ich das höre, die Lieder oder alte Tonbänder, wenn ich die Noten sehe, erinnere ich mich an sie.

Mit jüdischer Religion hatte ich in der Kindheit wenig zu tun. Zu Pessach haben wir Mazze gegessen, aber sonst das Judentum nur wenig gelebt. Ich ging zur Schule, auch zur Musikschule, und wusste damals noch nicht, was mich mehr interessiert: Musik, Mathematik oder Physik. Ich fand alles gleichermaßen interessant.
Am Ende habe ich dann doch die Musik gewählt.

Das reiche Kulturleben habe ich erst sehr viel später kennengelernt, als ich am St. Petersburger Konservatorium studierte. Dort habe ich sehr viele Opern und regelmäßig Konzerte oder Ausstellungen besucht. Dass ich später einmal selbst komponieren würde, hätte ich nie gedacht.

Bis heute bin ich sogar mit manch einem Lehrer in Kontakt. Ihnen verdanke ich, dass sie mir die Welt der Musik eröffnet haben.

Meine erste Komposition habe ich geschrieben, da war ich schon 48 Jahre alt. Wenn ich heute komponiere, das ist meist Vokalmusik, also mit dem Wort verbunden, dann versuche ich, die Wörter, egal ob Gedichte oder andere Texte, zu verstehen und in die Sprache der Musik zu übersetzen. Mich interessiert bis heute die Musiktheorie und -geschichte, auch die jüdische.

ANGEBOT Nach meinem Abschluss am St. Petersburger Konservatorium im Jahr 1991 kehrte ich in meine Heimatstadt Schitomir zurück und ging genau dorthin, wo ich 1984 meinen ersten Abschluss erwarb: an die Musikberufsschule. Dort begann ich als Lehrer.

Eines Tages bekam ich einen Brief aus St. Petersburg. Ein Professor des Konservatoriums schlug mir vor, die musikwissenschaftliche Sektion der neu gegründeten Gesellschaft für Jüdische Volksmusik zu leiten, einer Organisation, die einst von einer Gruppe von Rimski-Korsakow-Studenten gegründet worden war und von 1908 bis 1918 bestand. Ich nahm das Angebot ohne zu zögern an und wollte mehr wissen über diese Gesellschaft. Also widmete ich mich den Archiven.

Der wertvollste und zu dieser Zeit völlig unerforschte Teil war eine Sammlung von Phonoröhren – Wachszylinder mit Aufzeichnungen von Beispielen jüdischer Folklore –, die von Mitgliedern der Gesellschaft angefertigt worden war.
Ein Teil dieser Sammlung wird im Phonogrammarchiv des Instituts für Russische Literatur, dem Puschkin-Haus, in St. Petersburg aufbewahrt, der andere in der Vernadsky-Bibliothek in Kiew.

Diese Aufnahmen haben mich beeindruckt. Es war eine unbekannte Welt für mich, eine große Sammlung! Ich habe darüber später Artikel geschrieben und war an der wissenschaftlichen Beschreibung dieser Sammlungen beteiligt.

PANDEMIE Gerne hätte ich im vergangenen Sommer endlich wieder einmal St. Petersburg besucht, die Tickets waren schon gekauft, doch durch die Pandemie habe ich mich dann doch zurückgehalten. Manchmal ist die Sehnsucht einfach zu groß. Ich habe noch alte Freunde dort, auch in der Ukraine. Bis heute bin ich sogar mit manch einem Lehrer in Kontakt. Ihnen verdanke ich, dass sie mir die Welt der Musik eröffnet haben.

Seit 2003 lebe ich in Deutschland, in Erfurt. Meine Eltern kamen schon drei Jahre eher hier an. Inzwischen sind beide gestorben.

Mein Vater liebte die Musik. Er war Ingenieur, und meine Mutter war Ökonomin in der damaligen sozialistischen Wirtschaft der Sowjetunion. Sie wollten unbedingt, dass ich auch hierherkomme, also bin ich von der Ukraine nach Thüringen gezogen.

Um etwas zu schaffen, ist es niemals zu spät.

Ich habe schon neue Ideen, was ich als Nächstes komponieren möchte. Aber darüber kann ich noch nichts sagen. Ich suche außerdem noch einen guten Librettisten. Ich werde mal den Erfurter Regisseur Reinhard Schwalbe fragen. Denn meinen Liederzyklus und die beiden Kammer­opern hat er in seiner aktuellen Revue für die jüdisch-israelischen Kulturtage 2021 so gut umgesetzt, das hat mich gefreut.

Leider waren die Proben so aufregend für mich, dass ich ausgerechnet mit dem Fahrrad kurz zuvor stürzte und mir die Hüfte brach. Ich musste also ins Krankenhaus und konnte gar nicht alles so miterleben, wie ich gern wollte. Aber es hat gut geklappt, und ich bin sehr froh, dass meine Musik zu hören war. Privat höre ich übrigens am liebsten Folk, auch klassische Musik und sehr gerne Jazz.

KANTORIN Es wäre nicht schlecht, noch ein paar Opern zu schreiben! Man muss etwas schaffen. Das Leben soll interessant sein und soll es auch bleiben. Ich habe immer etwas gemacht. Vor zehn Jahren zum Beispiel habe ich Orpheus in der Unterwelt von Offenbach aus dem Französischen ins Russische übersetzt. Einfach so. Ich wusste, das gibt es schon dutzendfach, ich wollte es trotzdem machen.

Ich bin Fan des Yiddish Summer Weimar und habe an Workshops teilgenommen. Einmal wurden wir gebeten, ein Lied zu komponieren, das auf den Versen eines der jiddischen Dichter basiert.

Ich habe Verse der Dichterin Rachel Korn gewählt. Das war so eine Freude, dass die Sängerin und Kantorin Sveta Kundish dieses Lied – gemeinsam mit Festivalgründer Alan Bern – am nächsten Tag auf die Bühne gebracht hat.
Ich habe später noch sieben weitere Lieder zu den Versen derselben Dichterin geschrieben, die zusammen mit dem ersten Lied den Vokalzyklus »Das Wort und die Träne« bilden.

BABEL Später habe ich mich dann an die Kammeropern nach den Geschichten von Isaak Babel gewagt. Vor mehr als 30 Jahren las ich diese Geschichten, seitdem beeindrucken sie mich.

Denn Isaak Babels Prosa hat Eigenschaften, die in der russischen Literatur einzigartig sind: extreme Lakonik, stilistischer Reichtum, die Fähigkeit, ein konvexes, vollständiges Bild eines Charakters mit buchstäblich zwei oder drei Strichen zu erstellen, eine kaum wahrnehmbare Unregelmäßigkeit, eine dialektale Besonderheit der Sprache, mit einem Ausdruck, der auf einen ganz bestimmten historischen Moment bezogen ist.

Gleichzeitig wird die Handlung oft auch zwischen den Zeilen gelesen, die Geschichte kann mehrdeutig wahrgenom­men und interpretiert werden. Eine sehr menschliche Story.

KRAFT Eine schwere chronische Krankheit macht mir vieles im Alltag nicht leicht, auch nicht meine Laufbahn als Musikwissenschaftler und Komponist. Dennoch hilft mir die Musik. Ich lebe und tue so, als hätte ich keine Krankheit.
Ich habe noch viel vor im Leben und will mir vom Kampf mit dem Körper nicht die Kraft rauben lassen. Um etwas zu schaffen, ist es niemals zu spät. Auch mit 50 Jahren kann man noch anfangen zu komponieren.

Aufgezeichnet von Blanka Weber

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