Synergie

Lobbyisten fürs Soziale

Zeitungsmeldung über Vereinbarungen in der Wohlfahrtspflege sind nicht eben Hingucker. Auch die jüdische Gemeinschaft wird die Meldung »Die in der örtlichen Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossenen Verbände haben sich auf der Ebene der Städteregion neu aufgestellt. Gab es bisher nach Stadt und Kreis Aachen getrennte Arbeitsgemeinschaften, sind diese nun zu einer fusioniert«, eher beiläufig gelesen haben.

Dabei hat die Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege große Auswirkungen auf die Arbeit der jüdischen Gemeinden. Schließlich ist eines der Mitglieder im Bundesarbeitsverband die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). In den Landes‐ und Kreisligen sind die jeweiligen jüdischen Gemeinden vertreten.

vorteil »Alles, was dabei hilft, die Arbeit ein bisschen einfacher zu gestalten, ist natürlich hoch willkommen«, sagt Simona Serbu, Sozialarbeiterin der jüdischen Gemeinde in Aachen zu der zitierten Zeitungsmeldung. »Wir haben nur sehr wenig Personal in der Gemeinde«, fährt sie fort, »da ist es schon sehr gut, wenn man weiß, welchen der Kollegen der anderen Wohlfahrtsverbände man bei einem Problem anrufen kann. Wenn diese besser vernetzt sind, profitieren wir davon.«

Die »Deutsche Liga der Freien Wohlfahrtspflege« wurde 1924 gegründet, zwei Jahre später trat die seit 1917 bestehende ZWSt dem größten Zusammenschluss der freien Verbände und Initiativen bei. Ab 1933 wurden die meisten Wohlfahrtsverbände von den Nazis entweder verboten oder in ihrer Arbeit stark eingeschränkt. Erst 1945 nahm man die Tätigkeit in Westdeutschland wieder auf.

In der heutigen Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege sind die Spitzenverbände wie ZWSt, die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, die Diakonie sowie der deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband organisiert. Gemeinsam haben sie das Ziel, die soziale Arbeit weiterzuentwickeln. Ihre Struktur ist föderalistisch: Die Verbände vor Ort arbeiten in Landes‐ und Kreisligen.

»Interessenvertretung und Lobbyarbeit« nennt Wolfgang Stichnothe vom jüdischen Lola‐Fischel‐Haus in Hannover die Tätigkeit des Zusammenschlusses der Verbände. Das Wort Lobbyarbeit hat meist einen negativen Beigeschmack. In diesem Fall arbeitet man jedoch zusammen, um beispielsweise bedürftigen Menschen effizienter helfen zu können.

Als Beispiel nennt Stichnothe die Transparenzkriterien, nach denen seit dem 1. Mai 2009 Heime und Pflegedienste geprüft werden: »Wir sind an der Ausarbeitung dieser Kriterien beteiligt worden.« Das Wort der Freien Wohlfahrt habe schließlich nicht nur aus fachlichen Gründen Gewicht: »Die Freie Wohlfahrt beschäftigt 20.000 Mitglieder, wir nehmen nicht nur. Wir sind auch ein potenter Partner auf dem Arbeitsmarkt, das darf man nicht unterschätzen.«

konzentriert Eine »politische Vertretung in sozialen Angelegenheiten« nennt auch Werner Meier, kommissarischer Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg (IRGW) die Liga. »Wir betreuen ein Wohnheim, in dem vorwiegend jüdische Migranten untergebracht sind«, berichtet Meier aus der Praxis. »Wenn also Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns kommen, haben sie gleich einen Erstkontakt zur jüdischen Gemeinde, was natürlich sehr wichtig ist.« Aber auch die nichtjüdischen Bewohner dieser Einrichtung werden von der IRGW betreut, denn es arbeiten nicht mehrere Wohlfahrtsverbände in einer Einrichtung, sondern jeweils nur eine.

Zu denen, um die sich die IRGW kümmert, gehören auch unbegleitete Flüchtlinge, wie minderjährige Migranten – wie sie im Amtsdeutsch genannt werden. Ohne die Liga der Spitzenverbände wäre die Arbeit für den einzelnen Spitzenverband der Wohlfahrtspflege ungleich schwieriger, sagt Meier. Auch für die jeweiligen jüdischen Gemeinden, die auf der Ebene der Kreisliga von den Wohlfahrtsverbänden profitieren.

Die Städte müssen Geld sparen, oft tun sie dies im sozialen und im Flüchtlingsbereich, weiß Meier. »Wenn dann Einrichtungen geschlossen werden, ist das immer sehr konfliktbeladen«, erklärt der Geschäftsführer. Ein wesentlicher Aufgabenbereich ist die Arbeit mit der »großen Gruppe traumatisierter Flüchtlinge. Für deren Betreuung hat man einfach einen größeren Raum‐ und Platzbedarf als die in den Statuten vorgesehenen drei Quadratmeter.«

Als Beispiel für weitere Themen, die in der Kreisliga besprochen werden, nennt Meier auch die Weiterbildung von Erzieherinnen in Kindergärten. »In letzter Zeit ist Sprachförderung ein Thema, und da natürlich auch die Möglichkeit, die Betreuerinnen fortzubilden.«

Experten Die jüdischen Gemeinden profitieren vom Know‐how der großen Verbände. »Die Referenten sind beispielsweise Spitzenexperten auf ihren jeweiligen Gebieten. Außerdem haben die Verbände Rechtsberater und Juristen, die wir einfach nicht haben.«

Man müsse zugeben, dass die Gemeinden wohl ein bisschen mehr von den Verbänden profitieren als umgekehrt. »Das liegt natürlich auch daran, dass wir anders strukturiert und aufgestellt sind als die anderen Wohlfahrtsverbände«, sagt Meier. Probleme gebe es deswegen allerdings nicht, »und manchmal erreichen wir ja auch mehr, etwa, wenn es um gemeinschaftliche Projekte geht, die über die EU gefördert werden. Da haben wir als Antragsteller vielleicht einen etwas größeren Bonus als die anderen.«

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