ZWST

»Machane-Feeling für zu Hause«

»Es geht um das Wohl der Kinder und Jugendlichen aus unseren Gemeinden«: Nachumi Rosenblatt Foto: Gregor Zielke

Herr Rosenblatt, es gibt eine schlechte und eine gute Nachricht. Das Unerfreuliche zuerst: Die Winter-Machanot wurde abgesagt. Was hat den Ausschlag gegeben?
Ausschlaggebend waren die hohen Infektionszahlen, die besonders bei den Kindern zu sehen sind. Im Gegensatz zum Sommer wäre das Risiko eines Infektionsgeschehens erheblich größer gewesen. Daher mussten wir an die Gesundheit aller denken und diese schwere Entscheidung treffen. Außerdem konnten wir nicht sicher sein, ob es nicht weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens geben wird.

Wie haben die Kinder und deren Eltern darauf reagiert?
Die Eltern haben alle sehr verständnisvoll reagiert und waren zum Teil sogar erleichtert. Die Kinder und Jugendlichen waren natürlich sehr traurig, denn sie hatten sich wirklich sehr auf die Zeit gefreut.

Wäre eine 2G-plus-Regel möglich gewesen?
Leider nicht. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die nicht geimpft sind. Entweder erteilen die Eltern ihr Einverständnis nicht, oder sie können aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden. Es wäre einfach nicht fair gewesen, sie auszuschließen, denn im Gegensatz zu Erwachsenen können Kinder und Jugendliche sich nicht selbst entscheiden.

Die gute Nachricht ist, dass Sie an einer Alternative arbeiten. Wie sieht sie aus?
Den Machanot-Teams war bei der Absage sofort klar, dass sie die Chanichim und Chanichot nicht im Stich lassen wollen. Wir arbeiten bereits intensiv an verschiedenen Online-Highlights, damit dennoch etwas »Machane-Feeling« nach Hause kommt.

Bald jährt sich die Pandemie zum zweiten Mal. Vor allem Kinder und Jugendliche gelten als Leidtragende, da immer wieder Reisen, Veranstaltungen und der Präsenz-Schulunterricht abgesagt wurden. Können Sie sie noch erreichen?
Die Kinder und Jugendlichen haben großes Interesse an unseren Angeboten und mithilfe unserer wirklich extrem motivierten ehrenamtlichen Kräfte – sowohl den Madrichim als auch den Referentinnen – konnten wir trotz Pandemie neben den Machanot mit zahlreichen Veranstaltungen, Seminaren und Aktionen eine große Zahl an Chanichim und Chanichot erreichen.

Kann man sich online kennenlernen?
Genau das kann man. Die oben erwähnten Online-Highlights während der Winterferien werden in den Gruppen stattfinden, die auch auf Machane eingeteilt worden wären. So werden Chanichim und Chanichot aus Deutschland zusammengewürfelt und können neue Freunde gewinnen.

Fast alle Madrichim und Madrichot betonen immer, dass sie auch deshalb gern mit den Kids arbeiten, weil sie etwas zurückgeben wollen, was sie in Jugendzentren und Machanot erlebt haben. Jüdische Kultur, Tradition und das Feiern des Schabbats etwa. Was lernen die Jüngeren nun?
Diese Werte, auf denen unser Alltag basiert, werden das ganze Jahr über in allen unseren Veranstaltungen vermittelt. Grundlage unserer Jugendarbeit sind und bleiben die mehr als 3000 Jahre alten und schriftlichen Überlieferungen des Judentums. Wir ziehen bei der Vermittlung von jüdischen Werten auch immer einen roten Faden zu dem Leben der Kinder und Jugendlichen in der heutigen Gesellschaft. Beispielhaft kann ich in diesem Zusammenhang den großen Anklang unseres neuen Batmizwa-Projekts »Darkech« nennen.

Was verstehen Sie darunter?
Der Barmizwa, die ein jüdischer Junge im Alter von 13 Jahren feiert, wird in fast allen jüdischen Familien eine große Bedeutung zugeteilt. Die Batmizwa der Mädchen mit zwölf Jahren geht dagegen oft unter. Im Sinne der Gleichberechtigung war es uns ein großes Anliegen, auch den Mädchen die Möglichkeit zu geben, ihre Traditionen näher kennenzulernen und ihr jüdisches Bewusstsein zu stärken. Auf den Seminaren lernen sie unter anderem Frauen kennen, die etwas bewegt haben – von der frühen Geschichte über den Zionismus bis zum heutigen Tag –, und können aus deren Biografien etwas für ihr eigenes Leben mitnehmen.

Auch für Sie und alle weiteren Mitarbeiter des Jugendreferats der ZWST ist es hart. Sie stellen Programme auf die Beine, und dann kommt eine neue Pandemie-Welle. Wie schaffen Sie es, sich selbst, Madrichim und Mitarbeiter weiter zu motivieren?
Wir sind alle nur Menschen, auch an uns geht die Pandemie nicht spurlos vorbei, und es gibt Höhen und Tiefen. Aber es geht hier um das Wohl der Kinder und Jugendlichen aus unseren Gemeinden. Und wenn wir dann die lachenden Kinder auf Machane oder die weinenden Kinder, wenn sie abreisen, sehen, dann war es jede Mühe wert. Es macht natürlich einen Unterschied, ob man sich in Präsenz trifft oder online, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Freude sind trotzdem da.

Planen Sie ein Sommer-Machane?
Wir haben noch nie aufgehört zu planen. Durchführen konnten wir in den vergangenen zwei Jahren auch fast alles, was geplant war, wenn nicht in Präsenz, so doch online. In den letzten beiden Jahren konnten wir unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen die Sommer-Machanot gesund abschließen. Wir hoffen, dass dies uns und den Kindern und Jugendlichen auch im nächsten Jahr gelingen wird. Unser Motto bleibt: One Machane can change everything.

Mit dem Leiter des Kinder-, Jugend- und Familienreferats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sprach Christine Schmitt.

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